«Ist der Streik eine Folge der Ramsch-Flugpreise, Herr Moser?»

10.8.2018 - 16:12, tsch / Maximilian Haase

Streik bei Ryanair: Unter welchen Bedingungen arbeiten Piloten und Kabinenpersonal heutzutage wirklich? Ein Luftfahrt-Experte erklärt.

400 gestrichene Flüge, 55'000 betroffene Passagiere in ganz Europa: Die Fluggesellschaft Ryanair erlebt derzeit den grössten Pilotenstreik ihrer Historie. Die logische Folge von Kampfpreisen und mässigen Arbeitsbedingungen? Der Autor und Luftfahrt-Experte Sepp Moser, der als Sportpilot und mehrfacher Schweizermeister im Präzisionsflug selbst auf eine Flugerfahrung von über 2'000 Stunden zurückblickt, gibt Auskunft.

Herr Moser, Ryanair erlebt derzeit den grössten Streik in der Geschichte des Unternehmens. Ist das eine direkte Folge von Ramsch-Flugpreisen um die 20 Euro?
Sepp Moser: Wenn man einen Miniaturpreis für einen Sitz zahlt, muss man sich bewusst sein, dass man nicht den Durchschnittspreis zahlt. Sondern vielmehr eine von ganz wenigen Personen in diesem Flugzeug ist, die diesen Preis zahlen. Es ist aber der Durchschnittspreis, der für Fluggesellschaften dafür ausschlaggebend ist, ob es sich rentiert oder nicht. Das ist bei Ryanair augenscheinlich der Fall. Sie ist eine der profitabelsten Fluggesellschaften der Welt.

Wo spart Ryanair vor allem?
Bei Ryanair und ähnlichen Unternehmen ist das Geschäftsmodell auf Optimierung der Kosten ausgerichtet, aber es wird nie an der Sicherheit gespart. Wohl aber am Komfort und am Wohlbefinden. Auch muss das Kabinenpersonal noch mehr Nebentätigkeiten erledigen – etwa das Reinigen und Aufräumen der Kabine oder den Verkauf von Artikeln, um zusätzlichen Umsatz zu machen.

Sind die Arbeitsbedingungen bei so einem Modell nicht zwingend schlechter als bei anderen Fluglinien?
Tatsächlich sind die Arbeitskonditionen bei der Ryanair nicht so komfortabel wie bei Lufthansa oder Swiss. Allerdings muss man auch sagen, dass die Angestellten bei vielen grossen und etablierten Fluglinien wirklich noch ein Traumleben führen – und auf Deutsch gesagt überbezahlt sind.

Heisst das, in Zukunft wird das Modell Ryanair auf dem Markt möglicherweise dominieren?
Wie in allen Teilen der Wirtschaft wird es alle Modelle parallel zueinander geben. Es gibt auch im Einzelhandel einfache Geschäfte, wo das Personal stärker gefordert und schlechter bezahlt ist. Und daneben können Sie im Luxusgeschäft Ihren Lachs kaufen.

Wie sehen die Bedingungen für Ryanair-Piloten aus, die aktuell streiken?  
Sie sind bestimmt schlechter bezahlt als bei anderen Fluggesellschaften. Vor allem müssen sie auch einige Dinge selbst machen, die bei anderen Unternehmen von anderen Personen erledigt werden. Beispielsweise muss man mehr bei der Flugvorbereitung arbeiten – im Gegensatz zu grossen Airlines wird einem nicht alles auf dem Silbertablett vorgelegt. Man muss auch die Verpflegung, die man während des Fluges einnimmt, selbst zahlen.

Warum bewirbt man sich als Pilot heute noch bei Ryanair?
Ganz klar sind die Arbeitsbedingungen bei grösseren Gesellschaften wie Air France oder Swiss besser. Aber wenn ein junger Pilot anfängt, kann er eben nicht immer wählen. Viele Leute nehmen einen Job bei Ryanair einfach an, weil der ihnen angeboten wurde und es gerade nichts anderes gibt.

Können Sie angesichts dieser Arbeitsbedingungen verstehen, dass die Pilkoten streiken?
Es gibt natürlich zwei Seiten – und jede will Recht haben. Einerseits ist es nachvollziehbar, dass sich die Piloten wehren und bessere Arbeitsbedingungen wünschen. Streik ist ein legitimes Mittel im Arbeitskampf und man muss ihn akzeptieren. Auf der anderen Seite muss man aufpassen, dass nicht alle so werden wie Air France oder Alitalia , wo die Arbeitsbedingungen derart fürstlich sind, dass die Firmen kurz vor dem Bankrott stehen. Das ist ein Zwiespalt, man benötigt einen Mittelweg – wie in jeder anderen Branche auch.

Ein Pilot trägt eine riesige Verantwortung – im Gegensatz zu anderen Berufen. Ist ein höherer Lohn nicht angemessen?
Man sollte den Pilotenberuf eher mit anderen Transportmittel-Berufen vergleichen, etwa mit Lokführern oder Busfahrern. Viele Bahngesellschaften, wie die französische Staatsbahn, verwöhnen ihre Angestellten so, wie man es sich eigentlich nicht leisten kann. In der Fliegerei gibt es diese Unternehmen auch. Und ob es der Sicherheit dienlich ist, dass eine Airline kurz vor der Pleite steht, weil sie zu hohe Löhne zahlt, wage ich zu bezweifeln.

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