Kinderschändern auf der Spur

sda/phi

8.5.2020 - 09:05

Teddybären vor der Haustür der Familie Turpin in Perris, Kalifornien, die ihre 13 Kinder missbraucht haben soll.
Bild: Keystone

Ein Kanadier hat erstmals sadistische Gewaltverbrechen an Kindern wissenschaftlich untersucht. Sehr junge Opfer sind meistens Buben, die zu Hause misshandelt werden.

Sexualmord ist entsetzlich, erst recht, wenn Kinder die Opfer sind. Und sadistische Sexualverbrechen an Kindern sind die wohl abscheulichsten Verbrechen überhaupt. Der Westschweizer Julien Chopin hat sie studiert. Erstaunlicherweise hat das vor ihm keiner getan.

Bisher wurden sadistische Sexualverbrechen an Kindern in einen Topf geworfen mit solchen an Erwachsenen, ist Chopin aufgefallen. Dabei zeigen sadistische Sexualverbrechen an Kindern spezifische Muster, die sich sowohl von sadistischen Sexualverbrechen an Erwachsenen wie von nicht sadistischen Sexualverbrechen an Kindern unterscheiden.

Die Erkenntnisse, die Chopin zusammen mit seinem Doktorvater, Kriminalistik-Professor Eric Beauregard von der Universität Simon Fraser in Vancouver, im «Journal of Interpersonal Violence» präsentiert, könnten künftig der Ergreifung von Tätern dienlich sein.

«Unsere Studie liefert neue Anhaltspunkte für die Ermittlungen. Sie können dazu beitragen, den Sachverhalt zu rekonstruieren, auch wenn die Elemente am Tatort wenig aufschlussreich sind», sagt Chopin. Zudem seien sie hilfreich für die Suche nach bestimmten Profilen, für die Priorisierung von Verdächtigen sowie eine allfällige Festnahme. «Sie zeigen auch, dass in Zukunft nicht mehr einfach die Erkenntnisse aus Sexualdelikten an Erwachsenen auf solche Morde an Kindern übertragen werden», ist der Kriminologe überzeugt.

Verhältnis eins zu drei

Chopin und Beauregard benutzten als Fundus alle polizeilichen Daten über ausserfamiliäre Sexualmorde, die in Frankreich und Kanada 1948 bis 2018 begangen wurden. Von den 772 Fällen betrafen 136 Kinder und von diesen waren wiederum 35 sadistischer Natur. Das Verhältnis von 1:3 zwischen sadistischen und anderen Sexualmorden bei Kindern entspricht offenbar ziemlich genau der statistischen Wahrscheinlichkeit, die andere Forscher festgestellt haben.

«Leaving Neverland»

Charakteristische Merkmale von sadistischen Sexualverbrechen an Kindern sind beispielsweise eine lange Vorbereitungszeit, in denen der Delinquent darüber nachdenkt. Vor allem bei sehr jungen Opfern finden Entführung, Tat und Entsorgung der Leiche draussen statt. Entführt werden die Opfer oft mit einer List, etwa mit der Behauptung, der Täter sei von den Eltern beauftragt. Auffallend häufig sind die Opfer mit dem Velo oder per Autostopp unterwegs.

Die Übergriffe an ihnen sind regelmässig zeitlich ausgedehnt und vielgestaltig – mit bis zu sechs verschiedenen, mehrfach sehr abartigen Formen von sexuellen Handlungen. Häufig werden Gegenstände zur Penetrierung benutzt, das Opfer wird meist nackt zurückgelassen, selten vom Tatort weggebracht und das Mitnehmen von Souvenirs ist verbreitet.

Sehr junge Opfer sind fast immer Buben

Umgebracht werden die Opfer meistens durch Ersticken, Strangulieren oder Ertränken. Gewalt und Erniedrigung ist im Gegensatz zu sadistischen Sexualmorden an Erwachsenen eher nebensächlich. Es geht um Macht und Erzeugen von Angst, und das ist wegen der gegebenen Dominanz des Täters – allein durch den Alters- und Stärkeunterschied – einfacher als bei erwachsenen, eher ebenbürtigen Opfern.

Chopin und Beauregard haben mehrere Typologien aufgestellt, um sadistische Sexualverbrechen an unter 16-Jährigen zu diversifizieren, beispielsweise nach Verbrechenstyp und Opferalter – zufällig oder geplant, Alter von ganz klein über präburtertär bis zum Teenager.

Daraus ergeben sich zum Teil sehr unterschiedliche Bilder. Sehr junge Opfer sind fast immer Buben, ihre Peiniger noch relativ jung, Entführungs-, Tat- und Ablegeort meist draussen. Mit zunehmenden Alter des Verbrechers sind die Opfer häufiger in der Pubertät, weiblich und der Tatort kann auch im Haus sein.

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