Stille RevolutionÄltere Schweizer arbeiten immer weniger – jetzt schlagen Arbeitgeber Alarm
Samuel Walder
8.5.2026
Viele über 50-Jährige arbeiten Teilzeit und das Freiwillig. Ist das ungenutztes Potenzial oder ist es Nötig?
Daniel Naupold/dpa
In der Schweiz arbeitet ein grosser Teil der über 50-Jährigen freiwillig in Teilzeit. Während Arbeitgeber darin ungenutztes Potenzial sehen, sprechen Gewerkschaften von einer notwendigen Entlastung. Zu wenig junge Menschen kämen nach.
Teilzeit ist in der Schweiz weit verbreitet: Rund 40 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten mit einem Pensum unter 90 Prozent. Während dies bei Jüngeren oft mit Ausbildung, Weiterbildung, Kinderbetreuung oder anderen Verpflichtungen zusammenhängt, zeigt sich bei älteren Beschäftigten ein anderes Muster.
Bei den über 50-Jährigen ist Teilzeit besonders häufig – und oft freiwillig. Laut einer Analyse des Schweizerischen Arbeitgeberverbands haben viele kein Interesse daran, ihr Pensum wieder auf Vollzeit zu erhöhen, berichtet das SRF. «Da lohnt es sich, genauer hinzuschauen», sagt Chefökonom Patrick Chuard-Keller mit Blick auf diese Entwicklung zu SRF.
Vorteil beim Teilzeit-Modell?
Der Verband sieht darin ein erhebliches ungenutztes Potenzial für den Arbeitsmarkt. In der Analyse ist von rund 86’000 Vollzeitstellen die Rede, die theoretisch möglich wären. «Diese Leute sind schon im Arbeitsmarkt drin und könnten ihr Pensum wahrscheinlich von sich aus relativ einfach erhöhen», so Chuard-Keller.
Der Schweizerische Gewerkschaftsbund widerspricht dieser Sichtweise deutlich. Er kritisiert den Begriff «Lifestyle-Teilzeit» und betont, viele Beschäftigte reduzierten ihr Pensum nicht aus freien Stücken, sondern wegen wachsender Belastung im Job. Die Zahlen zeigen tatsächlich eine klare Entwicklung: 2012 gaben noch 18 Prozent an, häufig oder immer gestresst zu sein – inzwischen sind es 23 Prozent.
Für Gewerkschafter Daniel Kopp ist Teilzeit deshalb oft eine Schutzmassnahme. «Das ist ein angemessenes Bedürfnis und oft auch eine Notwendigkeit, um die Gesundheit zu schützen», sagt er. Gerade angesichts steigender Arbeitsverdichtung sei es für viele kaum anders möglich, langfristig im Job zu bleiben.
Beim Umgang mit dem Arbeitskräftemangel gehen die Meinungen auseinander. Der Arbeitgeberverband verweist auf demografische Veränderungen: «Es gibt aufgrund der Demografie so viel mehr Ältere im Arbeitsmarkt, es kommen einfach zu wenig Junge nach», sagt Chuard-Keller. Gleichzeitig sieht er staatliche Fehlanreize – etwa durch die Steuerprogression: «Die Steuerprogression ist natürlich ein Problem, insbesondere wenn wir nach Leistungsfähigkeit besteuern.»
Die Gewerkschaften setzen hingegen bei den Unternehmen an. «Der Arbeitgeber muss gute Bedingungen gewähren, damit die Leute freiwillig möglichst lange arbeiten», sagt Kopp. Dazu gehören genügend Personal, weniger Druck und klare Ruhezeiten. Einig sind sich beide Seiten immerhin in einem Punkt: Eine Begrenzung des Bevölkerungswachstums, wie sie politisch gefordert wird, löst das Problem des Arbeitskräftemangels nicht.
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