So funktioniert der Black Friday Die verrückte Reise eines Schnäppchens bis zur Haustür

Dominik Müller

28.11.2025

An Black Friday herrscht im Logistikzentrum des Onlinehändlers Brack in Willisau LU Hochbetrieb.
An Black Friday herrscht im Logistikzentrum des Onlinehändlers Brack in Willisau LU Hochbetrieb.
Keystone

Was passiert eigentlich, bevor und nachdem wir am Black Friday auf «Kaufen» klicken? blue News zeigt am Beispiel eines Tablets, wie viel Logistik, Verhandlung und Psychologie in einem Schnäppchen stecken.

Dominik Müller

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Händler wie Brack beginnen früh mit der Black-Friday-Planung und verhandeln Preismargen direkt mit den Herstellern.
  • Präzise Logistikprozesse und automatisierte Systeme wie Roboter und Datenbrillen sorgen dafür, dass ein geklickter Deal effizient verpackt und schnell geliefert wird.
  • Trotz attraktiver Rabatte sind viele vermeintliche Schnäppchen gemäss einem Konsumforscher nicht zwingend günstiger als zu anderen Zeiten.
  • Die Prozesse hinter einem Black-Friday-Deal im Überblick.

Auf die Plätze, fertig, los: Die grösste Schnäppchenjagd des Jahres beginnt. Schon seit Montag – dem Beginn der sogenannten Black Week – füllen sich das Internet und unsere Köpfe täglich mit blinkenden Rabattschildern, überquellenden Warenkörben und der plötzlichen Überzeugung, genau jetzt ein Airfryer-Upgrade oder eine absurd laute Soundbar zu brauchen.

Doch was passiert eigentlich hinter den Kulissen, sobald wir auf «Kaufen» klicken? Welche Stationen durchläuft ein Produkt, bevor es bei uns zu Hause ankommt?

Wir zeigen die Reise eines Black-Friday-Deals am Beispiel eines Tablets beim Schweizer Onlinehändler Brack. Sie beginnt nämlich schon Monate vor dem Moment, in dem wir uns vom unschlagbaren Angebot verführen lassen.

Die Auswahl

Die Black-Friday-Planung bei Brack startet bereits früh im Jahr. «Wir beschäftigen uns ab dem zweiten Quartal (sprich April bis Juni, Anm. d. Red.) sukzessive immer intensiver mit der Frage: Was wollen wir in der Black Week anbieten?», sagt Tobias Gruener, Chief Commercial Officer bei Brack.Alltron, zu blue News.

Gibt es neue Trends im Markt? Was war letzte Saison besonders gefragt? Das sind die Fragen, die Gruener in dieser Phase mit seinem Team bespricht: «Unser Ziel ist es, ein für unsere Kunden möglichst interessantes Gesamtsortiment zusammenzustellen.»

Aufgrund der Saison gibt es Produkte, die am Black Friday mehr oder weniger beliebt sind. So hält sich Ende November zum Beispiel die Nachfrage nach Badehosen oder Gummibooten in Grenzen. Hingegen gibt es die sogenannten Dauerbrenner, die das ganze Jahr lang gefragt sind. Dazu gehören insbesondere Elektronik-Produkte wie Fernseher, Smartphones oder Tablets. So erstaunt es auch nicht, dass Produkte aus genau diesem Segment zu den Black-Friday-Klassikern schlechthin zählen.

Marketing oder Mangel?

  • «Die meisten Menschen in der Schweiz, die am Black Friday auf Schnäppchenjagd gehen, haben eigentlich schon genug», sagt Gianluca Scheidegger, Konsumforscher am Gottlieb Duttweiler Institut (GDI). «Deshalb vollzog man im Marketing den Wechsel von einer Bedarfsdeckung zu einer Bedarfsweckung.»
  • Konkret: Der Handel lebt davon, dass Kunden mehr einkaufen, als sie eigentlich benötigen.

Die Produkt-Verhandlung

Hat sich das Brack-Team einmal entschieden, dass unser Tablet ins Black-Week-Angebot kommen soll, beginnt eine der zentralsten Phasen im ganzen Ablauf: Die Verhandlung mit den Herstellern. Die kleinen und grossen Tech-Firmen haben nämlich auch eigene Ideen, welche Produkte ins Schnäppchen-Sortiment der Händler Einzug finden sollen.

Und Tablet ist nicht gleich Tablet. Innerhalb der jeweiligen Hauptmodellen gibt es zusätzlich mehrere Untervarianten. Ob überhaupt und welche Modelle rabattiert werden, handeln Brack und der Hersteller miteinander aus. Dabei kann es gut sein, dass die Vorstellungen weit auseinander liegen. «Dann kommt es zu einem gegenseitigen Challengen», führt Tobias Gruener aus – bis ein Kompromiss gefunden wird.

Umsatzrückgang in der Schweiz

  • Bis zum Jahr 2020 hat der Detailhandelsumsatz am Black Friday in der Schweiz jedes Jahr stark zugenommen. 2021 dann die Trendwende: Aufgrund von Lieferengpässen sowie den Nachwirkungen der Corona-Pandemie stagnierte der Umsatz bei 500 Millionen Franken.
  • 2022 gab es dann gar den ersten Umsatzrückgang auf 480 Millionen Franken. Dies lag vor allem an der getrübten Konsumentenstimmung, den steigenden Lebenshaltungskosten sowie der Tendenz der Händler, mehr Angebote an den umliegenden Tagen zu machen. In den Folgejahren sank der Black Friday Umsatz auf 460 Millionen Franken.
  • Der Rückgang ist aber trügerisch: Der Black-Umsatz der Händler verteilt sich heute auf die ganze Woche und längst nicht mehr nur auf den Freitag allein. Man spricht deshalb auch von der Black-Week oder sogar dem Black-November.

Die Preis-Verhandlung

Am Black Friday passiert Magisches: Plötzlich kostet alles fast nichts – zumindest fühlt es sich so an. Wieso ist unser Tablet nur in dieser Woche so billig und nicht immer? Und wie kann das für den Händler noch rentieren? Auch hier gilt: Den Preis verhandelt Brack direkt mit den Herstellern.

«Es ist nicht so, dass wir uns im Team hinsetzen und sagen: Wir geben jetzt bei diesem Tablet mal 30 Prozent Rabatt», erklärt Gruener. «Das können wir uns auch nicht leisten.» Ziel sei es, mit dem Hersteller eine Marge zu finden, bei der sich ein Verkauf für beide noch lohnt – zumal in der Black Week die Rabatte meist deutlich höher sind als im Rest des Jahres. Um die grossen Rabatte gewähren zu können, zahlt Brack also beim Einkaufspreis auch weniger als üblich.

Bei Brack lagern zehntausende verschiedene Produkte.
Bei Brack lagern zehntausende verschiedene Produkte.
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«In den Verhandlungen wird dann festgelegt, welche Möglichkeiten an Mengen und Rabatte erzielt werden können», so Gruener.

Rabatt oder Illusion?

  • «Die Art, wie ein Preis kommuniziert wird, beeinflusst unser Kaufverhalten», sagt Gianluca Scheidegger vom GDI. Viele Leute wüssten den effektiven Marktpreis eines bestimmten Produkts nicht. Erst der Rabatt respektive der Vergleich mit dem ursprünglichen Preis wecke in uns das Gefühl, hier auf ein Schnäppchen gestossen zu sein.
  • Hingegen würden die Preise das ganze Jahr über so stark schwanken, «dass viele Black-Friday-Produkte zu einem anderen Zeitpunkt im Jahr sogar noch günstiger angeboten werden.»

Die Planung

Das Tablet-Modell ist ausgewählt, die Preisverhandlungen sind abgeschlossen. Jetzt beginnen gleich mehrere Prozesse, die parallel laufen.

Im Marketing werden Kampagnen vorbereitet, Botschaften definiert und Social-Media-Teaser produziert. In anderen Abteilungen werden die Aktionsartikel rechtzeitig beschafft, Lagerbestände abgesichert und Lieferfristen mit Partnern abgestimmt. «Es geht natürlich nicht, dass am Montag zum Black-Week-Auftakt plötzlich 2000 Lastwagen vor der Tür unseres Logistikzentrums stehen», sagt Gruener.

Wann die Lieferung mit den Tablets eintrifft, wird entsprechend Wochen vorausgeplant. Bei der Menge kann der Onlinehändler auf Erfahrungswerte aus den letzten Jahren zurückgreifen.

Die Bestellung

Brack ist bereit. Jetzt kommen wir ins Spiel. Am Black Friday durchstöbern wir die Rabatte nach unseren Wunschprodukten – und stossen auf das günstige Tablet. Schwupps, schon ist es im Warenkorb und ein paar Sekunden später offiziell bestellt.

Die Angst, etwas zu verpassen

  • «Unsere Entscheidungen fussen auf zwei Denksystemen: dem schnellen, intuitiven System 1 und dem bewussten, rationalen System 2», so Gianluca Scheidegger. Mit grossen Rabatten versuche der Handel, die Leute aus dem rationalen Denken ins System 1 zu verleiten.
  • Dabei werden gemäss dem Konsumforscher psychologische Tricks angewendet. «Es wird beispielsweise suggeriert, ein Produkt sei so knapp, dass der Kunde unbedingt schnell zuschlagen muss.» Zudem werde mit der Angst der Menschen gespielt, einen tollen Deal zu verpassen – der sogenannten «Fear of missing out» (FOMO). Soziale Komponenten wie das Diskutieren von Schnäppchen am Arbeitsplatz oder die breite Berichterstattung in Medien und auf Social Media verstärken diese Angst zusätzlich.
  • So geraten auch rationale Kriterien wie etwa Nachhaltigkeit in den Hintergrund. Scheidegger: «Der nachhaltigste Entscheid wäre in vielen Fällen, nichts zu kaufen, weil wir schon genug haben.»

Die Logistik

Unser Klick hat im Hintergrund eine ganze Maschinerie ausgelöst. In der Black Week herrscht im Brack-Logistikzentrum in Willisau LU Hochbetrieb. «Bis und mit Weihnachten stocken wir unser Personal um knapp 150 Leute auf», sagt Thomas Gasser, Chief Operations Officer.

Beim Wareneingang wird die Lieferung mit unserem Tablet kontrolliert, danach im System erfasst und mittels Fliessbändern in verschiedene Kommissionierzonen eingelagert. In der Black Week ist unser Tablet längst im Lager verstaut: «Alle Produkte, die wir rabattiert anbieten, sind bei uns in Willisau vor Ort», sagt Gasser.

Es summt und rattert pausenlos. Überall schwirren Pakete in hoher Kadenz auf Fliessbändern von der einen Station im Bestellprozess zur nächsten. Thomas Gasser vergleicht es mit einer Autobahn. «Die grosse Errungenschaft dabei ist, dass unsere Mitarbeiter keine Kilometer zurücklegen müssen, um die Ware zu transportieren oder zu suchen.»

Paket-Autobahn bei Brack

Paket-Autobahn bei Brack

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Das Verpacken

Das Logistikzentrum von Brack gehört zu den modernsten der Schweiz. Herzstück ist der sogenannte Autostore: Über 500 Roboter, die Produkte für Bestellungen heraussuchen.

In unserem Beispiel schnappt sich ein Roboter also die Kiste mit den Tablets und bringt diese direkt zum Mitarbeiter, der unsere Bestellung ins Paket versorgt.

Autostore bei Brack

Autostore bei Brack

27.11.2025

Das Verpacken wird trotz fortschreitender Automatisierung noch immer mehrheitlich von Menschen übernommen. Dabei werden sie aber auch von futuristisch anmutender Technik unterstützt: sogenannten Datenbrillen.

«Mit diesen sehen die Mitarbeiter im Sichtfeld ein Display, das sie leitet und den nächsten Auftrag zeigt», erklärt Gasser. Mittels Stimme können sie mit dem System interagieren. Das Resultat dieser Datenbrillen mit Spracherkennung sei eine deutliche Effizienzsteigerung.

Gefaltet und geschlossen wird das Paket mit unserem Tablet drin hingegen wieder von einer Maschine. Gleiches gilt für das Etikettieren.

Ettikettieren bei Brack

Ettikettieren bei Brack

27.11.2025

Mensch und Roboter arbeiten hier Seite an Seite. Zuerst sei man in der Belegschaft der automatisierten Hilfe gegenüber skeptisch eingestellt gewesen, «heute werden die Roboter quasi als Mitarbeiter betrachtet», sagt Gasser.

Der Versand

Seit unserem Klick sind erst ein paar Stunden vergangen – und schon wird das Tablet beim Warenausgang in einen Lastwagen der Post verladen. Es ist bei weitem nicht das einzige Paket, das mitfahren muss. «Tetris-Spieler» nennt Thomas Gasser die Verlader, die hier jeden Quadratzentimeter ausnutzen.

Per Fliessband werden die fertigen Pakete zum Lkw gebracht und von einem Mitarbeiter verladen.
Per Fliessband werden die fertigen Pakete zum Lkw gebracht und von einem Mitarbeiter verladen.
blue News

Anspruch bei Brack sei es immer, die Bestellung am Folgetag auszuliefern. «In der Black Week kann es aber manchmal auch zwei Tage dauern», so Gasser. Die Kundschaft habe dafür Verständnis.

Zugestellt!

Und dann liegt es vor der Haustür, unser Paket mit dem Tablet. Wenig später ist es ausgepackt und in Gebrauch. Bereuen wir den Kauf irgendwann? Oder erfreuen wir uns jeden Tag daran? Wissen wir noch nicht. Sicher ist: Hinter jedem Schnäppchen stecken genaue Berechnungen, knallharte Verhandlungen und sehr viel Arbeit. 


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