Verschmelzung von Schwarzen Monsterlöchern liess sogar die Raumzeit erzittern

dpa/SDA/uri

2.9.2020 - 14:00

Die undatierte künstlerische Darstellung visualisiert zwei Schwarze Löcher vor ihrer Kollision. Forscher haben Gravitationswellen von der bislang massereichsten Verschmelzung Schwarzer Löcher beobachtet.
Bild: Mark Myers/ARC Centre of Excellence for Gravitational Wave Discovery (OzGrav)/dpa

Forscher rätseln: Bei der Verschmelzung zweier gigantischer Schwarzen Löcher, erwies sich eines als so massereich, dass es theoretisch gar nicht existieren dürfte.

Bei vielen Nicht-Physikern dürfte das die Vorstellungskraft sprengen. Forscher haben die Verschmelzung zweier Schwarzer Löcher beobachtet – in einer kaum fassbaren Entfernung.

Quer durch das halbe Universum haben Forscher die bislang massereichste gemessene Verschmelzung Schwarzer Löcher beobachtet. Die Observatorien Ligo in den USA und Virgo in Italien registrierten am 21. Mai 2019 die Gravitationswellen vom Crash zweier Schwerkraftmonster mit knapp 66 und 85-mal so viel Masse wie unsere Sonne.

Das resultierende Schwarze Loch mit 142 Sonnenmassen sei das erste aus dem mittleren Massebereich, das jemals beobachtet worden sei, berichten die Forscherinnen und Forscher, die ihre Messungen in zwei Fachaufsätzen in den Journalen «Physical Review Letters» und «Astrophysical Journal Letters» vorstellen.

Blick sieben Milliarden Jahre zurück

Die Verschmelzung fand vor rund sieben Milliarden Jahren statt, als das Universum erst halb so alt war wie heute. Sie hat eine Energie freigesetzt, die nach Albert Einsteins Masse-Energie-Äquivalenz E=mc^2 rund acht Sonnenmassen entspricht. Das bedeutet, etwa die achtfache Masse unserer Sonne ist als Energie in die Erzeugung der Gravitationswellen geflossen.



Das hat die Raumzeit so sehr zum Beben gebracht, dass dies auch in einer Entfernung von heute rund 16 Milliarden Lichtjahren auf der Erde noch nachweisbar war. Die Verschmelzung ist damit nicht nur das massereichste, sondern auch das fernste Ereignis, das die Gravitationswellendetektoren bislang registriert haben.

«Dies sieht nicht so sehr aus wie das Zirpen, das wir normalerweise beobachten», erläuterte Virgo-Wissenschaftler Nelson Christensen in einer Mitteilung. «Dies ist mehr etwas, das ‹Peng› macht, und es ist das massereichste Signal, das Ligo und Virgo gesehen haben.» Die Gravitationswellenobservatorien hätten «ihren bislang dicksten Fisch gefangen», formulierte das an der Entdeckung beteiligte Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Potsdam und Hannover.

Zeugen einer Geburt

Das Signal mit der Katalognummer GW190521 dauerte nur rund eine Zehntelsekunde und zeigte lediglich zwei spiralförmige Umläufe der Schwarzen Löcher, bevor sie schliesslich miteinander verschmolzen sind. «Trotz der kurzen Dauer konnten wir zeigen, dass das Signal einem entspricht, das wir – wie von Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie vorhergesagt – von verschmelzenden Schwarzen Löchern erwarten», berichtete die Direktorin am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik, Alessandra Buonanno.

«Uns wurde klar, dass wir erstmals Zeuge der Geburt eines mittelschweren Schwarzen Lochs waren, dessen einer Elternteil höchstwahrscheinlich selbst aus einer früheren Verschmelzung eines Doppelsystems hervorgegangen ist.»



Mittelschwere Schwarze Löcher haben 100 bis 100'000-mal so viel Masse wie unsere Sonne. Die Verschmelzung liefert den ersten eindeutigen Nachweis für ein Schwarzes Loch aus dieser Klasse. Während kleinere Schwarze Löcher bei Sternexplosionen entstehen, finden sich grössere in den Zentren von Galaxien wie unserer Milchstrasse, wo sie sich grosse Mengen Materie einverleibt haben.

Ein Ding der Unmöglichkeit

Die Massen der beiden Schwarzen Löcher, deren Verschmelzung nun registriert wurde, bereiten den Astrophysikern allerdings noch Kopfzerbrechen, denn insbesondere ein Schwarzes Loch mit 85 Sonnenmassen sollte eigentlich gar nicht entstehen können.

Nur Sterne bis etwa 130 Sonnenmassen stürzen der Theorie zufolge in einer Supernovaexplosion zu Schwarzen Löchern zusammen, die dann jedoch höchstens 65 Sonnenmassen haben sollten. Schwerere Sterne verlieren demnach durch wiederholte heftige Ausbrüche so viel Masse, dass sie am Ende wieder nur ein Schwarzes Loch mit weniger als 65 Sonnenmassen erzeugen.

Noch schwerere Sterne mit mehr als 200 Sonnenmassen könnten dagegen am Ende ihrer Existenz direkt zu einem Schwarzen Loch zusammenstürzen, das dann aber mehr als 120 Sonnenmassen haben sollte. Zwischen 65 und 120 Sonnenmassen dürfte es also gar keine Schwarzen Löcher geben. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler halten es für am wahrscheinlichsten, dass der grössere der beiden Vorläufer selbst schon das Ergebnis einer Verschmelzung entsprechend kleinerer Schwarzer Löcher gewesen ist.

Zurück zur Startseite