«Angst frisst Rendite»Jede zweite Person lässt Geld liegen und merkt es nicht
Sven Ziegler
18.11.2025
Viele Schweizer*innen trauen sich nicht, in den Aktienmarkt zu investieren.
Bild.IMAGO/YAY Images
Die Schweizer Bevölkerung investiert ihr Erspartes nur teilweise – und riskiert so, langfristig weniger Geld zu haben. Das zeigt eine Studie der Hochschule Luzern. Vor allem die Angst vor Verlusten ist treibend.
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Die Schweizer Börse hat sich in den vergangenen 30 Jahren prächtig entwickelt. Wer breit investierte, durfte sich vielerorts über Renditen von rund acht Prozent jährlich freuen. Wer das Geld hingegen auf einem Sparkonto liess, musste sich mit Zinsen von rund 0,9 Prozent zufriedengeben.
Doch Rendite ist offenbar nicht alles: Eine neue Untersuchung der Hochschule Luzern (HSLU) in Zusammenarbeit mit der Luzerner Kantonalbank zeigt, dass immer noch rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung freiwillig nicht investiert. Die Studie, über die SRF vergangene Woche berichtete, warf hohe Wellen.
Der wichtigste Grund dafür? Angst vor Verlusten. Sie ist laut Studie der am stärksten hemmende Faktor – noch vor fehlendem Interesse oder mangelndem Vertrauen in Banken. Besonders betroffen sind Menschen mit tieferem Bildungsniveau und geringerem Startkapital. «Die Verlustangst muss man ernst nehmen, aber beim Wissen ansetzen», sagt Studien-Mitautor und Finanzprofessor Simon Amrein im Gespräch mit blue News.
Einige Bevölkerungsgruppen haben besonders Mühe mit Investitionen
Zwar gebe es dafür heute Unterstützung, doch das Grundwissen fehle oft. «Finanzbildung sollte schon in der Schule beginnen», fordert Amrein daher. Die Unterschiede zwischen Geschlechtern und Bildungsstufen seien dabei eklatant. Wer beispielsweise den Zinseszinseffekt nicht verstehe, werde kaum erkennen, wie viel Kaufkraftverlust «Sicherheit» auf dem Sparkonto über die Zeit bedeutet. «Wir sollten uns vor allem überlegen, wie wir in der Schweiz die Finanzbildung stärken können. Wer mehr weiss, trifft bessere Entscheidungen», ist der Finanzprofessor denn auch überzeugt.
Die HSLU-Studie zeigt zudem, dass es vor allem Menschen mit tieferem Bildungsniveau und kleinerem Vermögen sind, die sich nicht an den Aktienmarkt herantrauen. Auch der Einstiegsaufwand oder die Sorge, ständig auf Entwicklungen reagieren zu müssen, blockiert viele.
Doch ebendiese «Hyperaktivität» bei Börsenschwankungen ist für viele Anleger das eigentliche Problem, sagt Patrik Schär, CEO des Finanzdienstleisters Selma. «Emotionen sind einfach sehr schlechte Anlageberater. Die Angst etwas zu verpassen und die Angst vor Verlust führen häufiger zu Fehlentscheidungen als alles andere.»
Wunsch nach persönlichen Kontakten bleibt bestehen
Hier setzen digitale Vermögensverwalter – sogenannte Robo-Advisors – an. Sie versprechen, Menschen strukturiert und diszipliniert durch Marktphasen zu führen und vor emotionalen Fehlentscheidungen zu schützen. «Ein Algorithmus reagiert nicht gestresst, wenn die Börse fällt. Er denkt auch nicht: Heute probier ich mal etwas aus, das ich im Internet gesehen habe. Er macht zuverlässig, was er soll», sagt Schär, der mit Selma Finance einen solchen Robo-Advisor entwickelt hat.
Keine Anlageberatung
Dieser Beitrag dient ausschliesslich der Information und stellt keine Finanzberatung dar. Die enthaltenen Analysen und Einschätzungen basieren auf gründlicher Recherche, ersetzen jedoch nicht die individuelle Beurteilung durch Fachleute. Die Entwicklung der Finanzmärkte wird von zahlreichen, teils unvorhersehbaren Faktoren beeinflusst. Investitionen in Aktien, Kryptowährungen und andere Finanzprodukte sind mit Risiken verbunden, einschliesslich eines möglichen Kapitalverlusts.
Dazu gehört auch die klare Botschaft: Nicht jeder Marktrückgang ist eine Krise. Und ein kurzfristiger Einbruch ist nicht zwingend ein Signal zum Verkauf, sondern häufig eine Chance.
Doch für viele Menschen bleibt trotz digitaler Lösungen der Wunsch nach persönlicher Begleitung bestehen. Auch Finanzdienstleister Selma setzt deshalb auf hybride Angebote: Robo-Algorithmen für die objektive Portfolio-Steuerung – und Berater in Webinaren und Gesprächen für persönliches Vertrauen. «Die Zukunft ist nicht Mensch gegen Maschine, sondern Mensch und Maschine», zeigt sich Schär überzeugt.
Auch Finanzprofessor Amrein glaubt, dass der persönliche Kontakt essenziell bleibt. Er sieht eine grosse Verantwortung bei den Banken. «Sie müssen ihre hohe Interaktion mit den Kunden nutzen, um die Bedürfnisse der Kunden besser abzuholen.» Doch genau daran scheitere es oft: «Eine zentrale Herausforderung ist, überhaupt mit Nicht-Anlegern in eine Diskussion zu kommen. Hier tun sich viele schwer. Eben gerade auch, weil sich viele Personen nicht für Finanzthemen interessieren.»