Perfektionist, Visionär, Sturkopf – der Schweizer Patron aus Beirut

Philipp Dahm

28.6.2020 - 10:00

Heute vor zehn Jahren starb Nicolas Hayek – und mit ihm der Typus des Industrie-Patrons. Drei Eigenschaften haben den Swatch-Gründer zum Milliardär gemacht: Talent, Engagement und Weitsicht.

Nicolas Hayek kommt am 19. Februar 1928 in dem christlich dominierten Beiruter Stadtteil Achrafieh zur Welt. Mutter Linda stammt aus einer wohlhabenden Anwaltsfamilie, Vater Georges hat in Chicago ein Zahnarztstudium absolviert.

Nicolas besucht wie Schwester Mona und Bruder Sam die Jesuitenschule und studiert später an der Université Saint-Joseph in seiner Geburtsstadt Mathematik, Chemie und Physik. Dabei verliebt er sich in das Au-pair-Mädchen, das in seinem Elternhaus arbeitet: eine junge Schweizerin namens Marianne Mezger. Die Hayeks sind über die Gefühle ihres Sohnes alles andere als erfreut, doch der Dickkopf lässt sich nichts vorschreiben.

Als er Marianne 1951 heiratet und im selben Jahr Tochter Nayla geboren wird, weiss Hayek nicht, wie er seine Familie über die Runden bringen soll. Zwei Jahre zuvor ist er in die Schweiz gekommen, hat ein Praktikum als Mathematiker bei der Schweizer Rückversicherung absolviert, doch der Job ist ihm zu theoretisch. Das Schicksal setzt ihn unverhofft in den Chefsessel: Weil sein Schwiegervater Eduard Mezger einen Schlaganfall erleidet, übernimmt Nicolas die Führung seiner Maschinenbau-Fabrik in Bern.

Erste Firma ohne Telefon

Der Libanese überwindet die Sprachbarriere, arbeitet sich in die Materie ein und gewinnt neue Kunden. Als sein Schwiegervater 1956 zurück ins Unternehmen kommt, konnte Hayek die Hallen kaufen, in denen die Firma eingemietet war. Nur in die zweite Reihe zurücktreten, das kann er nicht – die Zusammenarbeit mit seinem Schwiegervater endet.

Nicolas Hayek in den 1970er-Jahren in Zürich.
Bild: Keystone

Während seine Frau, Tochter Nayla und der gerade geborene Sohn Nik in Aaarberg BE bei den Schwiegereltern bleiben, nimmt Hayek einen Kredit über 4'000 Franken auf, mietet ein Büro an der Bahnhofsstrasse 11 in Bern und gründet mit einem Kollegen eine Beratungsfirma. Für Anrufe muss Hayek noch zum Münztelefon auf der gegenüberliegenden Strassenseite gehen, und am Anfang holt er sich dort nichts als Absagen ab.

Erst die erfolgreiche Kundenakquise in Deutschland, wo durch den Neuaufbau das Geld lockerer sitzt, verhilft ihm schliesslich auch in der Schweiz zum Durchbruch. Bis 1963 gründet der Geschäftsmann seine eigene Beraterfirma Hayek Engineering, bezieht mit 40 Mitarbeitern Büroräume in Zürcher Dreikönigsstrasse 21, baut ein Haus für seine Familie am Hallwilersee und wird Schweizer Staatsbürger.

Als Hayek persönlich wird

Zu seinen vielen neuen Kunden gesellt sich auch eine Unternehmerin, die Hayeks Kariere verändern wird: Esther Grether regiert ein Firmenimperium mit Schwerpunkten in Beauty und Pharma – bekannt sind auch ihre Grether’s Pastilles. Als die Schweizerische Bankgesellschaft nach Investoren sucht, um die darbende Uhrenindustrie zu retten, willigt sie ein und schlägt Hayek als Sanierer vor.

Nicolas Hayek präsentiert am 2. April 1994 lachend zwei Ostereier mit seinem Konterfei.
Bild: Keystone

Der Berater arbeitet sich sorgfältig in Branche und Materie ein. Was er dann vorschlägt, stösst die alte Garde vor den Kopf – denn Hayeks Vorhaben gleicht einer Revolution: Die beiden grossen nationalen Konkurrenten sollen verschmelzen, investieren und ihre bisherigen Konzepte quasi umkehren.

Was den Ausschlag gibt, dass die Banken mitziehen? Hayeks persönlicher Einsatz: Er nimmt sein eigenes Vermögen in die Hand, um in der neu zu gründenden Schweizerischen Gesellschaft für Mikroelektronik und Uhrenindustrie AG (SMH) eine Führungsrolle zu übernehmen.

Weltweit bewundert

Und seine Strategie geht auf: Er macht die Schweizer Herkunft zu einem Qualitätsmerkmal, reduziert die unnötig aufgeblähten Modellpaletten und reduziert die Stückzahlen etwa bei der Edelmarke Omega, die so ihren exklusiven Charakter verspielt hatte. Hayek kauft letzte Firmen hinzu, die Teile liefern, vereinheitlicht deren Verwendung bei den Uhrenherstellern und kauft neue Maschinen.

Hayek mit Schauspielerin Nicole Kidman 2006 in Genf.
Bild: Keystone

Bald brechen für die Branche wieder goldene Zeiten an – die ausgerechnet durch eine Hayek’sche Billiguhr noch rosiger erscheinen: Die 1983 lancierte Swatch-Uhr macht den Zeitmesser zum Modeaccessoire.

Swatch-Varianten: Die Uhr wird zum modischen Acessoire.
Bild: Keystone

1998 wird seine SMH in Swatch-Group unbenannt, die 19 Marken umfasst und die zu jenem Zeitpunkt schon mehr als 200 Millionen Swatch-Uhren verkauft hat. Die «second watch» ist nicht zuletzt wegen ihrer damals völlig neuen Marketingstrategie ein weltweiter Erfolg, an dem sich andere Branchen orientieren.

Smarter als Deutschland

Weitsicht beweist Hayek auch in einem völlig anderem Gebiet: Er treibt seine Idee eines ansprechenden Kleinwagens voran, der ohne Benzin auskommen soll. Als Mercedes Benz seine Vorschläge verwässert, steigt er aus dem ursprünglichen Smart-Projekt aus, das heute moderner denn je erscheint.

Hayek auf Smart-Probefahrt in Zürich im September 1998.
Bild: Keystone

Bevor Hayek sein Unternehmen an seine Kinder übergibt, hilft er, die ETH Zürich neu aufzustellen – und wird für sein beeindruckendes Lebenswerk mit jeder Menge Auszeichnungen gewürdigt.

Als er am 28. Juni 2010 in Biel einem Herzinfarkt erliegt, sitzt Hayek – notabene – am Schreibtisch in seiner Firma. Mit ihm ist der letzte grosse Industrie-Patron der Schweiz gegangen, der seinen Konzern als Familienfirma betrachtet, soziale Verantwortung übernommen und unternehmerische Weitsicht bewiesen hat. Sein Erbe wird die Schweiz nie vergessen.

So einen Unternehmer wie ihn gibt es heute kaum noch: Nicolas Hayek.
Bild: Keystone
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