Riskante Strategie So täuschen Startups technische Fortschritte vor

Stefan Michel

23.11.2025

Attrappe für Investoren: Der Wasserstoffantrieb war nur Show – der CEO ging dafür ins Gefängnis.
Attrappe für Investoren: Der Wasserstoffantrieb war nur Show – der CEO ging dafür ins Gefängnis.
The Mediabot / Screenshot Youtube

Flunkern ist Teil des Geschäfts. Startups müssen Investor*innen überzeugen, dass ihr Produkt bereits funktioniert oder kurz davor steht. Das geht manchmal gut, kann die Verantwortlichen aber auch ins Gefängnis bringen.

Stefan Michel

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Um Investoren-Gelder anzuziehen, stellen manche Startups ihre Technologien als weiter fortgeschritten dar, als sie tatsächlich sind.
  • So gaukeln manche einen funktionierenden Prototypen vor, obwohl dieser eine von Menschen gesteuerte Attrappe ist.
  • Bei manchen geht das gut, etwas bei fireflies.ai, Dropbox und Zappos und sie entwickeln die Technologie dank der erhaltenen Investorengelder tatsächlich. Andere bleiben aber in der Attrappen-Phase stecken, ohne dies zuzugeben und machen sich des Betrugs schuldig – so Elizabeth Holmes mit Theranos oder der Lastwagen-Hersteller Nikola.

Ein Bekannter erzählte mir einmal, wie er einen IT-Job antrat, für den er überhaupt nicht qualifiziert war. Seine erste Aufgabe war, ein Programm zum Laufen zu bringen, das nicht richtig funktionierte. Das Einzige, was er wusste, war, dass in vielen Programmiersprachen am Ende jeder Anweisung ein Strichpunkt stehen muss. Also suchte er nach einem fehlenden Semikolon und fand es tatsächlich. Danach lief das Programm.

In den folgenden Wochen und Monaten eignete der Bekannte sich die Kenntnisse im Selbststudium und on the Job an, die er bereits zu haben vorgab. Dabei entwickelte er sich zu einem fähigen Software-Entwickler, der fünfzehn Jahre in immer spezialisierteren Aufgaben für dieses Unternehmen arbeitete.

«Fake it til you make it», nennt sich dieses Prinzip, also: «Täusch es vor, bis du es kannst.» Besonders beliebt scheint es bei Erfinder*innen und Startups zu sein. Investoren lassen sich leichter überzeugen, wenn das Produkt bereits funktioniert. Das funktionierte in der Vergangenheit immer wieder gut. Manchmal aber auch nicht. Die Grenze zwischen realistischem Versprechen und Betrug ist dünn.

Das jüngste Beispiel: Fireflies.ai

Fireflies.ai ist ein KI-Bot, der Sitzungsprotokolle erstellt. In Zeiten von Gemini und ChatGPT wirkt das Produkt nicht mehr revolutionär. 2017, als die beiden Gründer ihre Online-Dienstleistung lancierten, war es das durchaus. Und wie sie vor kurzem bekannt gegeben haben, hatten auch sie damals noch keine funktionierende KI-Anwendung. Stattdessen wählten sie sich selber in die Meetings ein und protokollierten, was sie hörten. 

Auf diese Art gewannen sie genügend Kunden und Interesse von Investoren, um ihre KI zu entwickeln. Heute ist Fireflies.ai eine Milliarde Dollar wert. Vor ein paar Tagen hat einer der Gründer, Sam Udotong, in einem LinkedIn Post die Herkunft des Produkts offengelegt hatte. Die Meinungen in den Kommentarspalten reichen von «absolut grossartig» bis «offensichtlicher Betrug» und «Spionage», da statt eines Bots eine Person bei möglicherweise vertraulichen Meetings mithörte. 

Streng genommen haben die Fireflies-Gründer zwar nicht ihre Kunden betrogen, da sie ihnen die Dienstleistung lieferten, für die diese bezahlten. Jedoch logen sie, wenn sie behaupteten, das sei bereits ihre KI, die die Arbeit erledigte. Unklar ist, ob sie Investoren auch erzählten, dass ihr Protokoll-Bot bereits funktionierte oder sie nur einen Prototypen hatten, der zu 100 Prozent von Menschen gesteuert war.

Das historische Vorbild: der Schachtürke

In der Frühphase der Industriellen Revolution waren Maschinen, die menschliche Tätigkeiten ausführten en vogue – vor allem als Vorführobjekte, um das Publikum staunen zu lassen.

Der «Schachtürke» war eine Schachmaschine, gebaut vom ungarischen Beamten Wolfgang von Kempelen. Ihre Premiere hatte sie vor den Augen von Königin Maria Theresia von Österreich-Ungarn. Eine orientalisch gewandete Holzfigur schob die Figuren über das Brett. Die Maschine beeindruckte nicht nur, weil sie offenbar die Regeln beherrschte, sondern sogar noch ziemlich gut spielte. 1770 ging der Schachtürke in Betrieb und faszinierte die Menschen während mehr als 30 Jahren. Tatsächlich sass ein versierter Schachspieler im Innern und bewegte die Holzfigur so, dass sie die Figuren auf das richtige Feld schob.

Um das Publikum zu überzeugen, präsentierten die Vorführer den vermeintlichen Mechanismus des Schachtürken (digitale Reproduktion einer Originalvorlage aus dem 19. Jahrhundert).
Um das Publikum zu überzeugen, präsentierten die Vorführer den vermeintlichen Mechanismus des Schachtürken (digitale Reproduktion einer Originalvorlage aus dem 19. Jahrhundert).
imago images/H. Tschanz-Hofmann

Nun hatte von Kempelen nie vor, tatsächlich eine autonom schachspielende Maschine zu bauen. In seinem Fall war es tatsächlich Betrug. Während Jahrzehnten tourte er und nach seinem Tod sein Nachfolger mit dem Schachtürken durch Europa und sogar die USA. Erst mehr als 60 Jahre nach der Premiere wurde die tatsächliche Funktionsweise öffentlich bekannt.

Im englischen Sprachraum ist die Schachmaschine als «Mechanical Turk» bekannt. Unter dem gleichen Namen hat Amazon 2005 eine Plattform lanciert, auf der Menschen für ein kleines Entgelt online einfache, repetitive Aufgaben ausführen können, wie Datenerfassung, Transskription, aber auch Foto- und Videobearbeitung.

Der Tesla Fake: Optimus

Elon Musks Unternehmen Tesla baut nicht nur mehr oder weniger selbstfahrende Autos, sondern auch humanoide Roboter. Eine ganze Garde solcher menschenähnlicher Gestalten servierten im Oktober 2024 an einem Event für Investoren Getränke, tanzten und spielten Schere-Stein-Papier mit den Gästen. Schon dort kamen Zweifel auf, weil die Roboter beispielsweise mit sehr unterschiedlichen Stimmen sprachen. 

Wenig später räumte auch Tesla ein, dass die Optimus-Humanoiden an jenem Abend noch von Menschen gesteuert gewesen seien. Inzwischen haben die Tesla-Roboter deutlich dazu gelernt. Sie beherrschen diverse Kung-Fu-Moves, Haushaltsarbeiten – unter anderem kochen – und in Fabriken übliche Tätigkeiten bis zur Qualitätskontrolle.

Dass Teslas Party-Roboter 2024 noch auf menschliche Hilfe angewiesen waren, hat nur kurz für Spott gesorgt. Die Entwicklung schreitet voran, ein Lancierungsdatum für den Optimus gibt es nicht. Tesla kündigt an, die Roboter zuerst im eigenen Unternehmen einsetzen zu wollen.

Fake it, bis die Polizei kommt: Theranos

Zu einem echten Problem wird «Fake it til you make it», wenn es trotz aller Bemühungen nicht gelingt, aus der Fake-Phase herauszukommen. So geschehen bei Theranos, einem Unternehmen, das ein revolutionäres Gerät für Blutanalysen herausgebracht hatte. Dieses sollte mit einer viel kleineren Menge Blut als alle bekannten Geräte 240 verschiedene Analysen ausführen. Zur Erfolgsgeschichte des auf dem Höhepunkt mit 10 Milliarden Dollar bewerteten Unternehmens gehörte, dass es 2003 von der damals 19-jährigen Elizabeth Holmes gegründet worden war. Als CEO galt sie als erste Self-made Milliardärin der Welt, das Times Magazin zählte sie 2015 zu den 100 einflussreichsten Personen der Erde.

Dummerweise beherrschte «Edison», das Blutanalysegerät von Theranos, nie auch nur ansatzweise, was das Unternehmen versprach. Dabei stand es aber bereits im Einsatz. Tatsächlich griff das Unternehmen auf Laborgeräte anderer Hersteller zurück. 

Weil Holmes die Täuschung so lange aufrechterhielt – unter anderem lud sie 2015 den damaligen Vize-Präsidenten Joe Biden in ein ebenfalls fingiertes Labor ein – wurde sie des Betrugs angeklagt und 2022 zu einer Gefängnisstrafe von 11 Jahren verurteilt, die sie 2023 angetreten hat. Das Unterehmen Theranos ist 2018 aufgelöst worden. 

Vom Fake zum Milliarden-Business: Zappos

Die Täuschung in ein reales Multi-Milliarden-Business verwandelt hat Nick Swinmurn mit dem Online-Shuhladen Zappos. Was er 1999 als Geschäftsidee entdeckt hatte, galt damals als hochriskant: Würden tatsächlich genug viele Leute Schuhe online bestellen, also ohne sie im Laden anzuprobieren?

Weil er am Anfang nicht das Kapital hatte, ein riesiges Schuhlager anzulegen, gaukelte er den Kunden zwar vor, dass sie bei ihm bestellten. Tatsächlich machte er oder einer seiner Mitarbeitenden sich auf die Suche nach einem Shop, der das gewünschte Paar, in der gewünschten Grösse und Farbe in der Auslage hatte. In den Anfangsjahren schoss Swinmurn sogar einen Teil seiner Produktfotos direkt in Schuhläden in seiner Umgebung. Das Prinzip wenden heute die Dropshipper an, allerdings, indem sie in anderen Online Shops für ihre Kundschaft bestellen.

Den Durchbruch hatte Zappos mit dem Angebot, Schuhe ohne Gebühr zurückzunehmen, wenn sie nicht passten; und weder für die Lieferung, noch für die Rücksendung Porto zu verlangen. So wuchs die Nachfrage und das Interesse von Investoren. Denn Zappos hatte bewiesen, dass viele Menschen tatsächlich bereit waren, Schuhe online zu kaufen. 2002 ging Zappos eine Partnerschaft mit UPS ein und baute ein eigenes Lager in der Nähe des globalen Luftfracht-Hubs des Logistikkonzerns. 2009, mitten in der Finanzkrise, kaufte Amazon Zappos für 1,2 Milliarden Dollar.

Der falsche Wasserstoff-LKW: Nikola Motor Company

Weniger gut ging das Vorspielen erzielter technischer Fortschritte für den Fahrzeughersteller Nikola Motor Company aus. Ein 2018 veröffentlichtes Video zeigte angeblich einen von einer Brennstoffzelle angetriebenen Lastwagen in voller Fahrt. Tatsächlich hatte dieser keinen funktionierenden Antrieb und rollte stattdessen eine abfallende Strasse hinunter, was im Werbeclip nicht erkennbar war.

Dieser und weitere Vorwürfe kamen von einem Shortseller, der auf sinkende Aktienkurse von Nikola gewettet hatte. Er veröffentlichte ein ganzes Dossier voller Anschuldigungen, wie Nikola Investoren mit leeren Versprechen täuschte. Drei Monate zuvor war der Fahrzeughersteller an die Börse gegangen und zwei Tage vor Bekanntwerden der Bertrugsvorwürfe war General Motors bei Nikola eingestiegen.

In der Folge nahm der CEO seinen Hut, wurde 2022 wegen Betrugs zu einer vierjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Im März 2025 begnadigte Präsident Trump den gefallenen Manager. Das Unternehmen ging im Sommer 2025 in Konkurs. 

Video statt Funktion: Dropbox

Schwerer zu durchschauen als Lastwagenmotoren sind Software-Lösungen, speziell, wenn sie einzig in einem Online-Video vorgeführt werden. Drew Houston demonstrierte 2007 in einem Video, was sein Produkt namens Dropbox konnte, nämlich Files zwischen verschiedenen Computern und auf einem Online-Verzeichnis zu synchronisieren und zugänglich zu machen. Cloud-Speicher war damals noch neu und Houston wusste nicht, wie gefragt seine Dropbox tatsächlich sein würde, wenn er sie zur Marktreife entwickelt haben würde.

Das Video ging viral, angeblich hatte er innert Tagesfrist Zehntausende Anfragen von User*innen, die seine Dropbox wollten. So erkannte er, dass die Nachfrage tatsächlich da war und fand nebenbei auch noch seinen Geschäftspartner. Zwar gaukelte auch Houston ein funktionierendes Produkt vor, realisierte dieses in der Folge aber tatsächlich.

In der Startup-Welt nennt sich das auch Minimum Viable Product, also das minimal – oder kostengünstigste – funktionierende Produkt, das im Sinne eines Prototypen zeigt, welchen Nutzen das Produkt dereinst bringen wird. Die Frage ist dann, wie viel vom Versprechen die Menschen hinter der neuen Technologie bereits halten und wie viel davon sie erst in ein paar Jahren liefern – wenn die Entwicklung erfolgreich ist. 

Bei Dropbox war sie das. Das Unternehmen gibt an, 700 Nutzer*innen zu haben. 2024 erwirtschaftete dieses einen Umsatz von 2,5 Milliarden Dollar.

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