In den USA ist Benzin nicht mal halb so teuer wie hier, doch die Distanzen sind grösser – und weil Uncle Sam die nationale Ölreserve anzapft, drohen womöglich bald deutlich höhere Preise. Auch die Inflation ist höher als angestrebt – und es gibt strukturelle Probleme. Das kostet.
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Ein hoher Exxon-Mobil-Mitarbeiter warnt, dass die USA ihre strategischen Ölreserven schnell aufbrauchen.
- Wenn der Tiefpunkt erreicht ist, könnte der Preis für ein Barrel der Ölsorte Brent auf 150 bis 160 Dollar steigen.
- Die hohen Energiepreise steigern neben den hohen Kosten für Lebensmittel die Inflation.
- Verbraucher leiden bei Lebensmitteln auch unter den Ausgaben, weil wenige Firmen den Markt unter sich aufteilen.
Am 11. März kündigten die USA an, wegen des Iran-Kriegs die strategischen Ölreserven des Landes anzuzapfen. 172 Millionen Barrel wurden freigegeben, die an vier Standorten im Süden der USA mit insgesamt 60 Salzkavernen eingelagert sind.
Doch diese Reserven sind begrenzt, warnt der Senior-Vizepräsident des Energie-Konzerns Exxon Mobil am 28. Mai in New York. «Wir nähern uns einem noch nie dagewesenen Bestandsniveau», zitiert CNBC Neil Chapman. «Ich meine wirklich, wirklich niedrige Werte.»
«Man kann darüber diskutieren, ob es in zwei oder drei Wochen ganz tiefes Niveau erreicht. Sobald dieser Punkt kommt, werden die Preise in die Höhe schiessen», beschwört der Amerikaner.
150 bis 160 Dollar pro Barrel Öl?
Der Preis für Öl der Sorte Brent könnte dann auf 150 bis 160 Dollar pro Barrel steigen, warnt Chapman. «Wenn der Preis ein bestimmtes Niveau erreicht hat, wird er durch die Zerstörung der Nachfrage wieder ins Gleichgewicht gebracht», prophezeit er.
Zuletzt war die Reserve 2022 beim Ausbruch des Ukraine-Krieges angezapft worden – zuvor 2005 bei Hurricane Kathrina und 1991 beim Zweiten Golfkrieg.
Das sind äusserst schlechte Nachrichten für die Amerikanerinnen und Amerikaner, die bereits jetzt stöhnen, dass das Benzin vielerorts mehr als 4 Dollar pro Gallone kostet – das sind notabene 82 Rappen pro Liter. Neben Pendlerinnen und Pendler müssen darüber hinaus auch die Produzenten tiefer in die Tasche greifen, die höhere Betriebskosten etwa beim Transport haben.
Weitere Mehrausgaben kämen zur Unzeit: «Die Preise in den USA steigen so schnell wie seit Jahren nicht mehr», titelt die «New York Times». Die Preise für Ernährung und Energie seien so hoch wie schon seit Jahren nicht mehr.
Warum Roastbeef 20 Prozent teurer ist als im Vorjahr
Kevin M. Warsh und seine Zentralbank würden vielleicht nicht um eine Zinserhöhung herumkommen, um die Inflation zu senken, heisst es weiter. Damit würde sich der frisch ernannte Chef der Federal Reserve allerdings den Zorn von Donald Trump zuziehen, der den Leitzins sinken sehen will.
Doch selbst wenn der Iran-Krieg endet, die Energie-Exporte wieder fliessen und die Zinspolitik aufgeht, werden die Preise für Konsument*innen in den USA nicht unbedingt sinken. Das alles reicht auch nicht, um zu erklären, warum Roastbeef 20 Prozent teurer ist als im Vorjahr.
Das liegt auch daran, dass mehr als 45 Prozent der amerikanischen Rinder in nur 11 Schlachtereien landen, schreibt die «New York Times». Beim Grosshandel beherrschen die vier grössten Firmen 80 bis 85 Prozent des Marktes, heisst es weiter.
Konsolidierter Lebensmittel treibt Preise
Und die Fleischwirtschaft ist keine Ausnahme: «Das gesamte Lebensmittelsystem der USA ist bemerkenswert konsolidiert, ausbeuterisch und anfällig», bemerkt die US-Zeitung.
Zwei Firmen würden die Hälfte aller frischen Brote verkaufen. Zwei Drittel des Marktes für Babynahrung sei in den Händen von zwei Unternehmen. Und wieder zwei Marken seien für 60 Prozent der Rüebli-Verkäufe zuständig.
Die grossen Firmen hätten von 30 Prozent höheren Preisen zwischen 2019 und 2025 profitiert und diese auch nicht gesenkt, als äussere Faktoren wie die Pandemie und die Lieferkettenunterbrüche weggefallen sind. Die fehlende Diversität und Konkurrenz sei ein grosser Nachteil für die US-Kunden, weiss die US-Zeitung.