Waffen und Emojis: Immer mehr Gangs nutzen soziale Medien

13.6.2018 - 13:47, Michael Tarm, AP

Lamanta Reese verbrachte einen grossen Teil seines Lebens als Gangmitglied im Internet. Er nutzte die sozialen Medien, um Rivalen zu verspotten. Im Mai 2017 starb er im Alter von 19 Jahren mit elf Kugeln im Körper. (Archiv)
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Der mutmassliche Täter Quinton Gates, einer der von Reese verhöhnten Gangrivalen. Als möglicher unmittelbarer Auslöser des Verbrechens gilt ein von Reese geposteter Smiley, den der Tatverdächtige als Beleidigung seiner Mutter gedeutet haben könnte.
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Dieses Youtube-Video zeigt ein bewaffnetes Gangmitglied, das sich in Chicago im Revier einer anderen Gang aufhält.
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Ein Tweet des erschossenen Lamanta Reese.
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Ein Buch über Strassengangs dient in Chicago den Strafverfolgungsbehörden als Leitfaden.
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Zwei Polizeibeamte bei der Buchvorstellung. Aktualisierte Gangstrassenkarten der Chicagoer Kommission weisen die Territorien von 59 Strassenbanden in der Stadt aus. Dazu zählen die «Black Disciples» (Schwarze Jünger), denen Reese angehörte.
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Die neuen Daten zeigen auch auf, wie stark sich Gangs in den vergangenen Jahren in kleinere, weniger disziplinierte Gruppen aufgespalten haben, die schneller zu Gewalt greifen. Insgesamt werden mehr als 2000 solcher Splittergruppen in Chicago aufgelistet.
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Die sozialen Medien halten auch die Erinnerung an den erschossenen Reese wach. So postete sein Vater auf Facebook eine Botschaft mit 14 weinenden Emoji-Gesichtern und den Worten: «Ich vermisse meinen Sohn.»
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Auch Strassenbanden machen sich immer stärker die sozialen Netzwerke zunutze - und das oft nicht zum Guten. Das zeigt sich in der US-Metropole Chicago. Hier steht Gewalt häufig in Verbindung mit Botschaften im Internet.

Lamanta Reese verbrachte einen grossen Teil seines Lebens als Gangmitglied im Internet. Er nutzte die sozialen Medien, um Rivalen zu verspotten. Im Mai 2017 starb er im Alter von 19 Jahren in der wirklichen Welt, mit elf Kugeln im Körper. Sie trafen ihn, als er in der Abenddämmerung auf einer Veranda in Chicagos South Side sass.

Der mutmassliche Täter: einer der von Reese verhöhnten Gangrivalen. Als möglicher unmittelbarer Auslöser des Verbrechens gilt ein von Reese geposteter Smiley, den der Tatverdächtige als Beleidigung seiner Mutter gedeutet haben könnte.

Diese Vermutung kommt nicht von ungefähr. Auch Strassenbanden nutzen die sozialen Medien, und das immer stärker - sei es, um zu prahlen, Gegner herauszufordern oder verdeckt mit Drogen zu handeln. Strafverfolgungsbehörden sehen darin einen markanten Wandel in der Art und Weise, wie Gangs mittlerweile operieren.

Belegt wird das durch neue Daten, die eine Kommission in Chicago zusammengestellt hat und die der Nachrichtenagentur AP vor der offiziellen Veröffentlichung zugänglich gemacht wurden. Demnach haben Facebook, Twitter, Instagram und andere soziale Medien die Gangkultur in der besonders stark von Gewaltkriminalität betroffenen US-Metropole radikal verändert. Und nicht nur hier.

Wenn in diesen Tagen Ganggewalt ausbreche, gebe es fast immer eine Verbindung zu irgendeiner Online-Botschaft, formuliert es Rodney Phillips, der im ärmlichen Chicagoer Stadtteil Englewood als Vermittler in Gangkonflikten arbeitet. Das ist auch die Gegend, in der Reese lebte und starb.

Ursachenforschung bei Google

Wenn er erfahre, dass Spannungen in Gewalt eskaliert seien, dann gehe er zur Ursachenforschung nicht als erstes auf die Strasse, so Phillips. «Ich google. Ich gehe auf YouTube und Facebook. Das ist es, wie du heute die Spuren eines Konflikts verfolgen kannst.»

Reeses trauernder Vater sieht das genauso. Auf die Frage, was zum Tod seines Sohnes geführt habe, antwortet er ohne zu zögern: «Etwas im Internet.» Lamanta und der später wegen Mordes angeklagte Quintan «ManMan» Gates hätten auf Facebook Gehässigkeiten ausgetauscht.

Aktualisierte Gangstrassenkarten der Chicagoer Kommission weisen die Territorien von 59 Strassenbanden in der Stadt aus. Dazu zählen die «Black Disciples» (Schwarze Jünger), denen Reese angehörte. Die neuen Daten zeigen auch auf, wie stark sich Gangs in den vergangenen Jahren in kleinere, weniger disziplinierte Gruppen aufgespalten haben, die schneller zu Gewalt greifen.

Durch Facebook-Eintrag herabgwürdigt gefühlt

Insgesamt werden mehr als 2000 solcher Splittergruppen in Chicago aufgelistet. Die erfolgreiche Strafverfolgung von Gangbossen, die ihre «Strassensoldaten» kontrollierten, in den 1990er Jahren haben Machtvakuen geschaffen, die dann von kleineren Gruppen ausgefüllt wurden - angeführt von jungen Leuten, die sich gern abspalten wollten.

Der 19-jährige Gates war wie Reese ein «Schwarzer Jünger», aber Reese gehörte der Untergruppe «Lowlife» an und Gates dem «MacBlock». Beide Gruppen kontrollieren jeweils mehrere aneinandergrenzende Strassenblocks.

Reese und Gates seien einst Freunde gewesen, sagt Michael Nash, ein anderer Schlichter in Gangkonflikten. Was die beiden auseinandergebracht habe, sei nicht ganz klar. Aber Gates habe sich - kurz vor den Schüssen - durch einen Facebook-Eintrag von Reese verächtlich gemacht gefühlt.

Soziale Medien heizen Gewalt an

Eine andere Person habe sich respektlos über Gates' Mutter geäussert und Reese das mit einem Smiley-Emoji kommentiert. Ohne die sozialen Medien hätte Reese vielleicht nur schadenfroh vor sich hin gelacht, und das wäre alles gewesen, so Nash. «Aber mit den sozialen Medien - da sieht es jeder. Soziale Medien sind das Benzin, das Gewalt anheizt.»

Vermeintliche Beleidigungen sind in den Augen von Gangs eine schwerwiegende Sache, eine Verletzung der Ehre, die Vergeltung erfordert. Und wenn diese Respektlosigkeit via soziale Medien auch noch an die grosse Glocke gehängt wird, ist das umso schlimmer. «Du hast das Gefühl, dass du handeln musst», sagt Vermittler Phillips, der wie Nash für die gemeinnützige Organisation TargetArea arbeitet. Die Gruppe bemüht sich um die Eindämmung von Gangkonflikten.

Reese, der den Spitznamen «Taedoe» hatte, war ein eifriger Twitterer, setzte 28'000 Tweets ab. Er stellte Machogehabe zur Schau, aber äusserte sich manchmal auch nachdenklich, sprach etwa über die Möglichkeit, durch Gewalt ums Leben zu kommen. In einem seiner letzten Tweets hiess es - begleitet von einem Emoji mit traurigem Gesicht: «Tod sollte leicht sein, denn Leben ist hart.»

14 weinende Emojis

Insgesamt war Reese eines von 650 Mordopfern, die 2017 in Chicago registriert wurden. Der Polizei zufolge gab es in den meisten dieser Fälle eine Gangverbindung. 2018 ist die Zahl der Morde bislang im Vergleich zum Vorjahr um etwa 20 Prozent zurückgegangen, was die Polizei zum Teil auf bessere Informationen und verstärkte Patrouillen bei bestimmten Anlässen in bestimmten Gegenden zurückführt, etwa dann, wenn sich Bluttaten von Gangs jähren.

So gross ist die Rolle der sozialen Medien in den Gangdynamiken mittlerweile geworden, dass ein Pastor in Englewood bei der Schlichtung eines Konflikts zwischen zwei Bandengruppierungen 2016 darauf bestand, dass beide Seiten mit Verspottungen im Internet aufhören. Der «Waffenstillstand» dauerte länger als die meisten anderen: 16 Monate.

Nun helfen die sozialen Medien, die Erinnerung an Reese wachzuhalten. So postete sein Vater auf Facebook eine Botschaft mit 14 weinenden Emoji-Gesichtern und den Worten: «Ich vermisse meinen Sohn.»

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