Die exakte Mitternacht wird durch die Weltzeit UTC bestimmt, die auf Messungen zahlreicher Atomuhren weltweit basiert.
Atomuhren sind für unsere digitale Infrastruktur essenziell, da sie hochpräzise Zeit liefern, die unter anderem für GPS, Stromnetze, Mobilfunk und das Internet nötig ist.
Die Schweiz spielt eine Schlüsselrolle in der Atomuhren-Technologie.
Wenn an Silvester die letzten Sekunden heruntergezählt werden, richten sich Millionen Menschen nach der Uhr auf dem Handy, am Fernseher oder an der Kirchturmuhr. Alle zählen gemeinsam – fünf, vier, drei, zwei, eins. Doch wer bestimmt eigentlich, wann genau Mitternacht ist?
Die Antwort führt in eine Welt, die kaum jemand kennt – und ohne die unser moderner Alltag sofort zusammenbrechen würde.
Wer entscheidet, wann genau Mitternacht ist?
Mitternacht ist keine Gefühlssache. Sie wird auch nicht von einer einzelnen Uhr festgelegt. Die offizielle Weltzeit heisst UTC – Universal Time Coordinated. Diese Zeit entsteht aus einem weltweiten Zusammenspiel von Hunderten hochpräzisen Atomuhren, verteilt auf spezialisierte Labors rund um den Globus.
Ihre Daten fliessen beim BIPM (Bureau International des Poids et Mesures) in Paris zusammen. Dort wird aus allen Messungen eine einzige, verbindliche Zeit berechnet. «Das ist die Referenz, nach der sich die ganze Welt richtet», sagt Steve Lecomte, Mitglied der Geschäftsleitung des Schweizer Forschungszentrums CSEM und zuständig für den Bereich Instrumentation, zu blue News. Das CSEM ist in den Bereichen Mikrofertigung, Digitalisierung und erneuerbare Energien tätig, der Hauptsitz ist in Neuenburg.
Auch die Schweiz ist Teil dieses Netzwerks: Das Metas, das Eidgenössische Institut für Metrologie in Bern, liefert Zeitdaten an Paris. So ist auch die Schweizer Zeit direkt in die globale Weltzeit eingebettet.
Warum reicht ein Gefühl für Zeit heute nicht mehr?
Früher reichte ein Blick auf die Sonne. Später auf eine mechanische Uhr. Heute genügt das längst nicht mehr. Der Grund: Unsere Welt ist hochgradig vernetzt, digital und automatisiert. Milliarden Prozesse laufen gleichzeitig – und sie müssen exakt synchron sein.
Quarzuhren, wie sie in Armbanduhren stecken, sind zwar praktisch, aber nicht perfekt. «Ein Quarz ist frei schwingend», sagt Lecomte. Temperatur, Druck oder Magnetfelder können seine Frequenz verändern – und damit die Zeit verfälschen.
Selbst Kirchenuhren funktionieren heute meist mit Atomzeit, indem sie Zeitsignale via Funk von präzisen Sendern empfangen.
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Atomuhren umgehen dieses Problem. Sie nutzen Atome – häufig Cäsium – als Taktgeber. Diese Atome schwingen immer gleich. Überall. «Ein Atom ist eine universelle Referenz. Ein Wasserstoffatom verhält sich auf der Erde gleich wie am anderen Ende des Universums», so Lecomte. Das mache Atomuhren extrem stabil.
Eine Sekunde zu spät – was würde wirklich passieren?
Eine Sekunde klingt banal. In der Welt der Hochtechnologie ist sie gigantisch. Besonders deutlich wird das beim GPS.
Satellitennavigation funktioniert, indem Signale von mehreren Satelliten empfangen werden. Aus der Laufzeit dieser Signale wird die Position berechnet. Jeder Satellit sendet seine genaue Position und die aktuelle, hochpräzise GPS-Zeit, basierend auf Atomuhren. Der Empfänger misst, wie lange das Signal unterwegs war. Multipliziert mit der Lichtgeschwindigkeit ergibt das die Entfernung zum Satellit.
Doch Licht ist schnell: rund 300’000 Kilometer pro Sekunde. Lecomte rechnet vor: «In einer Nanosekunde (ein Milliardstel einer Sekunde, Anm. d. Red.) legt Licht rund 30 Zentimeter zurück.» Um unsere Position auf rund einen Meter genau messen zu können, müssen wir die Zeit entsprechend auf mindestens drei Nanosekunden genau bestimmen.
Heisst: Schon ein minimaler Zeitfehler führt zu einem Positionsfehler. Wäre die Zeit nur leicht falsch, würde dein Smartphone dich plötzlich auf die falsche Strasse lotsen – oder hunderte Meter daneben.
Und GPS ist nur ein Beispiel. Auch Mobilfunknetze, Internetknoten und Stromnetze hängen an exakter Zeit.
Was haben Strom, Internet und Mobilfunk mit Zeit zu tun?
Stromnetze arbeiten mit einer festen Frequenz – in Europa 50 Hertz. Diese Frequenz muss überall synchron sein. «Wenn zwei Wellen nicht im gleichen Takt sind, löschen sie sich gegenseitig aus», erklärt Lecomte. Die Folge: Instabilität, Ausfälle – im schlimmsten Fall Schäden oder Blackouts.
Mobilfunknetze funktionieren ähnlich. Tausende Antennen senden und empfangen Daten. Ohne gemeinsame Zeitbasis würden Datenpakete kollidieren. Videos ruckeln, Telefonate brechen ab, Netze gehen in die Knie – besonders an stark frequentierten Momenten wie Silvester.
Darum nutzen Mobilfunkstationen Zeitreferenzen von Satelliten – und sichern sich zusätzlich mit lokalen Atomuhren ab, falls das Satellitensignal ausfällt.
Auch Rechenzentren und Cloud-Systeme brauchen exakte Zeit. Daten werden gleichzeitig verarbeitet, verglichen, gespeichert. Ohne präzise Synchronisation herrscht Chaos.
Die stille Schweizer Schlüsselrolle
Obwohl der Markt für Atomuhren klein ist, sind sie strategisch extrem wichtig. Und genau hier spielt die Schweiz eine zentrale Rolle.
In Neuenburg hat sich über Jahrzehnte ein einzigartiges Ökosystem gebildet: Universitäten, Hightech-Firmen und Forschungszentren wie das CSEM arbeiten eng zusammen. Hier entstehen Atomuhren für Telekommunikation, Satelliten, Navigation, Militär und Wissenschaft.
«Einige Atomuhren auf den Galileo-Satelliten kommen aus Neuenburg», sagt Lecomte. Galileo ist Europas eigenes, ziviles globales Satellitennavigationssystem für hochgenaue Positionsbestimmung und Zeitgebung. Auch bei historischen Projekten waren Schweizer Atomuhren beteiligt – etwa bei der Synchronisation der Teleskope, die das erste Bild eines Schwarzen Lochs ermöglichten.
Die Europäische Weltraumorganisation (ESA) hat der Stadt Neuenburg im März 2024 zwei Nachbildungen von Atomuhren geschenkt, mit denen die Galileo-Satelliten ausgestattet sind. Hier posieren Bundesrat Guy Parmelin (links) und Francisco-Javier Benedicto Ruiz, Direktor für Navigation bei der ESA.
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Die politische Neutralität der Schweiz ist dabei ein Vorteil. «Zeit ist eine strategische Technologie», sagt Lecomte. Länder wollen unabhängig bleiben. «China kauft beispielsweise ungern Atomuhren aus den USA.» Schweizer Lösungen geniessen hingegen weltweit grosses Vertrauen.
Merken wir im Alltag etwas davon?
Eigentlich nicht. Und genau das ist das Erstaunliche. Solange alles funktioniert, merken wir nicht, wie präzise Zeit gemessen wird. Wir navigieren, streamen, telefonieren, bezahlen – ohne darüber nachzudenken.
Doch wenn die Zeit fehlen würde, wäre das Chaos sofort da. Kein schleichender Effekt, sondern ein abrupter Zusammenbruch digitaler Systeme. «Ohne Atomuhren wäre unsere heutige vernetzte Welt gar nicht möglich», bringt es Lecomte auf den Punkt.
Wird Zeit in Zukunft noch wichtiger?
«Ja», sagt Steve Lecomte. Künstliche Intelligenz, autonome Fahrzeuge und dezentrale Energiesysteme benötigen perfekte zeitliche Abstimmung. Der Grund: «Maschinen müssen Entscheidungen gleichzeitig treffen, Daten in Echtzeit vergleichen, Netze stabil halten», so Lecomte.
Im Zürcher Furttal werden derzeit selbstfahrende Autos getestet, die dereinst im öffentlichen Verkehr zum Einsatz kommen sollen.
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Wo schaue ich an Silvester denn nun die Zeit nach?
Um exakt im richtigen Moment anzustossen, brauchst du wohl eine Atomuhr zu Hause. Aber keine Sorge: Auch unsere Smartphones sind extrem genau. Sie synchronisieren sich über das Internet (NTP-Server) oder Mobilfunknetze (GPS-Signale) ständig mit offiziellen Atomuhren, Abweichungen liegen deshalb nur im Bereich von Sekundenbruchteilen, die man normalerweise nicht bemerkt.
Selbst ein Atomuhren-Experte denkt beim Jahreswechsel nicht an Nanosekunden: «Bisher habe ich bei der Silvesterfeier noch nie eine Atomuhr gebraucht», sagt Lecomte. Und wir Laien? Wie jedes Jahr zählen wir runter und stossen an. Aber gut zu wissen, dass im Hintergrund die präzisesten Uhren der Welt dafür sorgen, dass Mitternacht wirklich Mitternacht ist.