Weniger Arbeit, gleicher Lohn

«Die 4-Tage-Woche hat doch einige Nachteile»

Von Andreas Fischer

18.1.2022

Langlaeufer bei schoenem Wetter auf der Piste in der Sonne in der Gegend von Heimenschwand, am Sonntag, 16. Januar 2022. (KEYSTONE/Anthony Anex)
«Es ist vieles möglich, was man sich lange nicht wirklich vorstellen konnte»: Langläufer in der Gegend von Heimenschwand am vergangenen Sonntag.
KEYSTONE

Mehr Freizeit, aber keine Einbussen beim Lohn: Was sich nach einem Traum anhört, ist in einigen Schweizer Unternehmen Realität. Doch wie realistisch ist die 4-Tage-Woche für alle? Ein Organisationspsychologe erklärt.

Von Andreas Fischer

18.1.2022

In Island ist die verkürzte Arbeitswoche bereits Standard, wie «Die Zeit» berichtet. Die spanische Regierung will in diesem Jahr mit einem gross angelegten Experiment herausfinden, welche Auswirkung eine 32-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich auf Arbeitnehmende und Unternehmen hat. Auch internationale Grosskonzerne wie Unilever haben bereits probeweise die 4-Tage-Woche eingeführt oder planen es, wie etwa Panasonic.

Und in der Schweiz? Hier gibt es bereits einige kleinere Firmen, in denen nur noch vier statt fünf Tage pro Woche gearbeitet wird, bei vollem Lohn. Ist die 4-Tage-Woche unser Arbeitszeitmodell der Zukunft?  Organisationspsychologe Johann Weichbrodt von der Fachhochschule Nordwestschweiz erklärt im Interview, wie die Chancen dafür stehen.

Zur Person
zVg/FHNW

Johann Weichbrodt ist Organisationspsychologe und Senior Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule für Angewandte Psychologie an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er forscht und unterrichtet zur erfolgreichen Gestaltung flexibler Arbeitsmodelle sowie zu Veränderungsprozessen in der Arbeitswelt.

Seit Jahren wird die 4-Tage-Woche gefordert und immer wieder diskutiert: Müssen wir in Zukunft für gleich viel Geld wirklich weniger arbeiten?

Im Kontext der Veränderung der Arbeitswelt, der Flexibilisierung, die wir gerade erleben, könnte die 4-Tage-Woche ein Modell sein. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es die Zukunft wird und wir alle mit diesem Modell arbeiten werden.

Warum nicht?

Dafür hat die 4-Tage-Woche dann doch einige Nachteile. Der erste Punkt ist: Das Modell ist nicht besonders flexibel. Vor allem, wenn man betrachtet, wie es bisher diskutiert wird: nämlich dass man den Freitag einfach frei macht. Das mag für manche Menschen passend sein, anderen würde es mehr bringen, wenn etwa der Mittwoch frei wäre, um die Kinder zu betreuen.

Dazu kommt die Frage, ob eine 4-Tage-Woche wirklich eine Entlastung für die Arbeitnehmenden ist, oder ob die Arbeitsleistung nicht einfach verdichtet wird. Sprich: ob die gleiche Arbeit in weniger Zeit erledigt werden muss.

Das Modell hat doch aber sicher auch Vorzüge, oder?

Wenn man eine 4-Tage-Woche überlegt einführt und mit passenden Massnahmen begleitet, kann sie die Belastung für Arbeitnehmende durchaus reduzieren. Dafür müssten zum Beispiel Leerläufe in betrieblichen Abläufen eliminiert werden. In diesem Fall kann eine 4-Tage-Woche ein Wettbewerbsvorteil für Unternehmen sein, insbesondere in den kreativen und digitalen Branchen.

Wie sähe denn aus Ihrer Sicht das ideale Modell einer 4-Tage-Woche aus?

Eine 4-Tage-Woche ist im Prinzip nichts anderes als eine 80-Prozent-Stelle bei vollem Lohn. Von daher sollte man das Modell etwas flexibler denken. Man könnte die geforderte Wochenarbeitszeit reduzieren und sich überlegen, wie diese Zeit über die Woche verteilt wird.



Dabei spielen natürlich betriebliche Anforderungen eine Rolle, aber es könnten eben auch individuelle Bedürfnisse berücksichtigt werden, wenn etwa Teams ihre eigenen Lösungen finden dürfen und der Inhalt der Arbeit freier wird.

Es gibt Menschen, die wollen gar nicht vier Tage komprimiert arbeiten, haben aber nichts dagegen, dass ihre Arbeitszeit aufgelockert wird und sie sich dabei mit anderen Dingen beschäftigen dürfen. Das sind alles Modelle, die die Grenze zwischen Arbeit und Nicht-Arbeit aufweichen.

Was muss ein Unternehmen tun, um das Leistungspensum auch mit weniger Arbeitszeit der Angestellten zu erfüllen?

Auswertungen zeigen, dass gewisse Leerläufe eliminiert werden können. In Phasen, in denen weniger Arbeit anfällt, kommt man zum Beispiel mit weniger Personal aus. Oder es fallen Arbeitsaufgaben weg, die nicht wirklich vermisst werden.

Weil aber gleichzeitig die Gefahr besteht, dass sich die Belastungen verdichten, ist es extrem wichtig, dass sich Unternehmen sehr genau Gedanken darüber machen, wie sich das verhindern lässt – bevor sie die 4-Tage-Woche einführen. Sie könnten beispielsweise etwas weniger Aufträge annehmen oder eine Lösung finden, um Schwankungen im Verlauf eines Jahres auszugleichen.



Wichtig ist auch zu definieren, welche Prozesse verschlankt werden können, welche Meetings sich streichen oder verkürzen lassen, wie der administrative Aufwand optimiert werden kann.

Ohne Vorbereitung eine 4-Tage-Woche einzuführen, würde in der Summe zu mehr Stress führen, als dass es Belastungen für Arbeitnehmende verringert.

Der britische Soziologe Cyril Northcote Parkinson sagte in den 1950er-Jahren: «Arbeit dehnt sich in genau dem Mass aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.» Könnte man im Umkehrschluss nicht sagen: Wenn weniger Zeit zur Verfügung steht, wird die Arbeit effektiver erledigt?

Diese Definition von Arbeit finde ich etwas pessimistisch. Es ist zwar durchaus etwas dran: Aber wenn Unternehmen ausschliesslich so funktionieren würden, wären sie nicht besonders wirtschaftlich. Sie haben immer auch eine Tendenz, effizient zu sein. Im Zuge einer Umstellung von Arbeitszeitmodellen müssen sie sich genau überlegen, welche Prozesse effizient sind und welche nicht. Dabei kommt man schnell darauf, dass es immer darum geht, klare Ziele und klare Rollen im Unternehmen definieren und für eine gute und produktive Arbeitsatmosphäre zu sorgen. Diese generell wichtigen Rahmenbedingungen werden bei einer komprimierten Arbeitsweise noch wichtiger.

Ein Argument von Unternehmen, die bereits die 4-Tage-Woche eingeführt haben, ist gerade, dass sich diese Rahmenbedingungen dadurch extrem verbessert hätten: Die Angestellten seien entspannter und kreativer.

Das kommt dann aber nicht nur von der 4-Tage-Woche, würde ich vermuten, sondern hängt eben auch stark von den begleitenden Massnahmen ab. Wenn man nämlich überflüssige Aufgaben abschafft, entstehen grössere Freiräume, die zu einer grösseren Arbeitszufriedenheit führen. 



In der Schweiz sind es vor allem kleinere Unternehmen aus der Kreativ- und Digitalbranche, die bereits die 4-Tage-Woche eingeführt haben. Wie sieht es mit der Industrie aus, oder mit der Pharma- und Finanzbranche? Ist das Modell bei grossen Konzernen überhaupt denkbar?

Denkbar ist es auch in Produktionsbetrieben oder im Einzelhandel, erfordert aber mehr Planungsaufwand und auch mehr personelle Ressourcen. Grundsätzlich ist es in grossen Firmen jedoch schwieriger, weil die Belegschaft heterogener ist. Man muss also überlegen, wie man es für die einzelnen Bereiche löst: für die Administration, für die Produktion, für den Vertrieb – und dabei aufpassen, keine Neiddebatten auszulösen.

Kritische Stimmen sagen, dass die demografische Entwicklung und der Fachkräftemangel eigentlich gar keine 4-Tage-Woche zuliessen …

Die Möglichkeiten, wie wir als Gesellschaft die Arbeit anders organisieren können, sind ziemlich gross. Es ist vieles möglich, was man sich lange nicht wirklich vorstellen konnte. Das sieht man derzeit unter anderem an der Umwälzung in Bezug auf das Homeoffice: Das funktioniert plötzlich, weil es funktionieren muss.

Wie viele Unternehmen mit 4-Tage-Woche gibt es in der Schweiz eigentlich?

Das wird meines Wissens nicht systematisch erhoben. Mein Eindruck ist jedoch, dass es nur einzelne Beispiele gibt, die gerade viel Aufmerksamkeit bekommen.

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