Knoblauch als Geheimwaffe? Wie Gerüchte die Krise verschlimmern

dpa/tafi

18.2.2020 - 11:49

Es sei eine Biowaffe und lasse sich mit viel Alkohol bekämpfen: Über das Coronavirus Sars-CoV-2 kursieren absurde Gerüchte und Verschwörungstheorien. Diese «Infodemie» ist gefährlich, warnt die WHO.

Die Gerüchteküche über das Coronavirus Sars-CoV-2 brodelt: Abstruse Geschichten über mysteriöse Viruswolken kursieren und auch die Verschwörungstheorie, das Virus sei im Labor entstanden. Die Weltgesundheitsorganisation müht sich, gegenzusteuern.

Als wäre der weltweite Einsatz gegen die Ausbreitung des neuen Coronavirus nicht schon genug, kämpft die Weltgesundheitsorganisation (WHO) an einer zweiten Front: die massenhafte Verbreitung abstruser Gerüchte. Verschwörungstheorien über die Herkunft und Verbreitungsweise von Sars-CoV-2 und das Anpreisen zweifelhafter Schutz- und Heilmittel sind nicht nur ärgerlich, sondern auch gefährlich.



«Falsche Informationen bei Epidemien mit ansteckenden Krankheiten können die Ausbrüche schlimmer machen», schreibt Experte Paul Hunter von der ostenglischen University of East Anglia. Das Fazit seiner Studien: «Es kann Leben retten, die Verbreitung von falschen Informationen und schädlichen Ratschlägen auf sozialen Medien zu unterbinden.»

Dass der Verzehr von Knoblauchbrühe vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus schützt, kann die WHO nicht bestätigen.
Xiao Yijiu/XinHua/dpa

Absurde Theorien

Das Coronavirus, das die neue Lungenkrankheit Covid-19 auslösen kann, sei eine Biowaffe und komme in absichtlich verbreiteten Infektionswolken auf die Menschen nieder, lautet eines der abstrusen Gerüchte in sozialen Medien. Oder: Die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung habe es geschaffen, wohl um irgendwie von der Produktion von Impfstoff zu profitieren. In Indien schwadronierten sogar Wissenschaftler über Bestandteile des Virus, die angeblich Ähnlichkeiten mit dem Aids-Erreger HIV aufwiesen und deswegen von Menschenhand hinzugefügt sein müssten. Die Studie wurde inzwischen zurückgezogen.



«Uns macht die hohe Zahl von Gerüchten und Falschinformationen Sorge, die unseren Einsatz behindern», sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus am Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz. «Wir kämpfen nicht nur gegen eine Epidemie, sondern auch gegen eine Infodemie. Fake News verbreiten sich schneller und einfacher als dieses Virus, und sie sind genauso gefährlich.»

Die WHO kämpft  mit einer Infokampagne gegen die Verbreitung von Falschinformationen über das Coronavirus.
WHO

Dass diese Gerüchte überhaupt entstehen, wundert Christian Griot nicht. Der Berner Virologe hat das bereits früher beobachtet, sagte er gegenüber SRF. «Bereits 2002, 2003 beim SARS-Ausbruch, bei der Vogelgrippe, bei der Schweinegrippe. Es passiert immer das Gleiche. Wenn nicht alle Details bekannt sind, wenn Puzzleteile fehlen, kommen die wildesten Theorien auf.»

Der Grund dafür sei Unwissenheit, erklärt der Psychologe Dieter Sträuli von der Universität Zürich. «Wir sind keine Spezialistinnen und Spezialisten. Aber es verängstigt uns alle, zumindest mild. Wir fragen uns, wann ist es bei mir?» Weil sie die komplexen Zusammenhänge nicht verstehen, sehen sich Menschen nach einfachen Erklärungen, die sie sich notfalls selber ausdenken.

«Fake News» sind lebensgefährlich

Der englische Mediziner Hunter warnt davor, dass falsche Informationen dazu führten, dass Menschen sich weniger schützen und grössere Risiken eingehen. So seien falsche Angaben der Anti-Impflobby für den weltweiten Anstieg der Maserninfektionen mitverantwortlich. Andere Studien zeigten die Folgen von Gerüchten während des Ebola-Ausbruchs in Westafrika 2014: Da wurden online Ängste geschürt, die Menschen dazu brachten, auf derselben Webseite gleich Schutzanzüge zu bestellen – nur taugten die als Schutz vor Ansteckung gar nicht.

Seinen Körper mit Alkohol oder Chlor einzusprühen, hält die WHO generell für keine gute Idee. Und das Coronavirus wird dadurch auch nicht gestoppt.
WHO

Bei der WHO kümmert sich ein Team darum, falschen Informationen in sozialen Medien sofort etwas entgegenzusetzen. Die UN-Behörde ist bei Twitter und anderswo mit Schaubildern aktiv. Zum Beispiel zu Rezepten, denen zufolge acht Knoblauchzehen auf sieben Tassen Wasser eine Infektion heilen können.

Knoblauch sei zwar gesund, aber es gebe keine Hinweise, dass er vor einer Coronavirus-Infektion schütze, kontert die WHO. «Tötet man das Virus, wenn man sich am ganzen Körper mit Alkohol oder Chlor besprenkelt?» Nein, räumt die WHO in einem Infoblatt mit derlei Märchen auf. Damit könnten Tische und ähnliches desinfiziert werden, aber ein Eindringen des Virus in den Körper verhindere das nicht.

Zum Umgang mit Stress in dieser Zeit schreibt die WHO: «Sie können Aufregung und Sorgen verringern, wenn Sie und Ihre Familie weniger Zeit mit Medienberichten verbringen, die sie beunruhigen.» Dazu rät auch Sträuli: «Mit Verschwörungstheoretikern zu diskutieren, ist sehr ermüdend.» Verschwörungstheorien mit Wissen auszurotten sei sehr schwierig.

Informieren, aber ohne Hysterie

Die WHO geht trotzdem direkt auf Social-Media-Unternehmen zu, um die Verbreitung der Fake News einzudämmen. Aus gutem Grund: «Verschwörungstheorien gehen manchmal ‹viral›, erreichen also die Ausdehnung und Geschwindigkeit eines Virus. Sie ‹stecken uns an› und mutieren auch gelegentlich wie Viren», so Sträuli.

WHO-Chef Tedros will deswegen unter anderem Facebook, Google, Pinterest, Twitter und YouTube in die Pflicht nehmen, oder hat es schon. Wer «Coronavirus» googelt, bekommt als Top-Ergebnisse Informationen der WHO. Wer bei Pinterest nach «Coronavirus» sucht, bekommt als Erstes die Schaubilder der WHO, die mit Mythen und Märchen aufräumen.



Facebook (FB) ist auch im Boot. Faktenchecker seien aktiv auf der Suche nach Gerüchten über das Coronavirus, schrieb der FB-Verantwortliche für Gesundheit, Kang-Xing Jin, in einem Blogpost. «Wenn sie eine Information als falsch einstufen, begrenzen wir die Verbreitung auf Facebook und Instagram», schrieb er.

Die WHO will zudem Amazon dazu bewegen, Käufern bei der Suche etwa nach Gesichtsmasken gleich akkurate Information über das Virus mitzuliefern. Auch Webseiten etwa des Zimmervermittlers Airbnb könnten Reisehinweise mitliefern, findet die WHO. «Wir rufen alle Regierungen, Unternehmen und Medienorganisationen auf, die Menschen in angemessenem Umfang zu alarmieren, aber ohne die Flammen der Hysterie anzufachen», sagte Tedros in München.

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