Alarmierende Studie zu Tiktok Die Hälfte der Videos über ADHS enthält Fehlinformation

sda/twfl

21.3.2025 - 00:00

Immer mehr Menschen vermuten, ADHS zu haben. Wie beeinflussen Tiktok-Videos diesen Trend? 
Immer mehr Menschen vermuten, ADHS zu haben. Wie beeinflussen Tiktok-Videos diesen Trend? 
Keystone (Archivbild)

Promis outen sich, im Netz wird verstärkt nach Selbsttests gesucht: Immer mehr Menschen vermuten, ADHS zu haben. Wie beeinflussen Tiktok-Videos diesen Trend?

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  • Laut einer Studie enthielten von den 100 meistgesehenen Videos zum Thema ADHS rund die Hälfte fehlerhafte Angaben.
  • Keines der Videos stuften die Forschenden als auf jeden Fall empfehlenswert ein.
  • Durch Internetvideos wurden Nutzer in ihrer Annahme bestärkt, selbst ADHS zu haben.
  • ADHS hängt mit einem gestörten Stoffwechsel im Gehirn zusammen.
  • Bis zu 3 Prozent der Bevölkerung haben ADHS haben.
  • Zu den Symptomen der psychischen Störung gehören Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität.

Von den knapp 100 meistgesehenen Tiktok-Videos zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) enthielt etwa die Hälfte fehlerhafte Angaben, wie ein Forschungsteam im Fachjournal «PLOS One» berichtet. Gerade Jugendliche mit selbstdiagnostizierter ADHS überschätzen demnach die Verbreitung der Störung in der Bevölkerung deutlich – und werden durch die Videos in ihrer Annahme bestärkt, ADHS zu haben.

ADHS hängt mit einem gestörten Stoffwechsel des Botenstoffs Dopamin im Gehirn zusammen. Vererbung spielt nach heutigem Forschungsstand die grösste Rolle. Kennzeichnend für die psychische Störung sind drei Hauptsymptome: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Sie können in unterschiedlicher Ausprägung und Kombination auftreten. Erste ADHS-Probleme sind bereits im Kleinkindalter zu beobachten. Gut erkennbar werden sie im Alter von fünf bis sechs Jahren.

Zwei bis drei Prozent der Bevölkerung haben ADHS

Die Medizin geht davon aus, dass konstant 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung ADHS haben. Die Zahl steigt nicht, aber offenbar die Wahrnehmung der Erkrankung, wie die vermehrte Suche nach Selbsttests im Internet zeigt. Viele Menschen informieren sich vor allem über soziale Medien wie Tiktok. Neben #autism gilt #ADHD als eines der zehn am häufigsten genutzten gesundheitsbezogenen Hashtags.

Das Team um Vasileia Karasavva von der University of British Columbia in Vancouver berücksichtigte nun 98 besonders beliebte Tiktok-Videos zu ADHS. Diese englischsprachigen Clips waren im Schnitt rund 40 Sekunden lang und hatten insgesamt fast eine halbe Milliarde Aufrufe. Die Hälfte der Videoersteller warb für den Kauf bestimmter Produkte wie Arbeitsbücher, Fidget Spinner oder Coaching-Dienste oder bat um Spenden.

Oft irreführend, selten nützlich

Zwei Psychologen gaben eine Einschätzung zur inhaltlichen Korrektheit der Beiträge. Sie stuften 52 Prozent der Videos als irreführend ein, nur 21 Prozent als nützlich – und kein einziges als auf jeden Fall empfehlenswert. 92 der 98 Videos thematisierten demnach ausschliesslich Aussagen über ADHS-Symptome wie «Mein ADHS bringt mich dazu, dies zu tun», keine Therapiemöglichkeiten. Gut die Hälfte der Angaben zu Symptomen wurde von den Psychologen als nicht ADHS-bedingt bewertet – überwiegend bildeten sie stattdessen normale menschliche Erfahrungen ab, einige Symptome waren eher typisch für andere Störungen.

Wurden Behandlungsoptionen angegeben, basierten sie zumeist auf persönlichen Erfahrungen. «Anekdoten und persönliche Erfahrungen sind sehr wirkungsvoll, aber wenn der Kontext fehlt, können sie zu Missverständnissen über ADHS und psychische Gesundheit im Allgemeinen führen», erklärte Karasavva.

ADHS-Prävalenz um etwa das Zehnfache überschätzt

In einer zweiten Versuchsreihe wurden gut 800 Studierende im Alter von 18 bis 25 Jahren die fünf am besten und am schlechtesten bewerteten Videos aus der ersten Analyse gezeigt. Dazu zählten junge Männer und Frauen – teils ohne und teils mit offizieller oder selbstgestellter ADHS-Diagnose. Im Allgemeinen wurden die besseren Videos als besser bewertet. Auffällig war, dass die ADHS-Prävalenz in der Bevölkerung mit etwa 33 Prozent extrem überschätzt wurde. Das war vor allem bei Menschen mit selbstdiagnostizierter ADHS der Fall. Sie wurden von den Videos zudem in ihrer Annahme bestärkt, selbst ADHS zu haben.

Soziale Medien seien bei Gesundheitsthemen eine zentrale Informationsquelle, sagte Kathrin Karsay von der Universität Wien, die nicht an der Studie beteiligt war. Die Algorithmen dort bevorzugten aber vor allem Posts, die besonders unterhaltsam sind oder emotionalisieren und so für viel Interaktion sorgen. Dass die Symptome nicht korrekt oder überzeichnet dargestellt werden, sei nicht überraschend, ähnliche Befunde gebe es auch bei anderen Krankheitsbildern wie Tourette-Syndrom oder Prostatakrebs.

Verniedlichende Darstellung

«Auf Tiktok werden ADHS-Betroffene oft als quirlig, liebenswert und fast schon unterhaltsam dargestellt – eine ‹süsse Störung›, die in kurzen, humorvollen Clips inszeniert wird», so Karsay. Viele Inhalte zeigten Alltagssituationen und setzten auf unterhaltsame Narrative. «Dadurch entsteht ein positives, manchmal auch verharmlosendes, romantisierendes Bild der Erkrankung.»

Positiv sei, dass junge Erwachsene die Inhalte offenbar durchaus kritisch reflektieren und von Experten als schlecht eingestufte Videos im Mittel ebenfalls schlechter bewerten, sagte die Kommunikationswissenschaftlerin Paula Stehr von der Universität Augsburg, die ebenfalls nicht an der Studie beteiligt war. Besorgniserregend sei, dass so oft falsche Symptome angegeben werden und es kaum Hinweise zum Umgang mit ADHS gibt.

Mehr Fachleute bei Tiktok wären wünschenswert

«Um den hohen Informationsbedarf von Betroffenen zu decken, müssen fundierte Inhalte leicht zugänglich sein», so Stehr. Auf Plattformen wie Tiktok seien mehr Beiträge von Fachleuten wünschenswert. «So können die Informationen dort verfügbar gemacht werden, wo sich die jungen Erwachsenen in ihrem Mediennutzungsalltag aufhalten.» Momentan seien für Informationen vor allem geprüfte Plattformen wie «gesundheitsinformation.de» zu empfehlen.