Schlamperei oder Brandstiftung? Südafrikas Parlament in Trümmern

SDA

3.1.2022 - 12:46

Der Großbrand in Südafrikas Parlament hat schwere Schäden angerichtet. Foto: Lyu Tianran/XinHua/dpa
Keystone

Entsetzen, Staunen und grosse Zweifel an der Sicherheit: Das verheerende Feuer des historischen Parlamentsgebäudes in Kapstadt hat Südafrika zum Jahresbeginn geschockt. Das politische Epizentrum der noch relativ jungen Kap-Demokratie wurde von einem Grossbrand schwerst beschädigt. Wie ein flammendes Fanal standen schwarze Rauchsäulen weithin sichtbar über dem Gebäude mit seiner repräsentativen Fassade, vor dem eine Büste des Freiheitshelden, Friedensnobelpreisträgers und ersten schwarzen Präsidenten Nelson Mandela steht. Fotos vom Inneren der Nationalversammlung zeigten am Montag Verwüstung und verkohlte, noch rauchende Trümmer.

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3.1.2022 - 12:46

«Wir sind am Boden zerstört», sagte die Fraktionschefin des regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC), Pemmy Majodina, vor laufenden Kameras und betonte: «Mein Büro wurde zum zweiten Mal zerstört.» Das erste Mal war im vergangenen März, nach einem Kurzschluss, der im Parlamentsgebäude einen Brand ausgelöst hatte. Danach gab es einen Bericht mit Empfehlungen, um das veraltete Stromnetz des Gebäudes auf den neuesten Stand zu bringen. Ob das bereits erledigt war, muss nun eine Untersuchung klären.

Allerdings gab Kapstadts Sicherheitsbeauftragter Jean-Pierre Smith bereits erste Hinweise auf schwere Sicherheitsmängel. So habe sich das Elektrizitätssystem nicht wie geplant automatisch ausgeschaltet und die Belüftungsanlagen weiter laufen lassen. Die Flammen hätten sich so schnell ausgebreitet. Zudem sei der automatische Feueralarm erst mit grosser Verspätung ausgelöst worden. «Wir waren bereits 20 Minuten vor Ort, bevor sich das System erstmals aktivierte», sagte Smith dem TV-Sender eNCA. Einige Systeme, die 2020 hätten gewartet werden müssen, seien zuletzt 2017 überprüft worden. Zudem sei an der automatischen Sprinkleranlage ein Ventil geschlossen gewesen.

Ausgeschlossen werden kann bisher aber auch Brandstiftung nicht, nachdem ein 49-jähriger Mann in dem Gebäude festgenommen worden war. Die zuständige Ministerin Patricia de Lille kündigte an, dass sich der Mann an diesem Dienstag wegen Einbruchs, Diebstahls und Brandstiftung vor Gericht verantworten soll. Er war von Kameras beobachtet worden, wie er durch das leere Gebäude schlich. «Wie das in so einem Komplex passieren kann, macht einfach nur sprachlos», sagte Smith, der von einer massiven Sicherheitslücke sprach.

Nach ersten Erkenntnissen waren die Patrouillen ausgedünnt zu einer Zeit, als Stunden zuvor nur wenige Strassen weiter ein Begräbnis für den verstorbenen Erzbischof, Volkshelden und Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu viele Sicherheitskräfte gebunden hatte. Zudem waren viele Südafrikaner wegen der grossen Sommerferien in Feierlaune: Angesichts nur noch geringer täglicher Neuinfektionen waren kurz vor Silvester fast alle Corona-Restriktionen im Lande aufgehoben worden.

Das verheerende Feuer hat nun in Südafrika eine Debatte entfacht, die bisher vor allem in den sozialen Medien ausgetragen wird: Dabei geht es um einen Umzug des Parlaments in die rund 1400 Kilometer entfernte Hauptstadt Pretoria, wo sich auch schon der Regierungssitz befindet. Denn grosse Teile des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes gelten nun als einsturzgefährdet, ein Wiederaufbau könnte nach ersten Schätzungen dreistellige Millionenbeträge verschlingen. Zudem haben Wasser und Rauch viele der Kunstwerke in dem Gebäude zerstört oder beschädigt – darunter einen 120 Meter langen Wandteppich, der die Geschichte Südafrikas darstellen soll.

Lediglich die Bibliothek mit wertvollen Büchern blieb unbeschädigt – für sie war vor einigen Jahren eine feuersichere Wand eingezogen worden. «Ich hoffe, dass sich das Gebäude wieder wie ein Phönix aus der Asche erheben wird», sagte die sichtlich bewegte Fraktionschefin der Oppositionspartei Democratic Alliance, Natasha Mazzone. Sie zeigte sich empört über Parlamentarier, die in den sozialen Medien das Feuer als Chance begrüssten, um den Parlamentssitz zu verlegen.

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