Die Mutante reist erfolgreich mit

#Von Uz Rieger

10.6.2021

Britische Touristen am 5. Juni 2021 auf Flughafen von Faro, Portugal, vor ihrem Rückflug in die Heimat. Zigtausende brachen ihre Ferien in Portugal ab, nachdem die britische Regierung wegen der Delta-Variante des Coronavirus eine Quarantänepflicht für Portugal erlassen hat. (Archiv)
Bild: Keystone

Nach langer Zeit der Einschränkungen freuen sich manche wieder auf Sommerferien im Ausland. Doch die haben weiterhin ihre Tücken, wie eine Schweizer Studie zeigt. «blue News» hat bei Mitautorin Emma Hodcroft nachgefragt. 

#Von Uz Rieger

10.6.2021

«Wir sind auf Kurs: Die Ansteckungen nehmen stark ab, das Impfen kommt rasch voran», hat Bundesrat Alain Berset Anfang der Woche getwittert und damit nicht zuletzt all denen Mut gemacht, die auch in den Ferien wieder zurück in die Normalität wollen und an Reisen ins Ausland denken.

Doch auch wenn sich die Schweiz, wie viele Nachbarländer auch, auf gutem Weg befindet, gibt es Warnzeichen. Grossbritannien, wo 54 Prozent der erwachsenen Briten einen vollständigen Impfschutz und bereits mehr als 77 Prozent immerhin die erste Dosis bekommen haben, steht gerade vor einer dritten Welle – zumindest befürchten das viele Experten.



Die Zahl der wegen Covid-19 Hospitalisierten stieg auf der Insel zuletzt wieder deutlich an und liegt erstmals seit Mitte Mai wieder bei über 1000, wie die BBC berichtet. Auch die 7-Tage-Inzidenz stieg wieder auf rund 49, nachdem sie wochenlang knapp über 20 gelegen hatte.

Variante 20E reiste von Spanien aus nach ganz Europa

Als ein Grund für die negative Entwicklung gilt die Delta-Variante des Coronavirus, die sich inzwischen als vorherrschende Variante auf der Insel durchgesetzt hat. Die ursprünglich aus Indien eingeschleppte Mutante gilt nicht nur als bedeutend ansteckender, auch Impfungen sind gegen sie wohl weniger wirksam.

Dass solche Virus-Varianten nicht zuletzt durch Reisende zu einem grossen Problem werden können, zeigt eine Studie von Schweizer Forschenden, die Anfang der Woche im renommierten Fachjournal «Nature» erschienen ist.

Das Schweizer Team mit Ema Hodcroft von der Universität Bern untersuchte für die Studie, wie sich die ursprünglich im Frühsommer 2020 in Spanien aufgetretene Variante 20E (EU1) über Europa ausbreitete.

Die britisch-amerikanische Epidemiologin Emma Hodcroft forscht am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern.
Bild: Oliver Hochstrasser/CC BY-SA 4.0

Dabei kamen sie zu einem doch überraschenden Befund: Der Erfolg der Mutante resultierte laut den Wissenschaftlern nämlich nicht daraus, dass sie infektiöser als der Wildtyp des neuartigen Coronavirus war. Trotzdem erreichte sie gemäss Sequenzierungen zu ihren besten Zeiten in der Schweiz einen hohen Anteil von rund 30 Prozent und war in Teilen Westeuropas zwischenzeitlich sogar dominant.

Dominant ohne Übertragungsvorteil

Der Grund für die rasche Ausbreitung der Variante lag tatsächlich vor allem im menschlichen Mobilitätsverhalten begründet, wie Ema Hodcroft «blue News» darlegte: «Wir stellten fest, dass sie sich von Spanien – wo sie sich zunächst ausbreitete – durch Reisen in die Sommerferien und Lockerungen der Massnahmen über ganz Europa verteilen konnte.» Das wiederum habe bedeutet, dass es «mehrere Einschleppungen von 20E in Länder in ganz Europa gab, wo es sich dann ausbreiten konnte», so Hodcroft.

Die Wissenschaftler schliessen daraus, dass eine Variante durch die «Wiederaufnahme des Reisens und das Fehlen einer wirksamen Untersuchung und Eindämmung» sogar dann schnell dominant werden kann, wenn sie «keinen wesentlichen Übertragungsvorteil in günstigen epidemiologischen Situationen hat», wie sie zu ihrer Studie schreiben.

Im Fall der Variante 20E, die ansonsten offenbar keine entscheidenden Vorteile gegenüber anderen Mutanten des Coronavirus hatte, wurde der Höhenflug schliesslich von alleine gestoppt – sie wurde durch andere Varianten verdrängt.



Das Virus mutiert unterdessen munter weiter. Und wie die Delta-Variante in Grossbritannien zeigt, können sich neue Mutanten unter Umständen rasant schnell durchsetzen. Noch vor gar nicht langer Zeit war die erstmals in Grossbritannien gefundene Alpha-Variante (B.1.1.7) auf den britischen Inseln vorherrschend. Hierzulande ist sie es weiterhin – noch, muss man wohl sagen.

Impfungen und mehr Tests als grosse Vorteile

Was die anstehenden Reisen in diesem Sommer angeht, sieht Expertin Hodcroft allerdings zwei entscheidende Vorteile gegenüber dem vergangenen Jahr: «Impfungen und viel mehr Tests.» Die Testungen seien nun viel mehr ein Bestandteil der Ferienreisen, meint sie. Dadurch könnten Länder positiv Getesteten leichter die Einreise verweigern. Auch sei es wahrscheinlicher, dass positiv getestete Rückkehrer disziplinierter ihre Quarantäne einhalten würden, als wenn diese per se vorgeschrieben sei.

Ebenfalls hätten die Impfungen einen deutlichen Effekt, denn sie verminderten «das Risiko, sich anzustecken und eine Infektion mit nach Hause zu bringen, erheblich», sagt Hodcroft. Ein Grund, sich in Sicherheit zu wiegen, sei das allerdings nicht. Noch seien nämlich längst nicht «alle Menschen vollständig geimpft, und weder die Impfung noch die Tests sind perfekt».

Man müsse deshalb wachsam bleiben «und die möglichen Auswirkungen von Reisen auf die Einschleppung von Sars-CoV-2-Infektionen im Auge behalten». Zudem habe man sicherzustellen, dass Test- und Rückverfolgungsprogramme existieren, um die Übertragung von Infektionen zu unterbinden für jene Fälle, die es ins Land schaffen würden.

Die Ratschläge der Expertin

Für Reisewillige hat Hodcroft mehrere Sicherheitsempfehlungen bereit. Zunächst solle man sich vor Reiseantritt rechtzeitig impfen lassen. Es mache nämlich einen gewaltigen Unterschied hinsichtlich des Infektionsrisikos. Allerdings müsse man auch dann im Kopf behalten, dass das kein hundertprozentiger Schutz sei, und solle sich entsprechend verhalten.

So sei zu überlegen, anstatt an einen klassischen und pulsierenden Ferienort zu reisen, diesmal vielleicht besser eine entlegenere Destination zu wählen und zudem mehr Zeit im Freien als drinnen zu verbringen. «Und schliesslich sollten Sie sich nicht scheuen, ihre Pläne zu ändern, wenn Ihnen etwas zu riskant erscheint», empfiehlt Hodcroft. Das gelte etwa, wenn sich viele Menschen in einer Menschenmenge aufhalten würden oder sich die Menschen nicht an die geltenden Richtlinien halten würden. In solchen Fällen gelte: «Kommen Sie zu einer weniger belebten Zeit wieder, oder wählen Sie eine komplett andere Aktivität.» Es seien solche kleinen Dinge, die einen grossen Unterschied machen würden.

Trotz aller Mahnung zur Vorsicht ist Hodcroft zuversichtlich, dass das vermehrte Testen und die steigenden Impfraten in diesem Sommer Effekte bei den Reisen zeigen würden. Selbstgefällig dürfe man trotzdem nicht werden. Künftig solle man Reisende, die positiv getestet wurden, konsequent sequenzieren, um herauszufinden, welche Varianten womöglich in die Schweiz eingeschleppt wurden. Diese Informationen seien dann mit dem Herkunftsort zu verknüpfen, um zu erkennen, ob besorgniserregende Varianten aus bestimmten Orten die Schweiz erreichen.