Pekings langer Arm Wie Chinas Wirtschaftsmacht den Westen zensiert

Von Philipp Dahm

8.10.2019

Chinesische Zensoren sind wütend wegen «South Park».
Chinesische Zensoren sind wütend wegen «South Park».
Svcreenshot: YouTube

Die Meinungsfreiheit ist wichtig – aber ein Milliardenmarkt ist noch wichtiger. Ob «South Park», NBA oder Mercedes: Pekings langer Arm sorgt dafür, dass Unternehmen und Sportverbände im Westen auf Linie bleiben.

«Das ist falsch. Ich kann nicht auf so eine Art meine Seele verkaufen. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der China die Kunst meines Landes kontrolliert», sagt Stan, eine Figur aus der satirischen Zeichentrickserie  «South Park». «Es ist mir egal, wie viele Leute Ihr habt: Jeder, der seine Ideale verrät, nur um in China Geld zu machen, ist nicht mal Spucke wert.»

Die besagte Folge «Band in China» hat vergangene Woche in den USA Premiere gefeiert. Die Macher der Serie spielen darin auf den Aufruhr um den Winnie-the-Pooh-Film «Christopher Robin» an, den der Schweizer Marc Forster für den Disney-Konzern gedreht hat: Weil mehrfach Memes im Internet aufgetaucht sind, die Winnie the Pooh mit Chinas starken Mann Xi Jinping verglichen haben, wurde der Cartoon im Reich der Mitte verboten.



Und auch «South Park» bekommt nun die Quittung aus Peking: Auch diese Serie ist für chinesische Fans aus dem Internet getilgt worden, berichtet «The Hollywood Reporter».

Die Macher haben diese Reaktion kommen sehen: Trey Parker und Matt Stone veröffentlichten am Montag via Twitter eine «offizielle Entschuldigung», in der sie auch der National Basketball Association (NBA) noch einen mitgegeben. Der Hintergrund: Ein Manager des Teams Houston Rockets hat mit Sympathiebekundungen für die Hongkong-Demonstranten den Zorn Pekings auf sich gezogen. Inzwischen hat der Fall internationale Brisanz erlangt.

«Wir heissen die chinesischen Zensoren wie auch die NBA in unseren Heimen und Herzen willkommen. Auch wir lieben das Geld mehr als Freiheit und Demokratie. Xi sieht überhaupt nicht wie Winnie the Pooh aus», heisst es in der sarkastischen Erklärung.

Wer glaubt, China sei nur in Sachen Populärkultur derart streng, irrt. Eine andere US-Firma versucht sich gerade mit demselben Argument aus der Affäre zu ziehen wie die NBA: Wenn in einem Bereich, in dem Politik nichts zu suchen habe, nach Pekings Wunsch verfahren werde, könne man nicht von Zensur sprechen. So versucht die Schuhmarke Vans zu erklären, warum sie zwei Treter aus einem Design-Wettbewerb genommen hat, die sich ebenfalls auf den Hongkonger Protest beziehen.

Verbotenes Schuhwerk  zu politisch für den Custom-Cintest von Vans.
Verbotenes Schuhwerk  zu politisch für den Custom-Cintest von Vans.
Bild: PR

Und das, obwohl beim jährlichen «Custom Culture Sneaker Design Contest» nirgendwo nachzulesen ist, dass keine Anleihen an die Politik gemacht werden dürfen. Vielmehr müssten Werte wie «Respekt und Toleranz» geachtet werden. Enttäuschte Hongkonger haben nun den Hashtag #BoycottVans ins Leben gerufen und entsorgen ihre Schuhe, wie die «South Chinas Morning Post» berichtet.

Abgelehntes Schuhdesign: Toleranz und Respekt – für Chinas Zensoren.
Abgelehntes Schuhdesign: Toleranz und Respekt – für Chinas Zensoren.
Bild: PR

Im August traf Pekings Bannstrahl die Modefirma Coach. Der Grund: Ein Blogger hatte ein Foto eines T-Shirts aus dem Jahr 2018 gepostet, auf dem Taiwan und Hongkong als unabhängige Länder aufgeführt sind – obwohl Peking beide als Teile Chinas ansieht. Auf dem chinesischen Portal Weibo wurde prompt der Hashtag #CoachBeleidigtChina populär, sodass sich das US-Unternehmen zu einem Kotau bemüssigt sah, schreibt «The Guardian».

«Coach respektiert und unterstützt Chinas Souveränität und territoriale Integrität. Wir sind uns der Schwere des Fehlers bewusst und bereuen ihn zutiefst», krebste der Konzern in einem Weibo-Statement zurück.

Ähnlich erging es den Kollegen von Givenchy, die ebenfalls nach einem T-Shirt-Aufruhr versicherten, dass sie «Chinas Souveränität immer respektiert haben und nachdrücklich zum Ein-China-Prinzip stehen». Wenig später entschuldigte sich Donatella Versace, mit ihrer Kleidung chinesische Gefühle verletzt zu haben.

Dass Peking bei seinen Sonderzonen keinen Spass versteht, haben im vergangenen Jahr einige internationale Fluggesellschaften wie American Airlines, United Airlines oder Delta Airlines zu spüren bekommen, denen sogar ein Ultimatum bis zum 25. Juli gesetzt worden war, um Taiwan nicht mehr als eigenständiges Land zu listen. Nicht nur auf den Karten, die Passagiere auf den Bildschirmen sehen, sondern auch auf Flugtickets, die als Zielort Taiwan statt China aufführen, wie «Business Insider» berichtet.

Es müssen aber nicht immer Taiwan und Hongkong sein: Im Februar 2018 musste sich Mercedes Benz für eine Instagram-Kampagne mit einem Zitat des Dalai Lama entschuldigen – obwohl Instagram in China gar nicht abrufbar ist. Doch nachdem die kommunistische Parteizeitung den deutschen Autobauern vorwarf, sich zum «Feind des chinesischen Volkes» zu machen, wurde der Post kurzerhand gelöscht.

Die Liste weiterer Firmen, die auf Pekings Linie umgeschwenkt sind, reicht von A wie Audi bis Z wie Zara – bei dem Riesenmarkt, den China bietet, will es sich niemand mit der Kommunistischen Partei verscherzen. Der Volksmund wusste es schon immer: «Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.»

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