Nie wieder Hunger? Leider nein – der Faktor Mensch

Von Philipp Dahm

14.12.2020

epa08150714 An aerial view shows center pivot irrigation system used for agriculture, in Wadi Al-Dawasir area, Saudi Arabia, 11 January 2020 (issued 22 January 2020). EPA/ANDRE PAIN
Landwirtschaft in Saudi-Arabien im Januar 2020: Weil die Bewässerung den Grundwasserspiegel senkt, pachtet Riad Farmland in Afrika.
Bild: Keystone

Eigentlich kann unser Planet seine Bewohner problemlos versorgen, doch der Mensch steuert mit Pestiziden und Monokulturen giftig dagegen. Besonders fragwürdig ist die Spekulation mit Nahrung – und neu auch mit Wasser.

Mark Twain

«Globale Herausforderungen»

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ist mit dem diesjährigen Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Doch warum eigentlich? 2019 waren fast 690 Millionen Menschen unterernährt – und diese Zahl könnte in zehn Jahren sogar auf 840 Millionen steigen. Ihr Ziel, den Hunger bis 2030 auszurotten, werden die UN wohl verfehlen. Welche Faktoren ausschlaggebend sind, beleuchtet unsere vierteilige Serie. Im ersten Teil ging es um den Faktor Bevölkerung, im zweiten um das Klima. Nach dem Faktor Mensch folgt ein Fazit.

Demografie und Klima sind komplizierte Themen, deren Geschichte, Auswirkungen und Zusammenhänge erst heute einigermassen verstanden werden. Was Abgase alles anrichten, hätten sich die Pioniere der Industrialisierung wohl nicht träumen lassen.

Während man bei den langfristigen Phänomenen noch mildernde Umstände anbringen könnte, gibt es für andere aktuelle Tendenzen kaum eine Entschuldigung: Wenn Raubbau, Gewinnmaximierung und Spekulation die Grundlagen der Ernährung bedrohen.

Menschgemachte Monokulturen

Pfuscht der Mensch nicht mit der Atmosphäre herum, vergiftet er die Umwelt anderweitig: Dass Pestizide wahrscheinlich auch der Grund für das massenhafte Sterben unserer Bienen sind, die eigentlich die Bestäubung besorgen sollen, ist ein Bärendienst der Insektenvertilger an den Pflanzen, die es doch eigentlich zu beschützen gilt.

Dabei sorgt die Weltbevölkerung ohnehin nicht für Vielfalt in der Fauna: 72 Prozent der Kalorien, die wir beziehen, kommen von nur vier Pflanzen. Und von den Pflanzen, die wir anbauen, werden längst nicht alle als Lebensmittel genutzt: Mais etwa ist eine Flex Crop, weil er sich auch als Futtermittel oder für die Produktion von Agro-Sprit nutzen lässt. 

FILE - In this Wednesday, Sept. 23, 2015 file, photo, central Illinois farmers deposit harvested corn on the ground outside a full grain elevator in Virginia, Ill. Corn has been dethroned as the king of crops as farmers report they intend to plant more soybeans than corn for the first time in 35 years. The U.S. Department of Agriculture says in its annual prospective planting report released Thursday, March 29, 2018, that farmers intend to plant 89 million acres in soybeans and 88 million acres in corn. (AP Photo/Seth Perlman, File)
Monokultur: Getreideanbau in Illinois.
Archivbild: Keystone

Auch Zuckerrohr, Soja oder Palmöl kann so verwendet werden, was in der Regel in grossen Monokulturen mündet. 70 Prozent der weltweiten Anbauflächen werden von einem Prozent der Bauern bestellt. Wie notwendig Flex Crops für die Ernährung sind, «spielt nicht die grösste Rolle», lässt Marita Wiggerthale von der Hilfsorganisation Oxfam Deutschland durchblicken.

Von Flex – und Cash Crops

Wenn die Anbauflächen nicht von Flex Crops oder Cash Crops wie Kakao oder Kaffee besetzt werden, weichen sie womöglich anderen Industrien: In Lateinamerika gingen die meisten Flächen für den Bergbau flöten, in Osteuropa für Holzwirtschaft, in Asien für Staudämme und in Afrika für Holzwirtschaft, Bergbau und Agro-Sprit, so Wiggerthale.

Sie verweist weiterhin auf die Land-Matrix, die die Hauptinvestoren in Bereichen wie Landwirtschaft oder Bergbau und deren Zielländer ausweist. Die Schweiz belegt unter den weltweiten Top-Aufkäufern Rang acht. Was ist daran problematisch, wenn Länder in die Landwirtschaft anderer Staaten investieren? 

Schweizer Agrar-Investitionen weltweit.
Karte: Land-Matrix

Wiggerthale sieht das Hauptproblem in der Kommodifizierung. «Praktisch heisst das, dass Lebensmittel zur Ware werden. Sie werden als Agrar-Rohstoffe gesehen und nicht mehr als das, was sie ursprünglich sind: hergestellt für die menschliche Ernährung. Sie werden vielfach grossflächig in Monokulturen mit massivem Einsatz von gefährlichen Pestiziden hergestellt, die der Gesundheit und der Umwelt schaden.»

Land- und Food-Spekulation

Das hat Folgen, weiss Wiggerthale: «Oft werden dabei die bestehenden Landrechte ignoriert und Menschen von ihren traditionellen Ländereien, die sie gewohnheitsmässig genutzt haben, vertrieben. Denjenigen, die wirklich Lebensmittel anbauen wollen, steht immer weniger Fläche zur Verfügung.» Nicht zuletzt habe die Finanzkrise 2008 für eine «Flucht in die sicheren Assets» gesorgt: «Landspekulation wurde lukrativ.»

Doch auch mit Lebensmitteln wird heutzutage spekuliert: «An den europäischen Börsen ist Weizen das am meisten gehandelte Produkt. Man kann im europäischen Future-Handel denselben Trend beobachten wie an der Börse in Chicago. Der Handel mit Futures übersteigt immer stärker die Produktion», so Wiggerthale.

Eigentlich dient der Future-Handel in erster Linie dazu, die Käufer und Verkäufer von Getreide vor schwankenden Preisen abzusichern und ihnen Planungssicherheit zu geben. Nur werde inzwischen mit bis zu 3,7 Mal mehr Weizen an der Börse in Europa gehandelt, als geerntet wird, sagt Wiggerthale. «Die Finanzmarkt-Logik führt dazu, dass es immer weniger um Risikoabsicherung, sondern um reine Finanzspekulation geht. Die Regulierung erfolgt nicht so, dass diese Bereiche entsprechend geschützt werden.»

Der Future-Handel erklärt (auf Englisch).

Seit dem 7. Dezember werden in den USA neu übrigens auch Futures von Wasser gehandelt: Spekulanten können dort jetzt auch auf Dürren wetten, berichtet «Bloomberg».

Wasser, das Öl der Zukunft

Wenn es um die Nahrungsmittelsicherheit geht, können Dämme zu einem lebenswichtigen Faktor werden. China hat seine nationalen Flüsse zum Beispiel mit 87'000 Dämmen gebändigt, die 352 Gigawatt Strom produzieren. Nun aber schickt sich die Volksrepublik an, auch die Ströme einzudämmen, die vom tibetischen Plateau kommen.

Das tibetische Plateau ist für China ein strategisches Pfand: Zwölf transnationale Flüsse entspringen hier.
Karte: YouTube/Caspian Report

Im Wasserturm Asiens entspringen zwölf transnationale Flüsse, von denen drei Milliarden Menschen abhängig sind. Unter den Flüssen sind auch der Ganges und Brahmaputra, die Lebensadern Indiens. Die Wassermenge wird mit dem Abschmelzen der Gletscher in Zukunft jedoch abnehmen: Wenn Peking Dämme baut, kann es das schwindende Nass kontrollieren und auch für politischen Druck nutzen.

Ströme der Macht: Die Türkei könnte dem Irak mühelos den Wasserhahn zudrehen.
Karte: YouTube/Caspian Report

Ein ähnliches Bild in der Türkei: 600 Dämme an Euphrat und Tigris erzeugen bereits Strom – und dieselbe Menge soll nochmals hinzukommen. Doch der Euphrat bezieht 90 Prozent seines Wassers vom anatolischen Plateau. Beim Tigris sind es 45 Prozent. Theoretisch macht das Iraks Nahrungsmittel-Produktion hochgradig abhängig von Ankara, das den Wasserfluss auch als Waffe gegen die Kurden benutzt.

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