Piloten forderten Flugverbot für 737 Max – vor zweitem Absturz

jfk/dpa

16.5.2019 - 14:27

Piloten verlangten bereits vier Monate vor dem zweiten Absturz einer Boeing 737 MAX weitreichende Verbesserungen der MCAS-Software. Doch die Delegation der Flugzeugbauer lehnte ab, wie Zitate eines Tonmitschnitts des vertraulichen Treffens belegen.

Am Flughafen Dallas Fort Worth fand am 27. November 2018 hinter verschlossenen Türen eine Krisensitzung zwischen statt. Die Pilotengewerkschaft von American Airlines hatte dazu mehrere Vertreter von Boeing zum Rapport einbestellt, wie CBS News berichtet. Vier Wochen zuvor war eine fast neue Boeing 737 Max in Indonesien abgestürzt – alle 189 Insassen starben.

Ermittlungen ergaben, dass der Bordcomputer die Nase des Flugzeugs automatisch immer wieder nach unten drückte und die Crew versucht habe, sie nach oben zu steuern. «Das passierte während des gesamten Flugs, bis die Aufzeichnungen des Datenschreibers enden.»

Schon länger wird darüber spekuliert, dass eine neu eingeführte Software den Absturz der vom Billigflieger «Lion Air» betriebenen Boeing verursacht haben könnte. Das sogenannte Maneuvering Characteristics Augmentation System (MCAS) wurde von Boeing eigens für die 737 Max entwickelt.

Boeing wies Forderungen zurück

Dem durch «CBS News» übermittelten Audiomitschnitt zufolge sollen die Piloten von American Airlines, die 24 Boeing 737 Max 8 in der Flotte führen, erst durch den Absturz von der Existenz der Trimmautomatik MCAS erfahren haben. Die Flugsteuereungssoftware soll einen zu starken Steigwinkel reduzieren und einen Strömungsabriss verhindern.



Bei dem Treffen in Dallas Fort Worth sollen Gewerkschaftsvertreter und Flugkapitäne verlangt haben, «Boeing solle bei der FAA eine dringliche Lufttüchtigkeitsanweisung erwirken», wie die «New York Times» berichtet. Notfalls müsse die Luftaufsichtsbehörde in Washington ein Flugverbot für die betroffenen Maschinen verhängen. 

Die Gegenseite Boeing, vertreten durch den Entwicklungschef, einen Testpiloten und einen Konzernlobbyisten, erteilte diesem Ansinnen laut des Tonbandprotokolls jedoch eine Absage. Die Rolle der MCAS-Software bei dem Absturz müsse erst hinreichend geklärt werden. Allerdings wurde zugegeben, dass der Hersteller möglichen Konstruktionsfehlern nachgehe.

Neuzertifizierung des MCAS

Keine drei Monate nach der Zusammenkunft, die Medienberichten zufolge in angespannter Atmosphäre stattfand, stürzte wieder eine Boeing 737 Max 8 von «Ethiopian Airlines»  kurz nach dem Start in Addis Abeba ab. Auch dieses Unglück am 10. März 2019 überlebte keiner der 157 Menschen an Bord.

Startverbote für Boeing 737 Max nach Absturz in Äthiopien

Dieses Mal reagierten die Behörden konsequent und verhängten drei Tage später ein weltweites Flugverbot für die bisher 371 ausgelieferten Flugzeuge dieses Typs. Die FAA ist momentan noch mit der Zertifizierung einer von Boeing verbesserten Software für das MCAS beschäftigt, die Freigabe könnte frühestens im August erfolgen.

Ob die zweite Boeing tatsächlich wegen einer fehlerhaften Software abstürzte und die Vertreter des Flugzeugbauers bei dem Treffen möglicherweise eine Mitverantwortung für den Absturz in Äthiopien tragen, bleibt abzuwarten.

Eine Boeing 737 Max 8 im Landeanflug. (Archiv)
Bild: Keystone
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