Liquidation eines Kult-Unternehmens«Nur noch Schrott» – die Ära Güggeli-Express endet mit einer ernüchternden Bilanz
Stefan Michel
20.4.2026
Dier Pionier der mobilen Poulet-Grills ist in Konkurs, seine 18 Grillwagen und viele weitere Betriebsmittel stehen in Bassersdorf zum Verkauf.
blue News
Die Liquidation des Güggeli Express zieht Branchenprofis an, aber auch Interessierte, die vom günstigen Einstieg ins Geschäft mit dem fahrenden Grill träumen. Mitten drin ist die alte Chefin, die findet, sie habe ihr Geschäft zu Unrecht verloren.
Stefan Michel
20.04.2026, 06:37
20.04.2026, 13:26
Stefan Michel
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
Nach dem Konkurs der Güggeli Express GmbH werden in Bassersdorf sämtliche Betriebsmittel – von 18 Grillwagen bis zu Küchengeräten und Vorräten – verkauft; Interessierte können Gebote abgeben.
Güggeli-Express-Geschäftsführerin Karin Suter bestreitet die Zahlungsunfähigkeit und macht Buchhaltungsprobleme nach einem Unfall verantwortlich, während Gerichtsakten auf ausstehende Löhne und beträchtliche Schulden hinweisen.
Branchenkenner weisen auf den schlechten Zustand der älteren Fahrzeuge hin sowie auf die mangelhafte Hygiene. Ohnehin sei das Grillhähnchen-Geschäft ein hartes, jetzt einzusteigen, sei auch mit einem günstigen Wagen aus der Liquidation ein grosses Risiko.
Da stehen sie, die Grillwagen mit dem gigantischen Poulet auf dem Dach. Nicht in Reih und Glied, sondern rund um das Betriebsgebäude in der Gewerbezone von Basserdorf verteilt, einige in Unterständen, in Lücken gequetscht. Es sieht nicht aus, als ob sich hier ein Unternehmen im besten Licht präsentieren will. Das tut es auch nicht. Es ist die Mobile Equipe der Notariate des Kantons Zürich, die diese Schau orchestriert.
Über die Güggeli Express GmbH ist Ende Januar der Konkurs eröffnet worden. An diesem Freitagnachmittag Mitte April können Interessierte die Liquidationsmasse, die Fahrzeuge und weiteren Betriebsmittel des Unternehmens anschauen und schriftlich ihre Gebote abgeben. In einigen Wochen wird klar sein, wer sich welches Stück sichert.
Zum Verkauf steht schlicht alles, womit die 30 Angestellten der Güggeli Express GmbH ihren Job machten. Das geht weit über die 18 Grillmobile hinaus. Da sind unzählige Transportwagen, mehrere Friteusen, eine Gastro-Spülmaschine, ein Tiefkühler, Textil-Waschmaschinen, eine Bodenreinigungsmaschine, Generatoren, eine Gastankanlage, zwei elektronische Kassensysteme, ein Safe, mehrere komplette Büro-Arbeitsplätze, ganz zu schweigen von Gastro-Verbrauchsmaterial, Gestellen voller Reinigungsmittel.
Es gibt auch noch nicht abgelaufene Vorräte an Pommes Chips und Süssgetränken. Oder wie wärs mit 98 Packungen Papierservietten à 1000 Stück?
Günstiger Einstieg ins Grill-Poulet-Geschäft?
Die grossmehrheitlich männlichen Besucher interessieren sich primär für die Fahrzeuge. Auch die Nummer 1, mit der der Güggeli Express 1998 angefangen hat, steht zum Verkauf. Ein «Aussensteher», wie die Kenner sagen, bei dem der Grilleur nicht im Wagen, sondern davor steht. Seltsamerweise steht im Liquidationskatalog, das Fahrzeug sei 2002 in Verkehr gesetzt worden. Die zwei neusten Gefährte sind noch keine zwei Jahre auf den Strassen unterwegs, haben aber trotzdem schon knapp 30'000 beziehungsweise knapp 50'000 Kilometer auf dem Zähler. Bei anderen sind es über 200'000 Kilometer.
Die meisten Interessierten machen den Eindruck, sich eingehend mit der Materie beschäftigt zu haben oder bereits in dem Grillhähnchen-Business tätig zu sein. Klar, hier geht es nicht um Gegenstände, die man auch zuhause gebrauchen kann, wie bei anderen Liquidationen. Im Gespräch zeigt sich, es sind dennoch einige dabei, die sich überlegen, ihren erste Pouletgrillwagen zu kaufen.
«Da sind viele Blindkäufer» urteilt ein Mann gesetzten Alters. Er habe 43 Jahre Erfahrung in der Gastronomie, haben schon unzählige Foodtrucks betrieben. «Die kaufen einen Wagen und lernen später, was es braucht, um mit einem fahrbaren Grillstand Geld zu verdienen.» Seinem Tonfall ist zu entnehmen, dass er deren Erfolgschancen eher tief einschätzt.
Seiner Begleiterin gibt er Dellen an den Fahrzeugen zu Protokoll. Den Liquidationsmitarbeiter bittet er freundlich, einmal Gas zu geben. «Der ist in Ordnung», sagt er, während sich die Dieselwolke ausbreitet. Bei einem der neueren Fahrzeuge zieht er den Ölstab heraus. «Da wurde nicht nur der letzte Service verpasst, sondern auch der vorletzte.»
Trotzdem hat das Gastro-Duo am Ende neun Fahrzeuge auf der Liste, die für einen Kauf infrage kommen. Sie habe die Mittel, um mehrere Wagen zu kaufen, erklärt die Frau. Selbst für das En-bloc-Angebot mitzubieten, sei ein Thema. Dieses umfasst sämtliche Grillwagen und weiteren Fahrzeuge, die Transportwagen, Kassen und ein Regal voller Gastro-Utensilien. 104'000 Franken ist das erste Gebot. Das werde mit Sicherheit übertroffen, ist man sich einig.
18 Grillwagen, zwischen zwei und 23 Jahren alt stehen zum Verkauf. Die neueren seien interessant, die älteren nur noch Schrott, finden die Kenner.
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Güggeli-Express-Geschäftsführerin akzeptiert Konkurs nicht
Ein Mann, der sich als Jean-Marie vorstellt, will nach seiner Pensionierung, die in wenigen Monaten ansteht, einen Pouletgrillwagen betreiben. Er hat sich informiert, kennt die Preise für Neufahrzeuge, für rohe Poulets, weiss, dass er das Fleisch entweder teurer mariniert einkaufen muss oder einen von der Lebensmittelkontrolle abgenommenen Raum braucht, um sie selber zuzubereiten.
Als Gemeindearbeiter auf einem Werkhof kennt er sich mit Spezialfahrzeugen aus. Auch Standorte hat er schon im Visier. «Ich werde für die neusten Fahrzeuge Gebote abgeben und hoffe, dass ich bei einem den Zuschlag erhalte. Wenn nicht, schaue ich woanders weiter.»
Mitten im Geschehen ist auch eine Frau, die alles lächelnd zur Kenntnis nimmt, Fragen beantwortet, einige der Anwesenden offensichtlich gut kennt. Sie heisst Karin Suter und ist die Geschäftsführerin des Familienunternehmens, das ihr Vater gegründet hat. Sie hält an ihrer Version fest, dass die Güggeli Express GmbH nicht zahlungsunfähig gewesen sei, sie lediglich mit der Buchhaltung im Rückstand war.
Jean Marie will einen Grillwagen eröffnen.
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«Immer Ende Jahr habe ich während unseren Betriebsferien die Buchhaltung aufgearbeitet. Aber dieses Jahr hattte ich Mitte Dezember einen Arbeitsunfall, habe mir einen Wirbel gebrochen.» Die 1,14 Millionen Schulden entsprächen wenigen Monaten, in denen sie die Einnahmen nicht verbucht habe. Trotzdem deponierte ihre Treuhänderin die Buchhaltung.
Das steht im Widerspruch zu Gerichtsakten, aus denen der «Tages-Anzeiger» zitiert. Schon im Sommer seien Löhne nicht mehr bezahlt worden und auf dem Firmenkonto habe sich nur noch ein vierstelliger Betrag befunden. Im Oktober 2025 war der erste Liquidationstermin für die Güggeli Express GmbH. Der Rekurs gegen den Entscheid zögerte die Auflösung um wenige Monate hinaus.
Karin Suter glaubt nach wie vor daran, dass die Bilanz, die zum Konkurs geführt hat, nicht den finanziellen Tatsachen entspricht. «Unglaublich, dass so etwas in der Schweiz möglich ist.»
Konkurrent kritisiert mangelnde Hygiene
Wie viel es braucht, um mit Grillpouletwagen Geld zu verdienen, weiss Josef Grob von «Guets Güggeli». Durch das Aus des Güggeli Express ist er zur Nummer Zwei in der Schweiz aufgestiegen, er hat sich zahlreiche Standplätze gesichert, die davor vom Pionier betrieben worden waren.
«Ich hätte gerne drei oder vier Wagen gekauft», sagt er, «aber nachdem ich sie gesehen habe, bin ich nicht mehr interessiert.» Er zeigt auf einen Kamin, von dem schwarze Fetzen in die Tiefe gewachsen sind. «Das ist Russ und Fett, die sich über lange Zeit dort abgelagert haben.» Wenn wieder Rauch und Hitze durch den Kamin austräten, werde das flüssig und tropfe zurück auf den Grill. «Ich staune, dass da kein Lebensmittel-Kontrolleur interveniert hat.»
Trotzdem betont er, dass es ihm leid tue, was seinem Konkurrenten Güggeli Express passiert sei. Das sei tragisch, für die Inhaber-Familie und für die Angestellten.
Er hätte auch Grilleure übernommen, erzählt er weiter, aber die seien nicht richtig geschult für sein Unternehmen. Seine Fachleute am Grill sind nicht angestellt, sondern arbeiten als Selbständige, zahlen ihren Wagen über Jahre ab. «Die sind selber verantwortlich dafür, dass ihr Fahrzeug in gutem Zustand und ihr Grill sauber ist. Fettablagerungen, wie sie in verschiedeben Güggeli-Express-Wagen unschwer zu finden sind, gebe es bei seinen Leuten nicht.
Karin Suter hingegen erkärt, ihre Grilleure hätten den Wagen am Abend hingestellt und seien nach einem langen Arbeitstag nach Hause gegangen. Gereinigt hätten andere Angestellte. Besonders die älteren Wagen tragen deutliche Spuren von Fett und anderen Stoffen, die sich im Lauf der Jahre ablagerten. Für viele der Interessierten sind sie nur noch eine Altlast. Verschrotten sei das Einzige, was man damit noch machen könne, sagt mehr als einer.
Da ist nicht nur nach der letzten Fahrt nicht sauber geputzt worden.
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Poulets sind kein Gold am Drehspiess
Angeregt diskutiert auch ein Mann, der weder seinen Namen noch den seines Arbeitgebers veröffentlicht haben will – es ist einer der Grossen auf dem Schweizer Geflügelmarkt. Bei einem Blick auf eines der neueren Fahrzeuge meint er: «Ich wette meine vier Wagen, dass der über 3,4 Tonnen schwer ist. Wenn du den voll geladen hast, ist der mit dem Fahrer 200 bis 300 Kilogramm zu schwer. Damit kannst du gar nicht ausfahren!» Ein Liquidationsmintareiter entgegnet: «Das Fahrzeug ist vorgeführt, das ist alles was wir sagen können.» Für jedes Liquidationsobjekt gilt: Es wird so verkauft, wie es da steht, es gibt keine Garantie für ihr Funktioieren. Stellt sich heraus, dass ein Ofen nicht richtig heizt, ist das das Problem des Käufers.
Noch schwerwiegender ist, was der Profi über das Geschäft mit gebratenen Poulets vom fahrenden Grill sagt: «Was die meisten hier nicht wissen: Wenn du keine eigenen Poulets hat, kommst du nie auf eine gute Marge.» 9 Franken Gewinn müsse man pro ganzes Hähnchen machen, um Geld zu verdienen. 11 Franken bezahlten viele pro rohes Stück. Hinzu kommt das Gas für den Grill, die Kosten für den Wagen, der Lohn für den Grilleur. «Wenn du mehr als 25 Franken für ein ganzes Poulet vom Grill verlangen musst, hast du ein Problem.»
«Guets Güggeli»-Grob erklärt, wer neu einsteige, habe kaum Chancen, Schweizer Geflügel kaufen zu können. Mit Import-Poulets habe man keine Chance. Seine selbständigen Grillmeister profitieren vom gemeinsamen Einkauf beim Schweizer Grossmetzger.
Auch Güggeli Express hatte immer Schweizer Ware am Spiess. «1400 Menschen haben wir täglich verpflegt», blickt Karin Suter zurück, «auch um sie tut es mir leid.» Gebrochen wirkt sie nicht. Darauf angesprochen meint sie: «Zuhause sieht es anders aus.»
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