Fokus auf Handel wird für Dubai durch Pandemie zum Problem

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15.5.2020

Dubai zählt zu den Zentren der globalisierten Welt. Doch auf dem gigantischen Flughafen herrscht nun gähnende Leere. Viele Mega-Projekte sind zudem auf Pump gebaut.
Jon Gambrell/AP/dpa

Die Stadt zählt zu den Zentren der globalisierten Welt. Doch auf dem gigantischen Flughafen herrscht nun gähnende Leere. Viele Mega-Projekte sind zudem auf Pump gebaut.

Wolkenkratzer und künstliche Inseln haben Dubai berühmt gemacht. Grundlage der Erfolgsgeschichte ist nicht nur das Öl. Mehr als die umliegenden Emirate setzte die Stadt schon früh auch auf Handel und wurde innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer der wichtigsten Drehscheiben des internationalen Waren-, Personen- und Geldverkehrs. Gerade deswegen könnte die Ausbreitung des Coronavirus die örtliche Wirtschaft nun besonders hart treffen.

Das, wofür Dubai steht, befindet sich derzeit im Wartemodus. Grossereignisse sind abgesagt, der Flugverkehr ist lahmgelegt und Investitionen werden erst einmal zurückgehalten. Schon vor Beginn der Krise hatte sich ausserdem angedeutet, dass die Stadt unter Druck steht: Viele der mit dem Herrscherhaus verwobenen Firmen sind hoch verschuldet. In der globalen Finanzkrise vor gut zehn Jahren war das benachbarte Abu Dhabi eingesprungen. Doch ob sich Dubai auch diesmal im Zweifel auf Hilfe verlassen könnte, ist angesichts des Ölpreis-Crashs fraglich.



Die Pandemie ist für das Geschäftsmodell vieler staatlicher Unternehmen in Dubai eine Katastrophe. «Sie fördern den Transport und den Kauf von Waren sowie den Reiseverkehr», sagt Karen E. Young, Expertin für die Wirtschaftssysteme der arabischen Golfstaaten am American Enterprise Institute in Washington. «Das ist nicht die Welt, in der wir gerade leben.»

Das Selbstverständnis als ein wichtiges globales Handelszentrum wurde zuletzt auch in einem «Entwicklungsplan» für die kommenden 50 Jahre festgehalten. «Dubai ist dazu bestimmt, ein Knotenpunkt zwischen Ost und West und zwischen Nord und Süd zu sein», heisst es gleich zu Beginn der 2019 von Emir Mohammed bin Raschid al-Maktum veröffentlichten Charta.

Bis vor wenigen Monaten war dies nicht bloss Träumerei, sondern schlicht eine Beschreibung des Status quo. Der Dubai International Airport zählte zu den verkehrsreichsten Flughäfen der Welt. Der Seehafen der Stadt war einer der wichtigsten Umschlagplätze im globalen Frachtverkehr. Doch dann kam die Corona-Krise. Und ob die Erfolgsgeschichte des Emirats nach dem Ende der Krise weitergehen wird, bleibt abzuwarten.

«Die Summe all der Krisen, mit denen wir es in der Vergangenheit zu tun hatten, kommt nicht an die aktuelle heran», sagte Tim Clark, Chef der staatlichen Fluggesellschaft Emirates, am 29. April in einer Konferenz-Schaltung. Dass Reisebeschränkungen und Grenzschliessungen den internationalen Flugverkehr zum Erliegen gebracht haben, ist dabei nur Teil des Problems.

Noch ist vollkommen unklar, wie etwa Abstandsregeln, die möglicherweise noch für längere Zeit gelten könnten, an Bord von Flugzeugen umgesetzt werden sollen. «Die Luftfahrt-Branche kann es sich nicht leisten, eine grössere Zahl von Sitzen unbesetzt zu lassen», sagte Clark. «Das wäre eine absolute wirtschaftliche Katastrophe, schlimmer als die aktuelle Situation.»

Und dann wären da eben noch die Probleme Dubais, die sich schon vor der Krise abgezeichnet hatten. Der Immobilienmarkt war seit 2014 um 30 Prozent eingebrochen. Damals war die Expo 2020 angekündigt worden, die der Metropole einen neuen Schub hätte bringen können. Doch die Grossveranstaltung, in die das Emirat bereits Milliarden investiert hatte, musste nun um ein Jahr verschoben werden.



Neue US-Zölle hatten Dubai beim Export von Aluminium derweil Einbussen von 10,5 Prozent beschert. Auch der Handelskrieg zwischen den USA und China war für Dubai nicht ohne Folgen, weil grosse Teile der chinesischen Ausfuhren in Richtung Europa und Afrika über die Freihandelszonen des Emirats verlaufen.

Fokussiert auf Handel

Die Pandemie hat sehr deutlich hervortreten lassen, wie stark die Wirtschaft Dubais auf den internationalen Handel fokussiert ist. Anwar Gargasch, Aussenminister der Vereinigten Arabischen Emirate, räumte in einer Telefonkonferenz gegenüber dem Beirut Institute kürzlich ein, dass es angesichts der Coronavirus-Krise wohl «Zweifel an der Globalisierung» geben werde.

Gleichzeitig stehen für Dubai noch auf das Krisenjahr 2009 zurückgehende Schuldzahlungen in Milliardenhöhe an. Allein bis Ende dieses Jahres müssen die Regierung und mit ihr verbundene Unternehmen dafür 9,2 Milliarden Dollar (8,5 Milliarden Euro) aufbringen. Bis 2023 ist laut dem Londoner Beratungsinstitut Capital Economics eine Summe von 30,6 Milliarden Dollar zu begleichen.

Das staatliche Dubai Media Office liess eine Anfrage der Nachrichtenagentur AP bezüglich der anstehenden Schuldverpflichtungen unbeantwortet. Offizielle Stellen hatten zuletzt zu betonen versucht, dass die Schulden des Emirats von denen der staatsnahen Unternehmen unabhängig seien. Doch um eine solche Darstellung hatte sich die Regierung schon 2009 bemüht. Und damals konnte am Ende nur eine Zehn-Milliarden-Dollar-Finanzspritze aus Abu Dhabi Schlimmeres verhindern.

«Sie werden einen neuen Weg finden»

Das Nachbar-Emirat, das über weit grössere Erdöl-Reserven verfügt, wäre theoretisch in der Lage, ein weiteres Mal auszuhelfen. Es könnte allerdings auch zögern, da eine zweite Rettung womöglich wie eine Anstiftung zu unbesonnenem Investieren wirken würde. Auch wegen des stark gefallenen Ölpreises könnte Abu Dhabi diesmal vorsichtiger sein.

Doch so düster es derzeit aussehen mag — Dubai ist schon aus so mancher Krise gestärkt hervorgegangen. Bis in die 30er Jahre waren Perlen, die Taucher aus Muscheln am Meeresgrund holten, das wichtigste Exportgut der Region. Als der Markt dafür durch die Weltwirtschaftskrise sowie durch die Verbreitung von Imitaten zusammenbrach, begann Dubai mit dem Re-Export von steuerfreiem Gold nach Indien — ein Geschäft, das in den Freihandelszonen der Stadt bis heute von Bedeutung ist. Die Expertin Young gibt sich bezüglich der Zukunft des Emirats daher optimistisch. «Sie werden einen neuen Weg finden», sagt sie.


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