«Sie schmeissen einfach alle raus»Allianz-Versicherung kündigt 142 Mietwohnungen in Bern
Samuel Walder
12.1.2026
Diese Gebäude am Loryplatz in Bern müssen saniert werden. Jetzt müssen 142 Mieter*innen raus.
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Ein ganzer Wohnblock muss raus: Die Allianz will ihre Liegenschaften am Loryplatz in Bern sanieren – und kündigt allen Mietparteien. Die angekündigte Hilfe bei der Wohnungssuche reicht vielen nicht. Die Ungewissheit ist gross.
Die Allianz Suisse kündigt alle 142 Mietwohnungen eines Berner Wohnkomplexes zur Sanierung, was als grösste Leerkündigung der Stadt seit Jahren gilt.
Trotz freiwilliger Auszugsvereinbarungen herrscht grosse Verunsicherung, da künftige Mietpreise unbekannt sind und viele Bewohner günstigen Wohnraum verlieren könnten.
Die Situation am Loryplatz steht exemplarisch für die Gentrifizierung in Bern, bei der angestammte Bevölkerung durch teurere Sanierungen und Projekte verdrängt wird.
Es ist ein Paukenschlag für den Berner Wohnungsmarkt: Die Allianz Suisse kündigt alle 142 Mietwohnungen in einem grossen Gebäudekomplex am Loryplatz in Bern – die wohl grösste Leerkündigung der letzten Jahre in der Bundesstadt.
Betroffen sind acht Mehrfamilienhäuser an der Ecke Schwarztorstrasse und Effingerstrasse, die umfassend saniert werden sollen. Die Bauarbeiten sollen sich über 20 Monate erstrecken – doch viele Bewohnerinnen und Bewohner fühlen sich übergangen und bangen um ihre Zukunft.
Kündigung für alle – mit Verlängerung zum Schweigen?
Im November flatterte den Mieterinnen und Mietern die Kündigung per Ende Februar 2026 ins Haus, wie «Der Bund» berichtet. Die Eigentümerin Allianz Suisse bot allerdings gleich eine Vereinbarung an, die den Auszug auf Anfang 2027 verschieben kann – sofern man im Gegenzug auf eine Anfechtung der Kündigung verzichtet. Offenbar haben alle Betroffenen diese Vereinbarung unterschrieben – möglicherweise aus Mangel an Alternativen.
Der Loryplatz befindet sich in der Nähe des Inselspitals.
Swisstopo
Doch hinter dieser stillen Zustimmung brodelt es gewaltig. Bereits bei einer Infoveranstaltung im November machten viele langjährige Mietparteien ihrem Ärger Luft. Obwohl die Allianz versicherte, bei der Wohnungssuche zu helfen, blieben viele Fragen offen: Warum überhaupt eine vollständige Leerkündigung, wenn die Sanierung in Etappen erfolgen soll? Und: Wie hoch werden die Mieten nach der Sanierung?
«Sie schmeissen einfach alle raus»
Gerade letzteres sorgt für besonders viel Unmut. Die Allianz will keine Angaben zu den künftigen Mietpreisen machen – nicht einmal eine grobe Schätzung. Für viele Betroffene ein klares Signal: Es wird teurer. Eine Bewohnerin bringt es auf den Punkt: «Sie schmeissen einfach alle aus der Siedlung raus.»
Bei einem von der Gruppe Mietenplenum Bern initiierten Treffen kurz vor Weihnachten wurde deutlich, wie tief die Verunsicherung sitzt. Viele wohnen seit Jahrzehnten in den betroffenen Gebäuden – zu teils günstigen Konditionen. Günstiger Wohnraum, der jetzt droht zu verschwinden.
Ein Bewohner, der anonym bleiben möchte, sagt gegenüber dem «Bund»: «Die Allianz will uns loswerden und mit den Wohnungen künftig mehr Profit machen.»
Allianz verweist auf bauliche Mängel
Die Allianz Suisse wehrt sich gegen die Kritik. Die Sanierung sei unausweichlich, eine Weitervermietung während der Arbeiten «nicht zumutbar». Die Gebäude aus dem Jahr 1948 würden heutigen Sicherheitsanforderungen nicht mehr entsprechen. Von veralteter Haustechnik über marode Fenster bis hin zu Schadstoffen – vieles sei «End of Life», betont die Allianz. Von einer «Luxussanierung» könne keine Rede sein.
Was die Mietpreise betrifft, hält sich das Unternehmen bedeckt. Man befinde sich noch in der Planungsphase. Künftige Mieten würden sich «am orts- und quartierüblichen Niveau» orientieren. Laut dem Beratungsunternehmen Wüest Partner liegt der Median-Mietpreis für eine 90-Quadratmeter-Wohnung im Quartier Mattenhof-Weissenbühl derzeit bei rund 2190 Franken – ohne Nebenkosten.
Gentrifizierung in vollem Gange
Am Loryplatz spielt sich ab, was vielerorts in Bern zu beobachten ist: Die kontinuierliche Aufwertung ganzer Quartiere – mit drastischen Folgen für die angestammte Bevölkerung. Entlang der Könizstrasse wurden zahlreiche Häuser saniert – heute für viele unerschwinglich. Auch in der Umgebung stehen weitere Grossprojekte an: vom neuen Fachhochschul-Campus über Hochhäuser bis zur Transformation von Weyermannshaus-West.
Die Angst ist gross, dass mit den steigenden Mieten auch die sozialen Strukturen verloren gehen. Eine Mieterin sagt bitter: «Was hier passiert, vertreibt Menschen aus ihrem Lebensumfeld – einfach, weil sie sich ihre Heimat nicht mehr leisten können.»