Corona und ein Streit unter Prinzen treiben die Spritpreise

Von Sven Hauberg und Stefan Ryser

12.7.2021

Eine Frau tankt an der BP Tankstelle in Kemptthal, am 19. Januar 2015.
Wer derzeit seinen Tank vollmachen will, muss tief in die Tasche greifen.
Keystone

Pünktlich zur Ferienzeit steigen die Spritpreise. Schuld daran sind unter anderem die Weltpolitik und sinkende Corona-Zahlen. Wer günstig tanken will, hat jedoch Möglichkeiten.

Von Sven Hauberg und Stefan Ryser

12.7.2021

Autofahrer*innen reiben sich dieser Tage verwundert die Augen. Innerhalb weniger Tage sind die Benzin- und Dieselpreise kräftig gestiegen ­– ausgerechnet zum Start der Sommerferien. Und ausgerechnet jetzt, wo sich viele aufgrund der Vorschriften und Unsicherheiten im internationalen Flugverkehr für einen Roadtrip entschieden haben. Dabei kommt der Aufschlag an den Schweizer Zapfsäulen nicht von ungefähr und folgt der langjährigen Gesetzmässigkeit, dass pünktlich auf die Sommersaison die Spritpreise anziehen.

Wer oder was aber bestimmt diese Preise? Welche Entwicklungen sind schuld daran, dass der Liter Benzin zurzeit bei rund 1,77 Franken liegt und der Liter Diesel sogar mehr als zwei Franken kostet? «In der Ferienzeit wird in sehr vielen Ländern mehr gereist. Die weltweite Nachfrage nach Treibstoffen nimmt deshalb zu», erklärt Erich Schwizer vom Touring Club Schweiz (TCS) auf Anfrage von «blue News».



Der Grossteil des Benzins und Diesels, das in der Schweiz verbrannt wird, wird als Fertigprodukt aus dem Ausland importiert. Nur etwa ein Viertel wird in der Schweiz selbst aus Rohöl hergestellt. Der Preis des importierten Sprits setzt sich aus drei Teilen zusammen: den Beschaffungs- und Transportkosten, den Abgaben, die der Staat auf den Preis aufschlägt, sowie den Vertriebskosten, also etwa den Aufschlägen, die an der Tankstelle fällig werden.

Streit in Nahost

Während die staatlichen Abgaben zwar rund die Hälfte des Benzinpreises ausmachen, gleichzeitig aber relativ stabil sind, sorgen die Beschaffungs- und Transportkosten immer wieder für ein Auf und Ab an den Zapfsäulen. Derzeit kostetein Fass der für Europa wichtigsten Rohölsorge Brent etwas mehr als 75 US-Dollar und damit gut einen Dollar mehr als noch vor drei Tagen.

«Viel vom weltweit verbrauchten Treibstoff und auch vom in die Schweiz importierten Benzin und Diesel hat seinen Ursprung in Ländern, die politisch relativ ereignisreich oder launisch sein können», so Erich Schwizer vom TCS. Mitverantwortlich für den aktuellen Anstieg ist ein Streit, der derzeit den Nahen Osten in Atem hält: Der saudische Thronfolger, Mohammed bin Salman, und Mohammed bin Zayed, der Kronprinz von Abu Dhabi und De-facto-Herrscher der Vereinigten Arabischen Emirate, liefern sich seit einiger Zeit einen erbitterten Kampf um Erdölquoten, der sich bis an die hiesigen Zapfsäulen auswirkt.



Bin Zayed war einst ein Förderer von bin Salman. Doch unterschiedliche Sichtweisen auf den Jemen-Konflikt machte die Freunde zu Gegnern. Hinzu kam die Annäherung der Arabischen Emirate an Israel, die den saudischen Friedensplan für die Region ad absurdum führte. Vor einer Woche dann die nächste Eskalationsstufe: Bin Zayeds Abu Dhabi sprach sich auf einer Versammlung des Erdöl-Kartells Opec gegen längerfristige Förderquoten aus – und stellte sich damit gegen Saudi-Arabien und bin Salman.

Noch ist in dem Streit keine Lösung in Sicht. Unmittelbar nach Abbruch der Opec-Gespräche kletterte der Preis für ein Fass Brent auf 77 US-Dollar, denn der Streit der mächtigen Erdöl-Nationen sorgt für Nervosität auf den Märkten. Und solange der Konflikt nicht gelöst ist, wird auch nicht mehr Öl gefördert – und der Preis steigt.

Kostenfaktor Pandemie

Auch der «Tarif für die Rheinschifffahrt» fliesst in den Schweizer Spritpreis ein, erklärt Erich Schwizer. Denn das importierte Benzin wird per Schiff über den Fluss in die Schweiz transportiert. Derzeit sind die Kosten dafür niedrig, denn es hat viel geregnet in den letzten Wochen, sodass die Pegelstände hoch sind und die Schifffahrt kostengünstig ist. Was hingegen eine lange Trockenheitsperiode anrichten kann, konnte man etwa im vergangenen Jahr beobachten, als Niedrigwasser die Rheinschifffahrt deutlich erschwert und damit auch verteuert hatte.

Anders als die Schifffahrt erweist sich jedoch die Pandemie als Preistreiber – beziehungsweise die Tatsache, dass die Corona-Fallzahlen derzeit sinken. «Die Nachfrage und damit auch die Preise für Erdöl und Erdölprodukte gingen im vergangenen Jahr zurück», sagt Schwizer. Denn während der Lockdowns wurde weitaus weniger gereist als in den Vorjahren. «Abnehmende Fallzahlen, mehr Impfungen und die Perspektive, dass Covid-19 überwunden werden kann, führen nun zur Erwartung, dass die Nachfrage steigt, und damit zu höheren Preisen.»

TCS-Experte Schwizer empfiehlt allen, die trotz hoher Spritkosten aufs Auto angewiesen sind, die Preise zu vergleichen und gegebenenfalls zur nächsten Tankstelle zu fahren. Wenn andernorts der Preis pro Liter drei Rappen niedriger liege, lohne sich ein Umweg von insgesamt sechs Kilometern, wenn man einen 50-Liter-Tank vollmache. Grössere Umwege hingegen seien «aus Zeit- und Umweltaspekten» nicht zu empfehlen.