Überwachungssysteme für die Gefahr aus dem All

dpa/uri

30.6.2020 - 17:36

Künstlerische Interpretation eines Asteroidenaufpralls auf der Erde.
Source: Bild: Getty Images

Nicht nur Viren haben das Zeug, die Menschheit auszulöschen. Experten warnen immer wieder vor dem Zerstörungspotenzial von Asteroiden. Mit Überwachungsprogrammen will man sich vor Gefahr aus dem All schützen.

In Katastrophenfilmen wird die Menschheit gerne mal vom Einschlag riesiger Asteroiden bedroht. Ein Horrorszenario wie das wohl durch eine solche Kollision ausgelöste Dinosauriersterben sehen Experten nicht voraus. Neue Überwachungssysteme soll es dennoch geben.

Die Himmelsscheibe von Nebra, Sonnengötter oder Mondfinsternisse: Sonne, Mond und Sterne faszinieren die Menschen seit Jahrtausenden. Und Sternschnuppen gelten als romantisch.

Gefahr nicht auszuschliessen

Bei jedem in der Erdatmosphäre verglühenden Himmelskörper kann sich der Beobachter etwas wünschen – die Dinosaurier allerdings hatten keinen Wunsch mehr frei. Könnte ein Gesteinsbrocken aus dem All erneut viel Leben auslöschen wie einst vor 65 Millionen Jahren die Dinos?



«Die Gefahr eines grossen Einschlags ist gering, aber nicht auszuschliessen», sagt der Asteroidenforscher Alan Harris vom Institut für Planetenforschung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt. Die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags eines Brockens von 100 Metern Grösse liege bei einem Prozent in 100 Jahren. «So etwas könnte eine Grossstadt oder Teile Deutschlands zerstören», erklärt er zum Asteroidentag am 30. Juni.

Dass grössere Asteroiden auf die Erde treffen, kommt immer wieder vor. Im Februar 2013 richtete die Explosion eines 20-Meter-Brockens in der russischen Millionenstadt Tscheljabinsk Verwüstungen an. Die Druckwelle verletzte ohne jede Vorwarnung rund 1500 Menschen zumeist durch zerborstene Scheiben. Der Asteroid kam aus dem Nichts.

Tunguska-Ereignis am 30. Juni 1908

«Wenn wir den vorher entdeckt hätten, hätte es eigentlich ausgereicht, die Fenster aufzumachen», sagt der Asteroidenexperte der europäischen Raumfahrtagentur Esa, Detlef Koschny. «Da würde es reichen, wenn wir die Leute einen Tag vorher über das Radio informieren.» Ein Asteroid dieser Grössenordnung setzt bei der Explosion in der Atmosphäre eine Energie von 500 Kilotonnen des Sprengstoffs TNT frei. Die Hiroshimabombe hatte 15 Kilotonnen.

Am 30. Juni 1908 kam es ebenfalls in Russland zu einer Asteroidenexplosion: In der Tunguska-Region in Sibirien fegte die Druckwelle Millionen Bäume auf einer Fläche, grösser als der Kanton St. Gallen, weg. Wegen dieser Naturkatastrophe riefen die Vereinten Nationen 2016 den 30. Juni zum Internationalen Asteroidentag aus.

Umgeknickte Bäume liegen auf diesem Foto aus dem Jahre 1953 in der sibirischen Landschaft, 45 Jahre nach der Meteoritenexplosion uber Tunguska.
Bild:  Keystone

Erst im letzten Jahr hatten die Wissenschaftler die Befürchtung, dass der bis zu 50 Meter grosse Asteroid «2006QV89» die Erde treffen könnte. Die Chance für eine Kollision lag vor der Entwarnung durch die Experten laut Risikoliste der Esa bei 1 zu 7299. Zum Vergleich: Für einen Lottogewinn mit sechs Richtigen plus Zusatzzahl liegt die Chance bei 1 zu 140 Millionen.

Europas System soll 2022 in Betrieb gehen

Kleine Gesteinsbrocken fliegen fast täglich in die Erdatmosphäre und verglühen. Im Weltraum ist das nichts ungewöhnliches. Durch solche Kollisionen entstanden einst auch die Planeten unseres Sonnensystems. Die meisten Objekte sind aus Stein und Koschny zufolge nicht, wie manchmal befürchtet, radioaktiv. «Das ist nichts anderes als das was wir auf der Erde auch finden.» Der Prozess habe nicht aufgehört, sagt auch Harris. Er habe sich nur abgeschwächt in den Milliarden Jahren.



«Es gibt zwei grosse Überwachungsprogramme, beide von der NASA finanziert, die quasi jede Nacht den Himmel scannen und nach diesen Objekten suchen», erläutert Koschny. Mit den Daten könnten dann Bahnen der Asteroiden ausgerechnet werden. In Europa werde derzeit ein zusätzliches Überwachungsteleskop entwickelt, dass 2022 auf Sizilien in Betrieb gehen soll. Die Amerikaner arbeiteten an einem satellitengestützten Teleskop. «Ein Teleskop auf der erdabgewandten Seite des Mondes wäre natürlich noch besser», so Koschny. Nur wäre es auch sehr teuer.

Der «Dino-Killer» war 12 Kilometer gross

Bei Asteroiden von einer Grösse von 50 Metern und mehr müsse man über eine Ablenkung nachdenken. «Bei 50 Metern, da würde man dann schon ein ganzes Bundesland evakuieren müssen», sagt Koschny. Das Szenario wäre dann, einen Satelliten auf Konfrontationskurs zu schicken und die Flugbahn der viele Kilometer pro Sekunde schnellen Brocken abzulenken. Die US-Kinohit «Armageddon» ist auch keine reine Science-Fiction. Laut Harris gibt es in den USA Diskussionen über den Einsatz von Nuklear-Raketen.

Die Gefahr eines grossen Einschlags ist den Experten zufolge eher gering, aber nicht komplett auszuschliessen. «Von den ganz grossen, grösser als ein Kilometer, sind 95 Prozent bekannt», ist sich Koschny sicher. Der Dinokiller war Harris zufolge zwölf Kilometer gross. Einen solchen Brocken würde man mit heutiger Technology Jahrhunderte vorher sehen. «Da haben wir genug Zeit.»

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