«Verdirbt unsere Kinder»Wirbel um neuen Film «Tscheburaschka» in Moskau
dpa
24.1.2026 - 22:15
Die aus sowjetischen Trickfilmen bekannte Figur Tscheburaschka ist ein sehr beliebtes Souvenir in Russland und wird auch als Magnet oder Weihnachtsschmuck verkauft. Aus dem nationalistisch-konservativen Lager kommt aber nun Kritik an Figur und Film.
Archivbild: Ulf Mauder/dpa
Die sowjetische Trickfilmfigur Tscheburaschka kennt in Russland Jung und Alt. Ein neuer Film macht sich das zunutze. Doch die Figur weckt gerade bei den Kriegspropagandisten Aversionen.
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DPA, Redaktion blue News
24.01.2026, 22:15
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Der plüschige Tscheburaschka entwickelt sich an den russischen Kinokassen zum Hit.
DerSpielfilm «Tscheburaschka 2» lässt die Kassen klingeln – und bringt Nationalisten wie den Ideologen Dugin zum Schäumen.
Auch aus der Staatsduma hagelt es Kritik: Der Film «verdirbt unsere Kinder», beklagte der Vizechef des Kulturausschusses Dmitri Pewzow.
Ein neuer russischer Kinderfilm um eine noch aus Sowjetzeiten bekannte Trickfilmfigur wird an den Kinokassen zum Hit – und gleichzeitig zur Zielscheibe scharfer Angriffe nationalkonservativer Kreise in Moskau. Seit drei Wochen führt der Spielfilm «Tscheburaschka 2» mit echten Schauspielern und der Animationsfigur die Kinocharts in Russland an. Nach Angaben des Portals «Kinobusiness» hat der Film seit seinem Start etwa 5,6 Milliarden Rubel (rund 57 Millionen Franken) eingespielt. Er ist damit auf dem Weg, seinen Vorgänger «Tscheburaschka 1» zu überholen und zum erfolgreichsten russischen Streifen aller Zeiten zu werden.
Der Plot ist relativ einfach: Das Leben von Tscheburaschka und seinem Freund und Mentor Gena in Sotschi wird auf den Kopf gestellt, als ein gieriger Unternehmer ihnen das Haus für einen Vergnügungspark wegnehmen will. Tscheburaschkas Versuche, zu helfen, führen Chaos herbei – und auch noch zum Bruch zwischen ihm und Gena. Doch am Ende – nach einer Odyssee durch die Wildnis – wird alles gut und die beiden versöhnen sich wieder.
Der Film baut wie sein Vorgänger auf die emotionale Bindung vieler Russen zur Figur Tscheburaschka. Geschaffen wurde das pelzige Fabelwesen mit den grossen Ohren 1966 vom bekannten Schriftsteller Eduard Uspenski. Seinen Siegeszug trat der aus einer Apfelsinenkiste entspringende Tscheburaschka später in einer Reihe sowjetischer Trickfilme an, in denen er mit seiner Liebe zu Apfelsinen, aber auch jeder Menge Witz und Güte die Herzen der Kinder eroberte.
Kritik von Nationalisten: Tscheburaschka ist heimatloser Kosmopolit
Doch weder die neue Familienkomödie noch deren Hauptheld Tscheburaschka kommen bei allen Russen gut an. Einer der schärfsten Kritiker ist ausgerechnet der politisch einflussreiche rechtsnationalistische Ideologe Alexander Dugin. Der glühende Befürworter des Kriegs gegen die Ukraine, der als einer der Einflüsterer von Kremlchef Wladimir Putin gilt, bezeichnete Tscheburaschka schon vor längerem als «wurzellosen Kosmopoliten». Das ist ein Kampfbegriff, mit dem zum Ende der Stalinzeit prowestlich eingestellte Intellektuelle – vor allem Juden – gegeisselt und verfolgt wurden.
Eine Tscheburaschka-Figur steht in der Fussgängerzone der für ihre Mineralquellen berühmten russischen Kurstadt Kislowodsk. Der erste Teil des populären Tscheburaschka-Films wurde in der Stadt gedreht, weshalb die Figur auch zu touristischen Werbezwecken genutzt wird.
Archivbild: Ulf Mauder/dpa
In seinen neuesten Ausfällen sprach Dugin nun gar von einem Symbol des Teufels. «Tscheburaschka ist die konzentrierte Form des Schwachsinns, gegen den ich mein Leben lang gekämpft habe», schrieb er kurz nach Kinostart auf seinem Telegramkanal.
Zuvor hatte er Tscheburaschka schon als Inbegriff von Geschäftemacherei und geistiger Zurückgebliebenheit kritisiert, was zum Zerfall der Sowjetunion geführt habe. Dugin gilt als Verfechter einer eurasischen Grossmacht unter russischer Führung. Er hatte schon lange vor Kriegsbeginn die Zerstörung und Einverleibung der Ukraine gefordert. Seine Tochter Darja Dugina, ebenfalls eine Kriegspropagandistin, starb 2022 bei einem Autobombenanschlag.
Kritik kommt aus dem Parlament
Dabei ist Dugin inzwischen nicht mehr allein in seiner Kritik. Als in der vergangenen Woche das Kulturkomitee des russischen Parlaments tagte, artete die Diskussion über die staatliche Filmfinanzierung schnell zur Generalabrechnung mit angeblichen Vaterlandsverrätern in der Kinoindustrie und der Forderung nach schärferen Kontrollen für Filmschaffende aus.
Viele derjenigen, die es nicht geschafft hätten, in den Westen zu fliehen, produzierten nun Märchenfilme. Vor dem Krieg hätten sie nach dem Vorbild Andrej Swjaginzews (bekannter russischer Regisseur, der in Filmen wie «Lewiatan» und «Elena» soziale Probleme des Landes thematisierte) Filme gedreht, die Russland in den Schmutz zögen, behauptete der Abgeordnete Iwan Mussatin.
Film am Film: Ohne klare Moral und Vorbildfigur
Auch Tscheburaschka bekam dabei sein Fett ab: Der Film «verdirbt unsere Kinder», beklagte der Vizechef des Kulturausschusses Dmitri Pewzow. Der einst populäre Schauspieler sitzt seit einigen Jahren in der Staatsduma und hat zuletzt vor allem Schlagzeilen mit seinen ultrakonservativen Ansichten und Kriegspropaganda gemacht.
Im Film fehle eine klare Moral und Vorbildfigur, ätzte Pewzow, woraufhin eine weitere Abgeordnete eine noch schärfere Zensur forderte. Seit Jahren finanziert der russische Staat ohnehin bevorzugt Kriegsfilme oder solche, in denen der Hauptheld dem Moralkompass der konservativen Staatsführung entspricht.
Aus dem nationalistisch-konservativen Lager kommt aber nun Kritik an der Tscheburaschka-Figur und dem Film.
Archivbild: Ulf Mauder/dpa
Auch bei einer Duma-Sitzung zur Finanzierung von Kinder- und Trickfilmen kritisierten die Abgeordneten, dass diese insgesamt ihrer «Erziehungsfunktion» zu wenig nachkämen. So sollten etwa mehr Grossfamilien porträtiert werden, damit die Vorgabe von Kremlchef Wladimir Putin nach einer höheren Geburtenrate verankert werde, forderte die kommunistische Abgeordnete Maria Prussakowa.
Kulturministerium tritt für Tscheburaschka ein
Vizekulturministerin Schanna Alexejewa gab bei der Veranstaltung die Richtlinien für die Filmfinanzierung bekannt. Russland solle als modernes Land zur Selbstverwirklichung gezeigt werden. Auch «Heldentum und die Aufopferung unserer Kämpfer» sollen in geförderten Filmen Platz finden.
Immerhin zeigte sich dann Alexejewa aber auch als eine Fürsprecherin Tscheburaschkas. Den Film hätten schliesslich inzwischen fast zehn Millionen Russen gesehen; und wäre er nicht so interessant, wären sie wohl kaum ins Kino gegangen, meinte sie.