Assad will Grenzen öffnen Syrer in Rebellengebieten verlieren Hoffnung auf Hilfen

Von Sarah El Deeb, AP

14.2.2023 - 04:31

UN: «Menschen im Nordwesten Syriens im Stich gelassen»

UN: «Menschen im Nordwesten Syriens im Stich gelassen»

Damaskus, 12.02.2023: Nach der Erdbebenkatastrophe haben die Vereinten Nationen Versäumnisse eingeräumt bei der Hilfe für die Opfer im Nordwesten Syriens. UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths sagte am Sonntag bei Twitter während eines Besuchs in der syrisch-türkischen Grenzregion: Zitattafel: «Wir haben die Menschen im Nordwesten Syriens bisher im Stich gelassen. Sie halten Ausschau nach internationaler Hilfe, die nicht eingetroffen ist.» Es sei seine Pflicht, diese Fehler so schnell wie möglich korrigieren zu lassen, erklärte Griffiths. Die erste Lieferung von UN-Hilfsgütern kam am Donnerstag über Bab al-Hawa – und damit erst drei Tage nach der Erdbebenkatastrophe vom vergangenen Montag an.

14.02.2023

Die Syrer in der Rebellenenklave im Nordwesten hatten schon vor dem Erdbeben wenig. Nun haben viele auch noch den Rest verloren – und sind auf sich selbst angewiesen, weil bislang kaum Hilfe von aussen gekommen ist.

DPA, Von Sarah El Deeb, AP

Nach Jahren des Krieges sind die Einwohner in Teilen des nordwestlichen Syriens mit einer neuen schlimmen Realität konfrontiert. Gut eine Woche, nachdem das verheerende Erdbeben der Stärke 7,8 ihr Gebiet und die benachbarte Türkei erschüttert hat, leiden sie schwer unter einem Mangel an Hilfen aus dem Ausland. Auch die Vereinten Nationen haben eingeräumt, dass die internationale Gemeinschaft bei der Unterstützung der Bebenopfer in Syrien versagt habe.

Atareb ist eine Stadt, die nach Jahren der Kämpfe gegen Regierungstruppen weiter von syrischen Rebellen kontrolliert wird. Hier gruben Überlebende am Wochenende in den Trümmern ihrer Häuser, auf der Suche nach Überbleibseln von dem, was sie vorher hatten – auch wenn es wenig war nach einer Serie humanitärer Katastrophen in ihrer vom Krieg gezeichneten Gegend. Bagger hoben Trümmerteile und Einwohner zerschmetterten mit Schaufeln und Spitzhacken noch stehende Pfeiler, um ein zerstörtes Gebäude zu ebnen.

Dutzende obdachlos gewordene Familien versammelten sich, um heisse Mahlzeiten von örtlichen Freiwilligen und der von den Oppositionellen betriebenen Stadtverwaltung in Empfang zu nehmen. Ein Privatbürger ging in einem notdürftigen Lager von Zelt zu Zelt und händigte Geldscheine aus – umgerechnet 16,80 Euro pro Familie.

Ein Mann sitzt in den Trümmern eines zerstörten Hauses in Atareb. (12. Februar 2023) 
Ein Mann sitzt in den Trümmern eines zerstörten Hauses in Atareb. (12. Februar 2023) 
Bild: Keystone/AP Photo/Hussein Malla

Syrer: Auf sich alleine gestellt

Mit anderen Worten – die Syrer taten das, was sie seit Jahren der Krise gewohnt sind: Sie stützen sich auf sich selbst, um sozusagen die Scherben ihres eigenen Lebens aufzusammeln und von vorne anzufangen. «Wir lecken unsere eigenen Wunden», sagt Hekmat Hamud, der in Syriens andauerndem Bürgerkrieg schon zwei Mal vertrieben worden war, bevor er sich nach dem Erdbeben unter Trümmern wiederfand und dann nach Stunden gerettet wurde.

Die von Rebellen kontrollierte Enklave im nordwestlichen Syrien, deren vier Millionen Einwohner seit Jahren unter gnadenlosen Luftangriffen und verbreiteter Armut leiden, ist schwer von dem Beben am 8. Februar getroffen worden. Viele in dem Gebiet hatten bereits durch den Konflikt ihre Bleibe verloren und leben in überfüllten Zeltsiedlungen oder Gebäuden, die durch vergangene Bombardierungen strukturell geschwächt sind. In dem Beben sind mehr als 2100 Menschen umgekommen, und manche der neu obdachlos gewordenen Einwohner sind gezwungen, im kalten Winter unter Olivenbäumen zu schlafen.

«Ich habe alles verloren», sagt Fares Ahmed Abdo, ein Vater von zwei Kindern. Er ist glücklich, dass er und seine Familie das Beben überlebt haben. Aber sein neues Zuhause und die Werkstatt, in der er mit der Reparatur von Motorrädern seinen Lebensunterhalt verdiente, wurden zerstört. Jetzt sind er, seine Frau, zwei Söhne und seine kranke Mutter zusammen in einem kleinen Zelt untergebracht, ohne Strom, ohne Toiletten. «Ich warte auf irgendeine Hilfe», sagt der 25-Jährige.

Menschen in Nordwestsyrien «im Stich gelassen»

Bei einem Besuch an der türkisch-syrischen Grenze am Sonntag räumte UN-Nothilfekoordinator Martin Griffiths ein, dass die internationale Gemeinschaft die Syrer im Regen stehen gelassen habe. «Wir haben bislang die Menschen in Nordwestsyrien im Stich gelassen», erklärte er. «Es ist meine Aufgabe und unsere Pflicht, dieses Versagen so schnell wie möglich zu korrigieren.»

Der syrische Präsident Baschar al-Assad stimmte zuletzt der Öffnung zweier neuer Grenzübergänge zur Türkei zu, damit dringend benötigte Hilfe an Erdbebenopfer in Gebieten unter Kontrolle der Rebellen gelangen kann, wie Griffiths nach einem Treffen mit Assad in Damaskus verkündete. Demnach sollen die Grenzübergänge Bab Al Salam und Al Ra'ee vorläufig für drei Monate geöffnet werden.

Das nordwestliche Syrien ist fast ganz auf Hilfe angewiesen, um überleben zu können, aber internationale Unterstützung ist nach dem Beben nur langsam in das Gebiet geflossen. Der erste UN-Konvoi, der die Gegend von der Türkei aus erreicht hat, traf am Donnerstag ein – drei Tage nach dem Erdbeben. Davor war die einzige Fracht, die den Übergang Bab al-Hawa an der türkisch-syrischen Grenze passierte, ein ständiger Strom von toten Erdbebenopfern, die zum Begräbnis nach Hause gebracht wurden – syrische Flüchtlinge, die vor dem Bürgerkrieg in ihrem Land geflüchtet waren und sich in der Türkei angesiedelt hatten, um dann bei der Naturkatastrophe ums Leben zu kommen.

Unterstützung aus Regierungsterritorium abgelehnt

Die UN-Hilfe, die von der Türkei aus nach Syrien geschickt wird, durfte bisher nur über den Übergang Bab al-Hawa ins Land transportiert werden. Viele Strassen sind beschädigt, das verkompliziert die Sache. Technisch sind auch Lieferungen aus von der syrischen Regierung kontrollierten Gebieten in die Rebellen-Enklave möglich, aber diese Route hat ihre eigenen Hürden, etwa bürokratischer Art, wie Kritiker der Regierung von Assad sagen, und bislang kam nur tröpfchenweise Hilfe auf diesem Weg.

Ein Konvoi sollte am Sonntag vom Regierungsgebiet aus UN-Hilfsgüter in das von Rebellen kontrollierte Idlib bringen, wurde aber von einer Gruppe Aufständischer mit Verbindungen zur Al-Kaida an der Einfahrt gehindert. Man lehne es ab, Unterstützung aus Regierungsterritorium zu erhalten, erklärte der Verwaltungsarm der Gruppe. Auch von der Türkei gestützte Rebellen haben Konvois daran gehindert, Hilfsgüter an Erdbebenopfer zu liefern, die von rivalisierenden US-gestützten kurdischen Gruppen aus benachbarten Gebieten geschickt wurden. 

Während Hilfen nur langsam im Nordwesten eintreffen, haben mehrere Länder, die während des Bürgerkrieges ihre Verbindungen zu Damaskus gekappt hatten, Güter in von der Regierung kontrollierte Gebiete geliefert. Dazu zählen arabische Staaten wie Ägypten und die Vereinigten Arabischen Emirate.

«Zu wenig, zu spät»

Raad a-Saleh ist Chef der Weisshelme, einer Zivilschutzgruppe im Rebellengebiet im Nordwesten. Er nennt Griffiths' Besuch «zu wenig, zu spät». Rufe nach internationaler Hilfe von örtlichen Rettungsteams seien tagelang unbeachtet geblieben, «und während dieser Zeit sind zahlreiche Menschenleben unnötigerweise verloren worden». 

Abdel-Hassib Abdel-Rahim wühlt im Schutt des zerstörten vierstöckigen Hauses seiner Tante. Er hat ihre Leiche und die seines Onkels Stunden nach dem Erdbeben aus den Trümmern geborgen, und nun ist er zurück gekommen, um nach Verwertbarem wie Decken, Kissen und Kleidung zu suchen. Der 34-Jährige sagt, er mache sich keine Illusionen, dass humanitäre Hilfe seine Probleme lösen wird: «Wir haben keine Hoffnung mehr.»