«Sollen wir für die Arbeit leben?»Migros sorgt mit Anti-Freizeit-Plakat für Riesen-Frust bei Mitarbeitern
Sven Ziegler
27.2.2026
Stehen unter dem Druck: Migros-Angestellte sehen sich mit solchen Plakaten konfrontiert.
Bild:«Work-Zeitung» / Keystone / Bildmontage blue News
Plakate in rund 200 Filialen der Migros Aare sorgen für Empörung: Mitarbeitende würden mit ihrem «risikoreichen Freizeitverhalten» Ausfälle verursachen, heisst es dort. Nach heftiger Kritik spricht die Genossenschaft von einem «internen Missverständnis».
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Ein paar Sätze auf einem Plakat – und plötzlich steht die Stimmung in zahlreichen Filialen der Migros Aare am Tiefpunkt.
«Ausgang und Ferien verursachten 2025 in der Migros Aare 2100 Ausfalltage»: So stand es auf einem internen Aushang, der Anfang Jahr in rund 200 Filialen in den Kantonen Bern, Aargau und Solothurn auftauchte.
Unterzeichnet war er von den «Spezialisten ASGS». Das ist bei der Migros der Bereich, der zuständig für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz ist. Über die Plakate zuerst berichtet hatte die gewerkschaftliche «Work-Zeitung».
«Unfälle passieren nicht, sondern werden gemacht.»
Was als Präventionshinweis gedacht gewesen sein mag, kam bei vielen Mitarbeitenden als Moralpredigt an. Besonders der Satz «Unfälle passieren nicht, sondern werden gemacht» stiess auf. Für einige klang das wie ein Vorwurf.
«Respektlos und unprofessionell»
Eine Verkäuferin aus dem Raum Bern beschreibt die Reaktion ihres Teams gegenüber der Gewerkschaftszeitung als Mischung aus Wut und Fassungslosigkeit. Man fühle sich unter Generalverdacht gestellt, sagt sie. «Als ob wir uns absichtlich verletzen oder fahrlässig handeln würden.»
Ein zweites Plakat rechnete vor, was der Ausfall einer Person für das Team bedeute: 82 Stunden müssten «ungplant» abgedeckt werden, Kolleginnen und Kollegen gerieten unter zusätzlichen Druck, das Unfallrisiko steige sogar.
Für manche Mitarbeitende wirkte das wie eine subtile Schuldzuweisung: Wenn jemand fehlt, leiden alle anderen – also verhalte dich gefälligst vorsichtig.
Der Aushang traf offenbar einen wunden Punkt. Mehrere Angestellte berichten von wachsendem Spardruck, gekürzten Einsatzstunden und einer generell angespannten Stimmung. Wer flexibel einspringe, habe Vorteile bei der Schichtplanung, wer nicht könne oder wolle, spüre das.
Vor diesem Hintergrund wirkten die Plakate für manche wie ein weiteres Signal von oben: Die Verantwortung für Engpässe liege bei den Teams – nicht bei der Personalplanung. «Oder sollen wir jetzt nur noch für die Migros leben?», fragt ein Mitarbeiter rhetorisch.
Migros spricht von Missverständnis
Nach Kritik reagierte die Genossenschaft. Mediensprecherin Neda Golafchan erklärt auf Anfrage von blue News, die Plakate hätten «so selbstverständlich nicht platziert werden dürfen».
Es habe sich um ein internes Missverständnis gehandelt, weder HR noch Kommunikationsabteilung seien involviert gewesen. «Nach dem Hinweis auf die Aushänge wurden diese unverzüglich entfernt und interne Massnahmen ergriffen, um sicherzustellen, dass ein solcher Vorfall nicht mehr vorkommt», schreibt Sprecherin Neda Golafchan.
Weitere Fragen zu dem Fall will die Sprecherin nicht beantworten.
Für einige Betroffene ist der Schaden dennoch angerichtet. Zwei Mitarbeitende sagen gegenüber der «Work-Zeitung», sie hätten sich entschieden, beruflich neu zu orientieren. Zu lange habe sich Frust angestaut, der Aushang habe nun das Fass zum Überlaufen gebracht.
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