Pinkeln für BetonForschende sammeln Urin von Campern für Zement-Alternative
Gabriela Beck
27.1.2026
Wissenschaftler der Uni Stuttgart arbeiten an einem neuartigen Biobeton, der durch ein Biomineralisierungs-Verfahren aushärtet, das auf menschlichem Urin basiert.
Bild: Katharina Kausche/dpa/Katharina Kausche
Urin als nachhaltige Alternative für Zement? Daran forscht ein Team der Universität Stuttgart. Für die nächsten Schritte braucht man allerdings hunderte Liter Harn − aber woher nehmen?
Redaktion blue News
27.01.2026, 21:10
Gabriela Beck
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Forschende der Universität Stuttgart entwickeln einen zementfreien Biobeton, bei dem mithilfe von Bakterien und menschlichem Urin Sand zu festem Baumaterial wird.
Das Verfahren gilt als vielversprechend, benötigt aber enorme Urinmengen und eine entsprechende Infrastruktur.
Forschende der Universität Stuttgart entwickeln aus Urin einen Beton, der ohne Zement auskommt und daher deutlich klimafreundlicher sein soll. Camper auf einer Reisemesse haben dafür literweise ihren Urin gespendet.
«Wir bauen auf Urin»: mit einem Aufsteller warben die Forschenden auf der Reisemesse CMT für Urinspenden. Statt ihn zu entsorgen, konnten Camper den Harn in Sammelcontainer schütten. Aufgebaut hat die Container das Team rund um Professor Lucio Blandini, Leiter des Instituts für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK).
Bis wenige Tage vor Ende der CMT seien etwa 100 Liter zusammengekommen, sagte Blandini. Die Forschenden hatten auf mehr gehofft. Denn bei der Herstellung des Biobetons sei Urin eine entscheidende Zutat.
Mischung wird tagelang mit Urin gespült
Konventioneller Beton besteht hauptsächlich aus Sand, Wasser und Zement als Bindemittel – einem Kleber, dessen Herstellung enorme Mengen klimaschädliches CO2 freisetzt. Die Stuttgarter Forschenden haben deswegen einen Biobeton entwickelt: Ohne Zement, dafür mit Bakterien.
Dafür wird Sand mit einem bakterienhaltigen Pulver in Formen gefüllt und tagelang mit Urin gespült. Der Harnstoff im Urin wird dabei in Calciumcarbonat-Kristalle umgewandelt. Dabei härtet der Beton laut den Forschenden sogar schneller aus als herkömmlicher Zement.
Wie man die CO2-Bilanz von Beton reduzieren kann, beschäftigt die Branche. Mit einem Anteil von etwa sechs bis sieben Prozent an den weltweiten CO2-Emissionen müsse die globale Zementindustrie «ihren Beitrag zum Klimaschutz liefern», heisst es einer Studie des Vereins Deutscher Zementwerke (VDZ).
Je höher die CO2-Steuer, desto teurer wird Zement
So blicke die Betonbranche auch auf Verfahren, die Zement ersetzen könnten, erklärte Ulrich Lotz, Geschäftsführer Betonverbände Baden-Württemberg. Dabei gelte aber: «Ökologie kommt nur, wenn es ökonomisch mindestens gleichwertig, gleichpreisig und vielleicht sogar vorteilhaft ist.» Zement nennt er auch den «billigsten Kleber der Welt». Je höher aber die CO2-Steuer werde, desto teurer werde Zement.
Der «Charme» des Biobetons aus Stuttgart sei die Verfügbarkeit der Grundressourcen. «Die kosten nichts an sich», sagte er. Den Urin aber in solchen Mengen «einzufangen», dafür brauche es erst mal eine Infrastruktur.
Die Probekörper des Biobetons aus Stuttgart halten etwa einen Druck von 60 Megapascal aus. Das erlaube in der Theorie bereits erste Anwendungen wie etwa als Betonbausteine für tragende Mauerwerke, Stützen oder Pflastersteine.
Urin von Flugpassagieren und Festivalbesuchern
In Zukunft wollen die Wissenschaftler auch Bauteile wie Träger herstellen. Um grössere Betonstücke zu realisieren, brauchen sie allerdings hunderte Liter des menschlichen Abfallproduktes. Denn hochgerechnet auf einen Kubikmeter Biobeton benötigt das Verfahren etwa 26'000 Liter Urin.
Um an solche Mengen zu kommen, setzen die Forscher auf Kooperationspartner wie den Flughafen Stuttgart oder verschiedene Festivals. Dabei wollen sie auch herausfinden, wie es sich auswirkt, wenn im Urin Rückstände von Medikamenten, Drogen oder verschiedenen Hormonen sind. Denn bisher wurden die Versuche ausschliesslich mit dem Urin von Männern gemacht, die im Institut ihren Harn gespendet haben.
Die Messebesucher seien sehr interessiert an dem Projekt gewesen, sagte Professor Blandini. Auch wenn viele bei dem Satz «Wir wollen mit Urin bauen» zuerst schmunzeln mussten.
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