60 Prozent der Tiere ausgelöscht – die Erde steht kurz vor dem Kollaps

tsch

30.10.2018 - 16:42

Umweltschützer und Wissenschaftler schlagen Alarm. Allein seit 1970 hätten die Menschen 60 Prozent der wildlebenden Wirbeltiere ausgerottet – das  bedrohe den Fortbestand der Zivilisation.

Die Zahl der weltweit lebenden Wirbeltiere – Säugetiere, Vögel, Fische, Amphibien und Reptilien – ist laut einem Bericht der Umweltschutzorganisation WWF in den vergangenen Jahrzehnten drastisch geschrumpft. Zwischen 1970 und 2014 sei die Zahl durch menschliche Aktivitäten um 60 Prozent zurückgegangen, heisst es im am Dienstag veröffentlichten «Living Planet Report», der auf 148 Seiten den Gesundheitszustand der Welt zusammenfasst. Die Diagnose: Der Kollaps ist nah.

Für die Diagnose verwendet der Report Daten der Zoological Society of London. Im «Living Plant Index» überwacht die wissenschaftliche Gesellschaft 16'704 Populationen von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Reptilien und Amphibien – insgesamt sind mehr als 4000 Arten repräsentiert.

«Die Situation ist wirklich schlecht, und sie wird immer schlechter», sagte WWF-Direktor Marco Lambertini der Nachrichtenagentur AFP. Lambertini mahnte, Naturschutz bedeute nicht nur, beliebte Tiere wie Tiger, Pandas und Wale zu schützen. Für den Menschen könne es keine Zukunft geben, wenn die Erde ihrer biologischen Vielfalt beraubt werde.

Die Erde steht vor einem Burn-out

«Wir müssen dringend überdenken, wie wir die Natur nutzen und welchen Wert wir ihr beimessen – kulturell, wirtschaftlich und auf unserer politischen Agenda», mahnte auch Thomas Vellacott, Geschäftsführer des WWF Schweiz in einer Medienmitteilung. Die Erde stehe vor einem Burnout.

Vor diesem Hintergrund löste auch Chinas Lockerung des Handels und der Nutzung von Tigerknochen und Nashorn-Hörnern scharfe Kritik aus. Der Staatsrat in Peking hatte am Vortag den Handel mit Tigerknochen und den Hörnern von Nashörnern von gezüchteten Tieren legalisiert. Nach der Mitteilung der Regierung soll demnach die Verwendung von Nashornhörnern und Tigerknochen für Forschung und Heilung in der traditionellen chinesischen Medizin gestattet werden.

Bedrohte Tierarten

«Wir schlafwandeln direkt auf eine Klippe zu», warnt WWF-Wissenschaftskoordinator Mike Barnett in der britischen Zeitung «The Guardian» und macht das Ausmass der Katastrophe mit einem drastischen Vergleich sichtbar. «Würde die menschliche Bevölkerung um 60 Prozent zurückgehen, dann wären Nord- und Südamerika, Afrika, Europa, China und Ozeanien menschenleer.»



Die Natur ist nicht «nice to have»

Hauptgrund für den dramatischen Rückgang der Wirbeltier-Populationen sei der Verlust von Lebensraum für Tiere etwa durch Landwirtschaft, Bergbau und das Wachsen der Städte, so der «Living Planet Report», den der WWF in Zusammenarbeit mit 59 Wissenschaftlern auf der ganzen Welt erstellte.

Gleichzeitig dokumentiert der Report einen weiter wachsenden Bedarf der Menschheit an natürlichen Ressourcen. «Unser Lebensstil ist wie Kettenrauchen und Komasaufen auf Kosten des Planeten», erklärte Jörg-Andreas Krüger vom WWF Deutschland zur zwölften Ausgabe des erstmals vor 20 Jahren erschienenen Reports. Noch sei aber eine Trendwende machbar.

Viele Wissenschaftler glauben laut «Guardian» derweil, dass das sechste grosses Massenaussterben der Erdgeschichte begonnen hat. Es wäre das erste, das von einer Art – dem Homo sapiens – verursacht würde. Selbst wenn die Ausrottung der Tiere jetzt enden würde, bräuchte die Erde fünf bis sieben Millionen Jahre, um sich zu erholen.

«Es geht bei dem Massaker an der Tierwelt um weit mehr, als nur Wunder der Natur zu verlieren – obwohl das schon schlimm genug ist», sagte Barnett. «Wir gefährden tatsächlich die Zukunft der Menschen.» Die Natur sei nicht «nice to have» – schön, aber verzichtbar. Im Gegenteil: «Sie ist unser Lebenserhaltungssystem.»

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