Guets Güggeli expandiert dank Konkurrenz-Konkurs «Bevor ich meinen Kunden das verkaufe, höre ich auf»

Sven Ziegler

20.4.2026

Marco Klarer ist seit 10 Jahren Grillmeister bei Guets Güggeli.
Marco Klarer ist seit 10 Jahren Grillmeister bei Guets Güggeli.
blue News

Nach dem Konkurs des Güggeli-Express baut das Ostschweizer Unternehmen Guets Güggeli seine Präsenz massiv aus. Weshalb hat diese Firma heute mehr Erfolg als der grosse Ex-Platzhirsch? Eine Reportage vom Grillstand am Zürichsee. 

Sven Ziegler

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Der Güggeli-Express, seit 1998 Zürcher Kultgrill, ist Ende Januar 2026 mit einer Überschuldung von rund 1,14 Millionen Franken in Konkurs gegangen.
  • Das Inventar wird heute in Bassersdorf versteigert. Guets Güggeli übernimmt zehn der frei gewordenen Standorte und wird damit mit 15 Grilleuren zur neuen Nummer zwei im Schweizer Strassengrillgeschäft – hinter Natura Güggeli (28 Grilleure, rund 160 Standorte).
  • Schweizer Geflügel ist knapp: Wer heute neu ins Geschäft einsteigen will, bekommt laut Guets-Güggeli-Inhaber Josef Grob kaum frische Inlandware.

Auf dem Parkplatz vor dem Schulhaus Allmend in Horgen ZH dreht sich an diesem sonnigen Morgen ein gutes Dutzend Güggeli langsam um die eigene Achse. Bratfett tropft in ein Auffangbecken. Daneben brutzeln Kartoffeln. Marco Klarer ist bereits seit Stunden auf den Beinen: Um 7 Uhr hat er das Haus verlassen, Kartoffeln eingekauft, frische Poulets aus dem Lager geholt, den Stand aufgebaut, den Grill angeheizt. Um 9 Uhr mussten die ersten Spiesse hängen. «Ich rieche den Duft der frisch gebratenen Güggeli schon gar nicht mehr», lacht er. «Aber wenn ein leichter Wind geht, ist das die beste Werbung.»

Klarer ist Grillmeister bei Guets Güggeli, einem Franchisesystem aus Bischofszell TG. Seit zehn Jahren ist er unterwegs, manchmal die ganze Woche, von morgens bis 19 Uhr. «Pünktlich Feierabend. Muesch. Sonst wirst du nie fertig.» Klingt hart – und ist es auch. Gleichzeitig ist es eine Wahl, die er bewusst getroffen hat.

Vor seinem Leben am Grill war Klarer Bauleiter. Immer voll verplant, keine Atempause. «Mein Tag war nonstop durchgetaktet, zwei meiner Kollegen hatten ein Burnout. Da habe ich mich hinterfragt, ob dieser Job wirklich noch das Richtige für mich ist», erinnert er sich zurück. Durch Zufall konnte er das Grillgeschäft von einem Bekannten übernehmen. Heute sagt er: «Das erfüllt mich total. Ich bin an der frischen Luft, habe keine Schmerzen mehr, schlechtes Wetter macht mir nichts aus.» Nur bei starkem Wind müsse er schliessen – dann werde das Aufspannen der Markise gefährlich.

Stammkunden als wichtiger Geschäftszweig

Klarer bedient gerade einen Kunden, als ein BMW auf den Parkplatz fährt. Er hat das halbe Güggeli schon fast bereit, bevor der Mann ausgestiegen ist. «Hoi, wie immer Halb-Halb?», fragt er und füllt Kartoffeln in die Box. Der Stammgast nickt, bezahlt, fährt davon. «Der kommt seit Jahren und will immer das Gleiche, da kann ich das Menü schon fast vorbereiten», lacht Klarer. Dann hält ein Muldenkipper an. «Der Fahrer kommt auch mindestens einmal pro Woche – aber will jedes Mal etwas anderes.»

Schon am frühen Morgen spannt Marco Klarer Güggeli-Spiesse vor den Grill.
Schon am frühen Morgen spannt Marco Klarer Güggeli-Spiesse vor den Grill.
blue News

Solche Szenen sind der Kern dieses Geschäfts: Stammkundschaft, Vertrauen, Wiedererkennungswert. «Viele meiner Kunden kommen schon seit zehn Jahren», sagt Klarer. Vertrauen, Nähe, das Wissen, welches Produkt der Grilleur serviert, den man seit Jahren kennt. Er vermutet, dass ihn das auch von der Konkurrenz unterscheidet. 

Und trotzdem: Nach dem Konkurs des Güggeli-Express gingen auch bei Klarer die Verkaufszahlen zurück. «Die hatten alle das Gefühl, es gebe jetzt keine Güggeli-Verkäufer mehr in der Schweiz», erzählt der Grillmeister. «Manche kamen und fragten ganz erstaunt: ‹Oh, dich gibts noch. Bist du nicht Konkurs gegangen?›»

«Konkurs des Güggeli-Express kam aus dem Nichts»

Der Güggeli-Express war 28 Jahre lang ein Zürcher Strassenbild-Klassiker: Rot-weisse Wagen, ein überdimensioniertes Brathähnchen auf dem Dach, zuletzt 14 Fahrzeuge und über 60 Standorte im Raum Zürich. Inhaberin Karin Suter hatte das Familienunternehmen von ihrem Vater übernommen – und dann lief es schief: ein Arbeitsunfall, eine ins Stocken geratene Buchhaltung, eine Überschuldung von rund 1,14 Millionen Franken. Ende Januar 2026 eröffnete das Obergericht Zürich den Konkurs. 

Josef Grob, Inhaber von Guets Güggeli, hat davon zufällig erfahren. «Wir haben eine Anfrage für eine Standplatz-Übernahme erhalten, weil der Güggeli-Express Konkurs sei. Das kam wie aus dem Nichts», erzählt er im Gespräch mit blue News. Seither rollt die Expansion: Guets Güggeli übernimmt auf einen Schlag zehn Standplätze.

Das sei nicht trivial, betont Grob. Neue Wagen müssten beschafft, neue Grilleure ausgebildet, neue Umschlagplätze für die Ware geschaffen werden. «Wir mussten den Inhabern der Standplätze sagen, dass wir nicht alle auf einen Schlag bedienen können. Dafür haben wir viel Verständnis bekommen.»

Die Branche wird neu aufgeteilt

Guets Güggeli ist mit der Expansion zur Nummer zwei im Schweizer Strassengüggeli-Geschäft aufgestiegen. Das Unternehmen zählt 15 Grilleure – hinter Branchenführerin Natura Güggeli, einer Tochterfirma des Thurgauer Geflügelverarbeiters Frifag, die mit 28 Grilleuren an rund 160 Standorten in 18 Kantonen präsent ist. Beide Unternehmen setzen auf das gleiche Prinzip: selbstständige Franchisepartner, die ihren Wagen selbst betreiben und das wirtschaftliche Risiko tragen.

«Das System basiert auf der Selbstständigkeit», erklärt Klarer. «Entsprechend hat jeder Grilleur ein grosses Interesse, das beste Produkt in einwandfreiem Zustand und in einer sauberen Umgebung zu verkaufen.» Er selbst leistet sich einen Angestellten mit einem Pensum von 60 Prozent, damit er auch mal in die Ferien fahren kann. Und er pflegt seinen 23 Jahre alten Grillwagen wie ein Handwerker sein Werkzeug: jeden Tag putzen, zweimal pro Jahr komplett zerlegen und reinigen.

Auch das unterscheidet Guets Güggeli vom Güggeli-Express. Beim Ex-Platzhirschen waren die Grillmeister angestellt, erhielten einen Fixlohn. Viele Grillmeister seien jeden Tag mit anderen Fahrzeugen unterwegs gewesen und hätten sie abends zurückgebracht, eine Reinigung sei nicht vorgeschrieben gewesen, weiss Grob. Er ist überzeugt: «Unser System spornt alle an, immer ihr Bestes zu geben.»

Schweizer Ware ist knapp

Einfach einsteigen kann man bei Grob nicht. Zwischen 15'000 und 25'000 Franken Startkapital seien nötig, sagt Grob – und dann nochmals Kapital für die Anfangszeit. «In den ersten drei Monaten geht es darum, sich das Netzwerk aufzubauen. Da kannst du vom Güggeli-Verkauf nicht leben. Rentabel ist das Geschäft erst nach rund einem halben Jahr.» Nicht jeder halte das durch; manche Bewerbungen lehne er auch ab. «Wir nehmen nicht Jeden.»

Hinter dem Geschäft steckt ein harter Kampf ums Poulet: Der Inlandanteil an Geflügelfleisch stagniert in der Schweiz bei rund 66 Prozent, die Importe sind 2025 weiter gestiegen. Grob spricht es offen an. «Wenn einer heute von null einsteigen will, wird er kaum frische Ware erhalten. Dann wünsche ich viel Glück.» Die grossen Verarbeiter – Bell, Micarna, Frifag – hätten schlicht zu wenig Schweizer Poulets, um neue Abnehmer zu bedienen. Einen Verkauf von Importprodukten bei Guets Güggeli schliessen er und auch Grillmeister Klarer kategorisch aus: «Da würde ich vorher aufhören.»

Die Grill-Produkte müssen ständig kontrolliert werden.
Die Grill-Produkte müssen ständig kontrolliert werden.
blue News

Klarer bestätigt das aus seiner täglichen Erfahrung am Stand: «Die Leute fragen nach der Herkunft der Ware und würden ausländisches Fleisch nicht akzeptieren. Ein Betreiber mit Importware hat keine Chance.»

Das Geschäft geht mit der Zeit

Vieles ist in diesem Geschäft seit Jahrzehnten gleich geblieben – das Grundprinzip des gebratenen Poulets hat sich nicht verändert. Und doch müsse man mit der Zeit gehen, sagt Grob. Als die Vogelgrippe ausbrach, brach auch der Pouletverkauf ein. Die Antwort: Schweinefleisch ins Sortiment. Im Mai kommt nun ein Süssmais-Curry auf die Karte – das erste vegetarische Menü in der Geschichte von Guets Güggeli.

«Ich habe viele Sportler als Kunden», sagt Klarer. «Die holen sich hier ihre Proteine und gesunde Kartoffeln dazu.» Der Job werde unterschätzt, fügt er hinzu. «Es ist naiv, wenn man glaubt, nur weil man daheim ein Güggeli in den Ofen schieben könne, sei das hier ein Kinderspiel.»

Kurz vor Mittag stehen zahlreiche Personen beim Güggeli-Stand von Marco Klarer an.
Kurz vor Mittag stehen zahlreiche Personen beim Güggeli-Stand von Marco Klarer an.
blue News

Grob nickt. Es ist kurz vor Mittag, die Warteschlange am Stand wächst. Er hat noch Termine am Nachmittag. Bevor er geht, erzählt er noch, dass er viel draussen bei den Grilleuren unterwegs sei: «Meist fällt mir sofort etwas auf, was ich anders machen würde. Dann gebe ich Tipps.» Bei groben Verstössen schreite er auch ein. «Wir können uns kein schlechtes Image leisten. Das färbt sich auf alle ab.»

Klarer unterdessen bedient Kunden, füllt Kartoffeln auf, schneidet Poulets. Die Mittagswelle läuft. Auch heute wird er um 19 Uhr den Grill löschen, wie jeden Tag. «Ich selber kann nicht mehr jeden Tag Güggeli essen», sagt er noch zum Abschied. «Aber eines weiss ich: Meine Kunden bekommen bei mir die beste Qualität. Denn das letzte Güggeli ist immer das trockenste. Und das esse ich.»


Mehr aus dem Ressort

Erklärt: Das Schweizer Bio-Ei kommt vom Hybridhuhn – Und was heisst das jetzt?

Erklärt: Das Schweizer Bio-Ei kommt vom Hybridhuhn – Und was heisst das jetzt?

Die Hühnerzucht weltweit haben sich eine Handvoll Player untereinander aufgeteilt. Auch in Schweizer Ställen stehen Hochleistungssportler. Man wird ja wohl nochmal fragen dürfen: Was bedeutet das für Bio-Ei-Käufer?

17.09.2020