«Das wären beides sehr gravierende Szenarien»

Von Philipp Dahm

1.12.2021

Zertifikatspflicht bei privaten Treffen ab 11 Personen   

Zertifikatspflicht bei privaten Treffen ab 11 Personen   

Bundespräsident Guy Parmelin und Bundesrat Alain Berset haben heute die Menschen zur Vorsicht bei privaten Treffen aufgerufen. Besonders im Hinblick auf Weihnachts- und Silvesterfeiern sollen Familien mit älteren Menschen, welche nicht geimpft seien, aufpassen, so Parmelin.

01.12.2021

Die Omikron-Variante wirft auch wirtschaftliche Fragen auf: Was würde ein Lockdown kosten? Könnten die Firmen Homeoffice leicht durchsetzen? Welches Massnahmen sind die richtigen? Der Experte antwortet.

Von Philipp Dahm

1.12.2021

Wir wissen noch zu wenig über die Omikron-Variante – das war der Tenor der gestrigen Pressekonferenz, nachdem der Bundesrat zu einer Krisensitzung zusammengekommen war. «Es gibt keinen Grund, jetzt in Panik zu verfallen, aber wir müssen natürlich Respekt haben», fügte Alain Berset an.

Doch während die epidemiologische Wirkung von Omikron noch in den Sternen steht, können die wirtschaftlichen Folgen einzelner Massnahmen relativ gut evaluiert werden. Welches Mass an neuen Regeln das richtige ist und welcher Vorschlag des Bundesrats welche Folgen haben könnte, haben wir einen Experten gefragt.

Zur Person
Bild: ZKB

David Marmet ist Chefökonom Schweiz bei der Zürcher Kantonalbank.

Herr Marmet, wie hat die internationale Wirtschaft auf die Entdeckung von Omikron reagiert?

Die erste Reaktion letzten Freitag war von Unsicherheit geprägt. Es besteht sicherlich das Risiko, dass sich die globale Konjunktur jetzt abschwächt, sollte sich bestätigen, was wir bis jetzt von der WHO gehört haben: dass Omikron ein hohes Risiko darstellt. Von daher ist es verständlich, dass die Märkte erst negativ reagierten, auch wenn sie sich inzwischen beruhigt haben. Wir wissen noch nicht genau, wie gravierend Omikron sein wird, weshalb natürlich noch Unsicherheit vorhanden ist.

Wie wirkt sich das auf die Schweiz aus?

Die Schweiz ist eine Volkswirtschaft, die international eng verflochten ist. Wenn es jetzt wieder international zu Lockdowns kommen sollte oder Flugbewegungen eingeschränkt werden, hätte das auf uns grosse Auswirkungen. Wir sind da keine Insel der Glückseligkeit und wären stark betroffen.

Blick in das Innere des geschlossenen Restaurants Sams Pizza Land, aufgenommen am Montag, 25. Januar 2021, in Zuerich. Gemaess Beschluss des Bundesrats vom 13. Januar 2021 bleiben Restaurants und Bars aufgrund der aktuellen Coronavirus-Lage als Schutzmassnahme bis mindestens am 28. Februar 2021 geschlossen. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Geschlossenes Restaurant Sam's Pizza Land Ende Januar 2021: Die Schweiz ist – leider – «keine Insel der Glückseligkeit».
KEYSTONE

Was bedeutet diese Lage psychologisch für die Wirtschaft – etwa mit Blick auf Investitionen oder Einstellungen?

Das hängt sehr stark davon ab, wie die Politik reagiert. Wenn man in Szenarien denkt, gibt es zwei extreme Versionen: Entweder man lässt alles beim Alten und appelliert an die Eigenverantwortung der Unternehmen und Konsumenten. Das würde meiner Ansicht nach dazu führen, dass die Unsicherheit in der Bevölkerung hoch wäre, weil niemand genau weiss, wie gefährlich die Omikron-Variante ist. Diese Unsicherheit würde dann dazu führen, dass die Mobilität abnimmt, dass man weniger ins Kaufhaus, Hotel oder Restaurant geht. Dieses Extremszenario Eigenverantwortung würde einen Schlag für die Schweizer Wirtschaft bedeuten.

Was ist mit dem anderen Extrem?

Ein harter Lockdown – die Konsequenzen wären jedoch ähnlich. Dann wäre zwar die Unsicherheit in der Bevölkerung kleiner, weil dann jeder weiss, was er machen muss, aber die Mobilität geht natürlich auch zurück: Der Restaurantbesuch wäre ja ebenfalls hinfällig. Auch wenn es einzelne Branchen gäbe, die davon profitieren würden.

Verliert die Schweizer Wirtschaft also in jedem Fall?

Nur in diesen beiden extremen Szenarien. Ich gehe davon aus, dass es eine Lösung geben wird, die zwischen diesen Extremen liegt – sowohl international als auch national. Es wird irgendwo zwischen Eigenverantwortung und hartem Lockdown liegen.

Ein harter Lockdown wäre für die Wirtschaft aber schon am schädlichsten?

Ja, zweifelsohne. Man kann natürlich argumentieren, dass wir gelernt haben, mit der Pandemie umzugehen. Wir würden nicht mehr diesen Einbruch sehen, wie wir ihn im März und April 2020 gehabt haben. Aber trotzdem: Die verletzlichen Branchen – Events, Gastronomie, Fluggesellschaften, Hotels, Reisebüros – wären am stärksten betroffen. Der Online- und Detailhandel würde aus der Situation besser rauskommen als im letzten Jahr.

Die ZHDK gesehen von der verkehrsleeren Duttweilerbruecke, fotografiert waehrend der Corona-Pandemie am 31. Maerz 2020 in Zuerich. (KEYSTONE/Christian Beutler)
Gespenstisch: Die sonst stets belebte Duttweilerbrücke in Zürich während des Lockdowns am 31. März 2021.
KEYSTONE

Lässt sich das beziffern? Ein Lockdown kostet so und so viel Prozent der Wirtschaftsleitung?

Das wäre meiner Ansicht nach kaum seriös. Man kann zwar versuchen, solche Berechnungen anzustellen, aber so was hängt von vielen Faktoren ab. Wie lange würde der Lockdown dauern? Gibt es eine Homeoffice-Pflicht? Es gibt bei diesem Punkt so viele Unbekannten und Variablen, dass das kaum mit verlässlichen Zahlen auszudrücken ist.

Sie sagten, die Schweizer Wirtschaft habe seit Pandemie-Beginn gelernt. Gilt das auch für die Lieferketten?

Ich glaube schon, dass wir bei einzelnen Gütern andere Wege gefunden haben. Die Konsumenten haben beispielsweise gelernt, zu Hause zu bestellen. Der Online-Einkauf ist nicht mehr so eine Herausforderung wie beim Beginn der Pandemie. Auf der anderen Seite ist Omikron ein weltweites Phänomen. Es könnte so kommen wie zuletzt: Fluggesellschaften können nicht mehr Touristen von A nach B fliegen.

Und das beeinflusst Lieferketten?

Diese Flugzeuge transportieren neben den Touristen auch Güter und ein Ausfall würde ebenfalls Lieferketten unterbrechen. Der Schweizer Exportsektor ist in Sachen Lieferengpässe bisher vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Das hängt damit zusammen, dass wir vor allem relativ kleine, technologisch hochwertige Güter exportieren. Pharma-Produkte oder Schweizer Uhren kann man gut in so einem Flugzeug transportieren, wenn sie denn fliegen. Bei grösseren Produkten wie Maschinen gab es Probleme wegen der Engpässe im Container-Verkehr.

Maenner arbeiten im Frachtverlad des Flughafen in Zuerich, aufgenommen am Montag, 16. Dezember 2013. Mehr als ein Drittel der exportierten Warenwerte der Schweiz geht ueber die Schweizer Landesflughaefen. Im letzten Jahr wurden alleine am Flughafen Zuerich rund 418000 Tonnen Fracht abgefertigt, im Frachtbereich sind rund 2100 Menschen in diversen Unternehmen taetig. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
«Kleine, technologisch hochwertige Güter»: Beladung einer Swiss-Maschine in Zürich.
Archivbild: KEYSTONE

Stichwort Homeoffice-Pflicht: Würde so eine Massnahme die Wirtschaft überhaupt belasten?

Sie ist ja nicht bei allen Unternehmen umsetzbar, zum Beispiel bei vielen    Firmen aus dem Dienstleistungsbereich. Sie wäre im Gegensatz zu 2020 jedoch ein kleineres Problem für die Wirtschaft, da viele Unternehmen technologisch aufgerüstet haben und Mitarbeiter einfacher im Homeoffice arbeiten können. Es würde besser funktionieren als noch zu Beginn der Krise.

Flugverkehr, Tourismus, Gastronomie: Können diese Branchen einen erneuten Tiefschlag überleben?

Die Konkursstatistik in der Schweiz ist seit der Covid-Krise unterdurchschnittlich. Dies gilt für alle Unternehmen, aber auch im Speziellen für die Hotellerie und Gastronomie. Das liegt natürlich an den Covid-Krediten und der Kurzarbeitsentschädigung, die im Februar 2022 ausläuft. Wenn die Omikron-Variante wieder zu einer Teilschliessung führt, könnte die Verlängerung dieser Massnahmen wieder ein Thema werden.

Und dann?

Wenn die Kurzarbeitsentschädigung nochmals ausgeweitet würde, könnten die Betriebe etwa in der Gastronomie weiter überleben. Der Struktur-Bereinigungsprozess, der Teil der Marktwirtschaft ist, wird dann aber irgendwann kommen. Man kann ihn mit den Massnahmen hinausschieben, aber die Konkurse werden dann später in einem Nachholeffekt ansteigen.