Weitreichende Folgen

Europa ist so trocken wie nie zuvor

dpa

16.3.2021 - 00:00

ARCHIV - 28.04.2020, Baden-Württemberg, Filderstadt: Dunkle Wolken ziehen über ein Feld mit jungen Pflanzen. Der Boden war im April 2020 aufgrund von Trockenheit noch mit Rissen durchzogen. (zu dpa «Wochenlanger Regen - und doch kein Segen?») Foto: Sebastian Gollnow/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (KEYSTONE/DPA/Sebastian Gollnow)
Eine neue Studie zeigt: Seit ein paar Jahren wird es in Europa rasant trockener. 
Bild: Keystone

Ernteausfälle, vertrocknete Wälder und trockenfallende Flüsse sind nur drei der vielen Folgen von Hitzewellen, mit denen Europa in den vergangenen Jahren wiederholt zu kämpfen hatte. Zuletzt sind die Dürreperioden immer heftiger geworden.

dpa

16.3.2021 - 00:00

Viele Hitzetote und enormes Waldsterben: Die Sommerdürren, die Europa seit 2015 erlebt hat, waren weitaus gravierender als in den rund 2100 Jahren davor. Das ergab eine internationale Studie, die im Fachblatt «Nature Geoscience» veröffentlicht wurde.

So erlebte Europa etwa in den Jahren 2003, 2015 und 2018 extreme sommerliche Hitzewellen und Dürren. Die Folgen davon hatten nicht nur Land- und Forstwirtschaft betroffen, sondern auch die Zahl der Hitzetoten nach oben schnellen lassen, schreiben die Autor*innen. 

Tatsächlich hatte eine weitere Studie, deren Ergebnisse im Fachjournal «The Lancet» veröffentlicht wurden, ermittelt, dass allein in Deutschland 2018 rund 20'200 Todesfälle bei über 65-Jährigen im Zusammenhang mit Hitze standen.

«Wir sind uns alle der Häufung von aussergewöhnlich heissen und trockenen Sommern bewusst, die wir in den letzten Jahren hatten», fasst Ulf Büntgen von der Universität Cambridge und Erstautor der aktuellen Studie zusammen. «Aber wir brauchten präzise Rekonstruktionen der historischen Bedingungen, um zu sehen, wie diese jüngsten Extreme im Vergleich zu früheren Jahren ausfallen.»

Trockenheit wird mittels Baumrinde analysiert

Für diese Einordnung nahmen Büntgen und seine Kolleg*innen mehr als 27'000 Messungen an Baumringen von 147 Eichen vor, die einen Zeitraum von 2100 Jahren (75 v. Chr. – 2018) abdeckten. Die Proben stammten unter anderem aus archäologischen Überresten und historischem Baumaterial, aber auch von lebenden Bäumen aus der heutigen Tschechischen Republik und Teilen des südöstlichen Bayerns.

Aus jedem der Baumringe extrahierten und analysierten die Forschenden dann die stabilen Kohlenstoff- und Sauerstoff-Isotope. Während sich normale Baumring-Messungen auf Ringbreite und Holzdichte beschränken, spiegeln die hier untersuchten stabilen Isotope die physikalischen Bedingungen und die Reaktionen der Bäume darauf wider.

«Die Kohlenstoffwerte hängen von der fotosynthetischen Aktivität ab, die Sauerstoffwerte werden durch das Quellwasser beeinflusst. Zusammen korrelieren sie eng mit den Bedingungen der Wachstumsperiode», führt Koautor Paolo Cherubini aus. Auf diese Weise ergäben die stabilen Isotope der Jahresringe «ein viel genaueres Archiv, um die Hydroklima-Bedingungen in gemässigten Gebieten zu rekonstruieren, wo herkömmliche Studien mit Jahresringen oft versagen», ergänzt Jan Esper von der Universität Mainz.

Seit 2000 Jahren nimmt die Trockenheit zu

In der Rekonstruktion zeigten die Baumring-Isotopdaten, dass es in Europa zum einen sehr feuchte Sommer gab, so etwa 200, 720 und 1100 n. Chr., aber auch sehr trockene Sommer wie in den Jahren 40, 590, 950 und 1510 n. Chr. Insgesamt sei der Kontinent in den vergangenen zwei Jahrtausenden allmählich immer trockener geworden.

Die Proben aus den Jahren 2015 bis 2018 offenbarten aber zudem, dass die Dürrebedingungen der vergangenen Sommer weitaus gravierender waren als in den 2100 Jahren zuvor. «Nach Jahrhunderten eines langsamen, signifikanten Rückgangs haben wir einen drastischen Einbruch erlebt, was besonders für die Land- und Forstwirtschaft alarmierend ist», kommentiert Mitautor Mirek Trnka. «Das beispiellose Waldsterben in weiten Teilen Mitteleuropas bestätigt unsere Ergebnisse.»

Die Forschenden führen die beobachtete Häufung der ungewöhnlich trockenen Sommer auf die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung und der damit verbundenen Veränderungen der Position des Polar-Jetstreams zurück. Dieser gehört zu den beiden grossen Windbändern, die das Temperaturgefälle zwischen den Polen und dem Äquator ausgleichen und grossen Einfluss auf unser Wetter ausüben.

Tatsächlich hatte eine andere internationale Studie ergeben, dass die Wellen des Polar-Jetstreams während des Hitzesommers 2018 ins Stocken geraten waren. «Der Klimawandel bedeutet nicht, dass es überall trockener wird: Mancherorts wird es vielleicht feuchter oder kälter, aber extreme Bedingungen werden häufiger, was für die Landwirtschaft, die Ökosysteme und die Gesellschaft insgesamt verheerend sein könnte», prognostiziert Ulf Büntgen.

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