Meist erst nach Jahren spürbarEin Denkfehler kostet Senioren viel Geld
Sven Ziegler
20.11.2025
Viele Pensionäre lassen ihr Geld auf dem Konto liegen.
Bild:Keystone
In der Schweiz beziehen jedes Jahr Tausende ihr Pensionskassenkapital vollständig – und parken es anschliessend einfach auf dem Konto. Experten warnen: Ausgerechnet die vermeintlich sicherste Lösung kann im Alter zur gefährlichsten werden.
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Der Moment der Pensionierung ist für viele Schweizerinnen und Schweizer ein Bruch im Leben – auch finanziell. Statt Monatslohn gibt es je nach Art des Kapitalbezugs plötzlich einen grossen Betrag aus der zweiten Säule: 150’000, 200’000 oder 300’000 Franken und mehr. Genau an diesem Punkt werden gemäss Experten entscheidende Fehler gemacht.
Die Hochschule Luzern zeigt in einer aktuellen Studie zum Spar- und Anlageverhalten, dass ein beträchtlicher Teil der Pensionierten einen grossen Teil dieses Kapitals einfach auf dem Konto parkiert.
Keine Anlageberatung
Dieser Beitrag dient ausschliesslich der Information und stellt keine Finanzberatung dar. Die enthaltenen Analysen und Einschätzungen basieren auf gründlicher Recherche, ersetzen jedoch nicht die individuelle Beurteilung durch Fachleute. Die Entwicklung der Finanzmärkte wird von zahlreichen, teils unvorhersehbaren Faktoren beeinflusst. Investitionen in Aktien, Kryptowährungen und andere Finanzprodukte sind mit Risiken verbunden, einschliesslich eines möglichen Kapitalverlusts.
Mit Blick auf die langfristige Entwicklung sei das problematisch, sagt HSLU-Professor Simon Amrein: «Im Einzelfall kann es dafür gute Gründe geben. Beispielsweise wenn man demnächst eine grössere Investition tätigen will, zum Beispiel eine Haussanierung, oder nicht mehr von einer langen Lebensdauer ausgeht.»
Grundsätzlich sei es aber eher ein Problem, das Geld einfach auf dem Sparkonto zu lagern. «Lebt eine Person ab dem Zeitpunkt des Pensionskassenbezugs noch 20 Jahre und legt das Geld nicht an, entgehen der Person entsprechende Renditen. Diese Renditen würden realisiert werden, wenn das Geld in der Pensionskasse verbleiben würde.»
Probleme werden erst in Jahren sichtbar
Die Rechnung dahinter ist simpel: Bleibt das Geld über Jahrzehnte in praktisch unverzinsten Kontoguthaben, frisst die Inflation Jahr für Jahr Kaufkraft weg. Der Nominalbetrag bleibt zwar stehen – aber real kann man sich immer weniger leisten.
Wenn das Kapital real schrumpft, wird das Problem später sehr konkret. «Wird das Vermögen dieser Person gegen Ende der Lebensdauer schneller aufgebraucht, müssen entsprechende staatliche Leistungen aus den Ergänzungsleistungen früher eingesetzt werden», so Amrein.
David Kunz, CIO der BX Swiss Exchange, beobachtet in der Praxis die gleichen Muster. Für ihn ist klar, warum viele Pensionierte ihr Kapital nicht investieren. «Es geschieht häufig aus einer Mischung aus Ungewissheit, Verlustangst und Überforderung», sagt er.
Aus psychologischer Sicht sei das kaum überraschend. «Solche Emotionen sowie das Bedürfnis nach Kontrolle sorgen dafür, dass Geld auf dem Konto subjektiv als ‹sicher› empfunden wird, selbst wenn es objektiv kaum Rendite bringt.»
Kunz warnt davor, die Risiken des Kontos zu unterschätzen. «Kurzfristige Schwankungen in Wertpapieren werden überschätzt und die Risiken von ‹Nichtstun› unterschätzt.» Gerade im Ruhestand könne diese Vorsicht gefährlich werden. «Zwar bleibt der Nominalbetrag auf dem Konto erhalten, doch real kann man sich damit immer weniger leisten», sagt er.
Überforderung steht häufig im Zentrum
Wenn plötzlich 150’000 bis 300’000 Franken oder mehr auf dem eigenen Konto landen, reagieren Menschen sehr unterschiedlich. Kunz beobachtet drei Muster, die besonders häufig auftreten.
Viele tun aus Angst gar nichts und lassen das Geld liegen. Andere investieren überhastet in Einzeltitel oder «heisse Tipps», getrieben von Gier oder Herdentrieb. Und viele betrachten das Kapital isoliert, ohne es in einen Gesamtplan einzubetten.
«Psychologisch fokussieren sich viele auf den aktuellen Betrag», sagt Kunz. «Dabei werden Liquiditätsbedarf, Steuern, bestehende Vorsorge, Hypothek oder der gewünschte Lebensstandard im Alter zu wenig einbezogen.» So entstünden Strategien, die entweder zu viel oder zu wenig Risiko enthalten – und beides könne später teuer werden.
Auch Patrik Schär, CEO des digitalen Vermögensverwalters Selma, sieht die Überforderung im Zentrum. «Oft ist der Grund Unsicherheit», sagt er. «Die Entscheidung, Vorsorgekapital anzulegen anstatt auf dem Konto zu parkieren, ist laut unserer Kund*innen oft eine der grössten finanziellen Entscheidung im Leben.»
Die neue Situation nach der Pensionierung sei komplex. «Schlussendlich muss das Geld bis ans Lebensende reichen, und die neue Situation, wenn das Einkommen wegfällt, ist komplex», sagt Schär.
Wer nicht wisse, wie lange das Geld reichen müsse oder wie es strukturiert werden könne, entscheide verständlicherweise defensiv. «Paradoxerweise ist das langfristig oft die riskanteste Variante, denn wie schliesst man so mögliche Vorsorgelücken und schützt sich vor Inflation?»
Digitale Werkzeuge könnten helfen, Szenarien verständlich aufzubereiten und Entscheidungen strukturiert zu treffen. «Pensionierte sollen diese grosse Entscheidung nicht allein treffen müssen», sagt er. «Aber es braucht die richtige Mischung aus Beratung und Technologie.» Selma etwa hat dafür einen eigenen Ruhestandsmodus entwickelt, der das verfügbare Kapital, die erwartete Lebenserwartung und den realen Bedarf miteinander verknüpft.
Auch Experte Kunz warnt davor, die eigene Lebenserwartung zu unterschätzen. Viele gingen unbewusst davon aus, dass das Geld nicht Jahrzehnte reichen müsse. Doch wer 20 bis 30 Jahre finanzieren müsse, brauche eine Strategie, die über lange Zeiträume funktioniert.
«Zu viel Sicherheit auf dem Konto kann langfristig unsicherer sein als eine vernünftig gestreute, zum eigenen Risikoprofil passende Anlagestrategie», sagt Kunz. Die Inflation reduziere die Kaufkraft, das Vermögen wachse nicht mit, und die laufenden Entnahmen beschleunigten den Abbau zusätzlich.
Die Expertinnen und Experten kommen deshalb zu einem klaren Schluss: Die grösste Gefahr für das PK-Kapital sind nicht Marktbewegungen – sondern Angst, Aufschieben und der Wunsch, keine Fehler zu machen.
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