«Das System wird sehr schnell an Grenzen stossen»

Von Uz Rieger

12.12.2021

Medical staff move a patient with Covid-19 towards a Rega medical helicopter before a transfer from the intensive care unit at the the University Hospital (CHUV) to the Inselspital of Bern during the coronavirus disease (COVID-19) outbreak in Lausanne, Switzerland, Friday, November 6, 2020. The number of Covid-19 hospitalisations and capacity continues to be a major concern in Switzerland. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott) Un patient atteint de Covid-19 est en cours de transfert avec un helicoptere de la Rega, de l'unite des soins intensifs du Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, CHUV, a l'Hopital de l'Ile a Berne lors de la crise du Coronavirus (Covid-19) le vendredi 6 novembre 2020 a Lausanne. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
In einer der vorherigen Corona-Wellen wird ein Covid-Patient aus Bern ans Unispital in Lausanne verlegt: Experten befürchten mit dem Aufkommen der Omikron-Variante eine rasche Überlastung des Schweizer Gesundheitswesens. (Archiv)
Bild: Keystone

Die Schweizer Spitäler sind stark unter Druck – Omikron dürfte die Situation verschärfen. Für Epidemiologe Jürg Utzinger ist der Vormarsch der Variante auch ein Symbol für das Versagen der Weltgemeinschaft. 

Von Uz Rieger

12.12.2021

Angesichts der Verschlechterung der Corona-Situation hat der Kanton Neuenburg am Samstag die Alarmstufe Rot ausgerufen. Am Sonntag folgte die Waadt und verfügte eine «kantonale Krise». Im Interview mit dem «Blick» äusserte zudem Anne Lévy, Direktorin im Bundesamt für Gesundheit, ihre grossen Sorgen zur aktuellen Lage. Es sehe bereits nicht gut aus – und nun komme noch die neue Variante Omikron hinzu. Man rechne damit, dass Omikron spätestens Anfang 2022 das Geschehen dominieren könnte, womöglich auch schon früher, prognostizierte Lévy.

Der Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Instituts Jürg Utzinger klärt blue News zu den Hintergründen der womöglich hochansteckenden Variante auf. Er macht zudem deutlich, warum gerade Omikron zeigt, dass nationale Egoismen bei der Überwindung der Pandemie im Wege stehen.

Was bereitet Ihnen bei Omikron am meisten Sorgen, Herr Utzinger?

Die leichte Übertragbarkeit und die damit einhergehende rasante Verbreitung. Studien aus der Gauteng Provinz in Südafrika haben gezeigt, dass die als R0 bekannte Basisreproduktionszahl bei über 2 lag. Das führte zu einem exponentiellen Anstieg der Fallzahlen und Verdrängen der zuvor dominanten Variante.

Zur Person
zVg / Swiss TPH

Jürg Utzinger ist Professor für Epidemiologie an der Universität Basel und leitet seit 2015 als Direktor das Schweizerische Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH). Seine Forschungsinteressen und Lehrtätigkeiten fokussieren auf die Epidemiologie, vernachlässigte Tropenkrankheiten und die Bewertung gesundheitlicher Auswirkungen von Grossprojekten in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen.

Sollte sich Omikron gegenüber der Delta-Variante auch in Europa durchsetzen, müssten zusätzliche Massnahmen ergriffen werden. Tatsache ist, dass sich hierzulande noch die Delta-Welle im exponentiellen Wachstum befindet. Käme eine sich noch schneller entwickelnde Omikron-Welle hinzu, würde das Gesundheitssystem gesamtschweizerisch sehr schnell an seine Belastungsgrenzen stossen.

Kann man zur  Variante auch etwas Positives sagen?

Ob Omikron zu weniger starken Verläufen führt, wie man aus ersten Berichten liest, werden Daten aus verschiedenen Ländern in den kommenden Tagen und Wochen zeigen.

Die Situation in Südafrika kann aber ohnehin nicht 1:1 auf die Schweiz übertragen werden. Gerade bei uns sind Bevölkerungsgruppen mit dem grössten Risiko – also ältere Menschen und jene mit Vorerkrankungen – bereits gut durchgeimpft, teilweise sogar schon mit einer Auffrischimpfung.

Neben den grossen Fragen zur Übertragbarkeit und Schwere eines Krankheitsverlaufs wissen wir auch noch wenig über die Wirkung der Impfstoffe. Immerhin gibt es erste Indizien dafür, dass die Impfung auch bei Omikron vor schweren Verläufen schützt. Das wäre eine gute Nachricht.

Welche Massnahmen wären jetzt noch wichtig?

Zentraler Angelpunkt ist und bleibt die Impfung. Leuten, die noch nicht geimpft sind, sollten die Vorzüge der Impfung nahegebracht und Impfangebote müssen niederschwellig angeboten werden. Ausserdem muss die Booster-Kampagne weiter an Fahrt gewinnen und das Impfangebot auf Kinder ab fünf Jahren ausgedehnt werden. Die Swissmedic hat hierzu grünes Licht gegeben und die Eidgenössische Kommission für Impffragen wird voraussichtlich zeitnah nachziehen.

Sicher hat auch das Tragen der Maske einen hohen Wert. Sie sollte während der kalten Monate in Innenräumen viel konsequenter genutzt werden – und das übrigens unabhängig davon, ob man geimpft ist oder nicht. Neue Studien belegen, dass insbesondere das korrekte Tragen einer FFP2-Maske sehr gut vor einer Corona-Infektion schützt. Gerade im öffentlichen Verkehr sollte über eine FFP2-Maskenpflicht nachgedacht werden.

Ist das Entstehen von Omikron auch eine Folge mangelnder internationaler Solidarität?

Die Weltgemeinschaft hat bislang an diesem Punkt versagt! Einerseits haben wir in Sachen Impfstoff schnell unglaubliche Fortschritte erzielt, doch dann haben sich die reichen Länder ausgiebig mit den nach wie vor knappen Impfstoffen eingedeckt. Während wir in der Schweiz in der komfortablen Lage sind, dass sich alle Personen ab dem 12. Lebensjahr bereits zweimal haben impfen lassen können und seit ein paar Wochen mit der Booster-Impfung losgelegt wurde, sind in den ärmsten Ländern noch nicht einmal die Risikogruppen geimpft.

Und dabei geht es um eine globale Gesundheitskrise, die globale Lösungsansätze erfordert. Wir müssen alles daransetzen, dass wir die Impfungen in allen Ländern möglichst schnell vorantreiben. Je höher der Anteil an durchgeimpften Personen, desto kleiner das Risiko, dass neue Varianten entstehen und sich ausbreiten.

Dieses Problem muss die Weltgemeinschaft endlich und mit Nachdruck angehen. So zeigen etwa Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dass rund eine Milliarde Impfdosen von den reichen Ländern gehortet werden, statt an die ärmsten Länder verteilt zu werden, um dort in einem ersten Schritt die Risikogruppen und das Gesundheitspersonal vor einer schweren Erkrankung oder dem Tod zu schützen.

Es handelt sich dabei um eine Herkulesaufgabe, doch existiert ein Mechanismus, um dies anzugehen: die «Covax-Facility». Immerhin hat die Schweiz mehrere Millionen Impfdosen an Covax geliefert und unterstützt die Initiative auch finanziell.

War die Einschränkung des Flugverkehrs mit Südafrika richtig oder eher kontraproduktiv?

Absolut zentral ist, dass wir ein globales Frühwarnsystem und ein gutes Monitoring haben, um neu auftretende Infektionskrankheiten möglichst schnell zu entdecken und sofort in der Lage sind, darauf zu reagieren. Hier spielt Südafrika eine Vorreiterrolle: Die Kapazitäten von Fachpersonal und die nötige Infrastruktur sind vorhanden, um genau das zu leisten. Der Beweis ist, dass von hier bereits zwei Varianten umgehend an die Weltgemeinschaft gemeldet wurden. Es wäre also falsch, wenn man ein Land wie Südafrika auf irgendeine Art «bestrafen» wollte.

Dass schnell reagiert werden muss, etwa mit Einreiseverboten, wenn es zu neuen Varianten kommt, ist nachvollziehbar. Hier gilt: Jeder Tag zählt. Wenn aber eine Variante wie Omikron innerhalb von wenigen Tagen schon in über 20 Ländern nachgewiesen wurde, heisst dies, dass die Variante schon stark zirkuliert und Reiseverbote wenig nützen. Ausserdem wirkt sich die abrupte Reduktion der Flugbewegungen kontraproduktiv aus, wenn essenzielle Güter wie zum Beispiel Labormaterialien für Sequenzierungen nicht mehr von einem Land ins andere transportiert werden können, was die Überwachungssysteme gefährdet.

Wie weit ist man mit den Frühwarnsystemen?

Da braucht es noch viel Arbeit. Die Corona-Pandemie hat aufgezeigt, dass viele Länder und die Weltgemeinschaft insgesamt schlecht auf das Szenario vorbereitet waren. In den letzten zwei Jahren ist klar geworden, dass zusätzliche Gelder in den Aufbau und Unterhalt von Frühwarnsystemen investiert werden müssen.

Essenziell für ein Frühwarnsystem ist, dass die Wissenschaft eng eingebunden und dass über die Landesgrenzen hinweg zusammengearbeitet wird. Die Finanzierung dieser Systeme muss auch ausserhalb vom akuten Pandemiegeschehen gesichert sein, inklusive Datenaustausch von einem Land zum anderen.

Wann rechnen Sie damit, dass das Virus endemisch wird?

Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass wir in Europa womöglich schon nächstes oder übernächstes Jahr in eine endemische Situation kommen: Ein Grossteil der Bevölkerung ist bereits jetzt entweder geimpft oder genesen, die Seroprävalenz ist also hoch. Andererseits hat uns Sars-CoV-2 immer wieder überlistet – wann die Pandemie also zu Ende sein wird, gleicht nach wie vor einem Blick in die Kristallkugel.

Der entscheidende Punkt ist aber: Wir haben es in der Hand, die Pandemie schneller zu beenden, indem wir das Problem als globale Herausforderung annehmen und gemeinsam angehen. Der Impfstoff ist der Königsweg aus der Pandemie und muss schnell und fair verteilt werden, damit so viele Menschen wie möglich geschützt sind und wir das Entstehen und schnelle Verbreitung von immer neuen Varianten minimieren können.