Wo «Hetero» zum Schimpfwort wird

Valerie Zaslawski, Berlin

20.9.2019 - 14:57

Verkehrsblockaden, ziviler Ungehorsam und Glockengeläut: Weltweit gehen heute Menschen fürs Klima auf die Strasse. Ein Augenschein in Berlin, wo sich ein Teil der Aktivisten in eine Reihe stellt mit Ghandi und Rosa Parks.

Mit rund 200 Veloklingeln wurde am frühen Freitagmorgen auch in Berlin der internationale Klimastreik eingeläutet und der Autoverkehr in der deutschen Hauptstadt punktuell lahmgelegt. «Klimagerechtigkeit jetzt!» und «Schützt unsere Erde!», war auf den Transparenten zu lesen. Die Polizei, so scheint es zumindest zu Tagesbeginn, nimmt die Sache sportlich und lässt die Demonstranten den Kreisverkehr am Ernst-Reuter-Platz für gut eine Stunde blockieren.



Organisiert wurde die Guerilla-Aktion vom Bündnis «Ungehorsam für alle». Ihm gehört auch die radikale Klimagruppierung Extinction Rebellion an – auf Deutsch in etwa «Rebellion gegen das Aussterben». Diese hat zuletzt auch in Zürich für Aufsehen gesorgt, als Aktivisten die Limmat knallgrün färbten.

«Ökonazis!» schimpft der Autofahrer

«Heute sollte niemand mit dem Auto zur Arbeit fahren, alle Menschen sollten sich am Streik beteiligen. Es gibt Wichtigeres, als dem Alltag nachzugehen. Unser Alltag richtet globale Zerstörung an, deswegen stören wir heute genau diesen Alltag», lässt Hannah Eberle, Sprecherin des Bündnisses, verlauten.

Dass manch ein Autofahrer mit Wut auf die Aktion reagierte, überrascht wenig. Sie machten ihrem Ärger mit lautem Gehupe Luft und beschimpften die Demonstranten mit «Ökonazis!». Diese konterten die verbale Attacke einigermassen gelassen mit «Schnauze, ihr Heteros!». Die sexuelle Präferenz gilt hier offenbar als neues Schimpfwort.

Massnahmenpaket der Bundesregierung

«Ungehorsam für alle» schliesst sich mit der Aktion dem Aufruf der Jugendbewegung «Fridays for Future» zum heutigen Klimastreik an. Die beiden Gruppierungen beziehen sich solidarisch aufeinander. Was sie eint, ist der Kampf gegen die Klimakrise. Zudem verfolgen sie alle das Prinzip der Gewaltlosigkeit, wenn auch in Medienberichten bereits mehrfach zu lesen war, die Klimabewegung könnte aufgrund der unterschiedlichen Radikalität der verschiedenen Gruppierungen gespalten werden.



Weltweit dürften unter verschiedenen Flaggen derzeit also Tausende und Abertausende für den Erhalt des Planeten demonstrieren. Mit dabei sind in Berlin auch Umwelt- und Entwicklungsorganisationen wie Greenpeace und Brot für die Welt, aber auch die Evangelische Kirche – die ihre Glocken läuten lassen will, um zum Umdenken aufzurufen – sowie die Gewerkschaft Verdi. Und einige Anbieter von Elektro-Scootern stellen ihre Gefährte heute frei zur Verfügung. Alles fürs Klima!

Dass der Aktionstag just heute stattfindet, hat einen Grund: Von Samstag bis Montag findet in New York der Klimagipfel der Vereinten Nationen statt, zu dem die Schwedin Greta Thunberg per Jacht anreiste und damit für viel Aufmerksamkeit sorgte.

Vor dem Brandenburger Tor in Berlin ist der Auflauf am Klimastreik besonders gross.
Bild: DPA/Tom Weller

Uno-Generalsekretär António Guterres lädt ein, «um die Umsetzung des Klimaübereinkommens von Paris zu beschleunigen und so den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen». In Berlin wollen die Demonstranten zudem Druck auf die deutsche Regierung ausüben, die, ebenfalls diesen Freitag, ihr Massnahmenpaket vorstellt, mit welchem die deutschen Klimaziele erreicht werden sollen.

Vergleiche mit Ghandi und Rosa Parks

Die Hauptdemonstration hat um 13 Uhr beim Brandenburger Tor mit Musik, Transparenten und politischen Reden begonnen – der Abmarsch wurde eine Stunde nach hinten geschoben, damit die vielen Demonstrierenden überhaupt den Besammlungspunkt erreichen. Erwartet wurden Tausende.

Während die «Fridays for Future»-Bewegung also brav den Rundgang ablaufen dürfte, plant das Bündnis «Ungehorsam für alle», wie der Name schon sagt: weiteren zivilen Ungehorsam, um die globale ökologische Krise aufzuhalten. Die morgendliche Velodemonstration war wohl nur ein Vorgeschmack auf verschiedenste Blockaden, die im Laufe des Tages folgen. Im Vorfeld war zu lesen, dass die Demonstrierenden möglicherweise auch ein Flughafen besetzt wollen.

Die Sprecherin von Extinction Rebellion, Annemarie Botzki, rechtfertigt die angekündigten Gesetzesbrüche auf Anfrage: Bereits der indische Menschenrechts- und Unabhängigkeitskämpfer Mahatma Gandhi oder die Afro-Amerikanerin Rosa Parks, die sich 1955 weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen weissen Fahrgast freizugeben, hätten gezeigt: «Ziviler Ungehorsam funktioniert, um den gesellschaftlichen Wandel, den wir brauchen, herbeizuführen.»

Fakten überzeugen nicht, es braucht Taten

Botzki sagt, dass die Wissenschaft alles getan hätte, um den Ernst der Krise klarzumachen. Sie hätte versucht, auf politische Entscheidungsträger Einfluss zu nehmen. Doch weder die Anstrengungen der Wissenschaft noch die Demonstrationen der Schüler hätten ausreichenden Erfolg gezeigt. Nun sei es Zeit für neue Mittel, «um auf die Dringlichkeit der Krise hinzuweisen.“

Die Worte Botzkis klingen beinahe bedrohlich. Was werden sich die Extinction Rebels, von denen es in Deutschland bereits um die 17’000 gibt, noch alles einfallen lassen? Sie beschwichtigt – zumindest für den Moment: Erst am 7. Oktober werde die zweite Welle der Rebellion eingeläutet. Dann solle der Alltag in Berlin komplett «lahmgelegt» werden. Und sie versichert: «Es werden Aktionen sein, die nicht ignoriert werden können.» Vielleicht wird dann auch die Spree grün gefärbt, wer weiss. Heute auf jeden Fall nicht.

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