War Kolumbus ein heldenhafter Entdecker oder weisser Rassist?

Von Steve LeBlanc, AP/tafi

19.6.2020 - 18:00

Ein ehemaliger Held wird vom Sockel gestürzt: Demonstranten haben bei Protesten gegen Rassismus und Polizeigewalt im US-Bundesstaat Minnesota eine Statue des italienischen Entdeckers Christoph Kolumbus demontiert.
KEYSTONE/AP/Leila Navidi

Lange wurde der Christoph Kolumbus als Entdecker des amerikanischen Kontinents verehrt. Aber nun machen ihn in den USA vor allem junge Menschen mitverantwortlich für Ausbeutung und Sklaverei. Sogar seine Statue in der nach ihm benannten Stadt Columbus muss weichen.

Am Rathaus von Columbus thront nach wie vor die Statue des Namensgebers der Hauptstadt von Ohio. Aber nun muss der Entdecker Christoph Kolumbus auch dort weichen, wie Bürgermeister Andrew Ginther am Donnerstag bekannt gab. «Das Denkmal repräsentiert Patriarchat, Unterdrückung und Spaltung», sagte er und sprach damit vielen aus dem Herzen, die im Zuge der jüngsten Proteste gegen Rassismus in den USA auch die Erinnerungskultur des Landes infrage stellen – sei es mit Blick auf Südstaatengeneräle oder eben die Entdeckung des amerikanischen Kontinents.

Vor allem Generationen von Amerikanern mit italienischen Wurzeln hatten Kolumbus stets vergöttert. Doch viele junge Italoamerikaner brandmarken den aus Genua stammenden Entdecker mittlerweile öffentlich als Symbol eines weissen Rassismus. Sie werfen ihm vor, Jahrhunderte europäischer Unterdrückung mit grausamem Vorgehen gegen indigene Völker ausgelöst zu haben.



Es sei an der Zeit, die Kolumbus-Denkmäler endgültig auszurangieren, sagen die Kritiker. In St. Paul wurde eine Kolumbus-Statue umgestürzt. In Boston hatten Unbekannte die Statue in der vergangenen Woche enthauptet – die Behörden entfernten sie einstweilen von ihrem Sockel im historischen Viertel North End und lagerten sie ein. Der demokratische Bostoner Bürgermeister Marty Walsh kündigte auch dort an, die Stadt werde die Bedeutung der Statue neu bewerten.

Die Hauptstadt des US-Bundesstaats Ohio wurde nach Christoph Kolumbus benannt: Sein «Denkmal repräsentiert Patriarchat, Unterdrückung und Spaltung», findet der Bürgermeister von Columbus.
AP Photo/Haraz N. Ghanbari

Kolumbus – «ein weisser Rassist»

«Es herrschte immer das Gefühl, dass alle Italoamerikaner die gleiche Einstellung zu Kolumbus haben», sagt die 46-jährige Heather Leavell aus Bedford, eine der Gründerinnen der Gruppe Italoamerikaner für den Tag der indigenen Völker. «Unser Land legt mehr Wert auf die Zufriedenheit von Italoamerikanern und darauf, wie es uns damit geht, anstatt sich auf die Stimmen amerikanischer Ureinwohner zu konzentrieren.»

Leavells Gruppe wurde vor etwa einem Jahr gegründet. Ihr Ziel ist es, im Staat Massachusetts ein Gesetz zur Umbenennung des Kolumbus-Tags in «Tag der indigenen Völker» zu unterstützen. Laut Leavell kommt aus dem ganzen Land Unterstützung, auch von weiteren Menschen mit italienischem Hintergrund.

«Unsere Eltern haben uns Geschichten darüber erzählt, wie sie diskriminiert wurden und Angst hatten, das zu verlieren, wofür sie so hart gearbeitet hatten», sagt Leavell, deren Mutter aus Italien stammt. «Aber nicht nur Italiener wurden diskriminiert. Leider haben wir uns in unserem Bemühen, in diesem Land anerkannt zu werden, mit einem weissen Rassisten verbündet.»

Ein undatiertes Gemälde zeigt den Seefahrer Christoph Kolumbus und seine Schiffsbesatzung bei der Landung in San Salvador auf den Bahamas am 12. Oktober 1492. 
KEYSTONE/AP Photo, HO

Der Held wird hinterfragt

Das Vermächtnis des einst als Entdecker Amerikas 1492 gefeierten Kolumbus wurde in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend kritisch hinterfragt. Viele sind inzwischen der Auffassung, dass seine Segelexpeditionen der europäischen Unterdrückung der Ureinwohner und der Entstehung des transatlantischen Sklavenhandels Tür und Tor geöffnet haben.

Bis dahin galt Kolumbus älteren Generationen von Amerikanern mit italienischen Vorfahren – darunter vielen aus dem traditionell italoamerikanischen Bostoner Stadtteil North End – als Kulturheld. Die Statue in dem Viertel war 1979 aufgestellt worden als Teil des Christoph-Kolumbus-Parks am Hafen.

Später flammte erste Kritik an dem Denkmal auf, das von einigen als Erinnerung an einen europäischen Genozid an indigenen Völkern aufgefasst wurde. In den vergangenen Jahren war die Statue immer wieder Ziel von Vandalismus. 2006 wurde sie schon einmal geköpft. Manche sehen in den Übergriffen ein Hassverbrechen gegen Italoamerikaner.

Der Seefahrer Christoph Kolumbus auf einem undatierten Gemälde des italienischen Künstlers Sebastiano Del Piombo: Das Vermächtnis des Entdeckers Amerikas wird zunehmend kritisch hinterfragt.
KEYSTONE/AP Photo

Kolumbus nicht allein schuld für Sklavenhandel

Zu diesen Kritikern gehört Francis Mazzaglia von der Organisation Italienisch-amerikanisches Bündnis. Es sei unfair, allein Kolumbus für den Sklavenhandel und die Krankheiten verantwortlich zu machen, die europäische Entdecker nach Amerika brachten, sagt der ehemalige Professor für Wirtschaft und Kriminologie.



Auch von einem Genozid an Indigenen zu sprechen, hält er für falsch. «Die Leute, die Christoph Kolumbus und seine Statue ablehnen, meinen das, was sie sagen, ernst», erklärt Mazzaglia. «Aber man kann etwas ernst meinen und trotzdem falsch liegen.»

Falls Boston das Standbild entfernt, hofft er nach eigenen Worten, auf einem Privatgrundstück einen Platz dafür zu finden, vielleicht im North End. «Es ist nicht in Ordnung, ein Symbol zu zerstören, das für italoamerikanische Menschen so wichtig ist», sagt er.

Historische Verantwortung übernehmen

Viele jüngere Amerikaner mit italienischen Wurzeln wollten die Statue allerdings lieber loswerden, sagt die 46-jährige Lehrerin Corrie Popp aus Waltham, deren Mutter italienische Vorfahren hat. «Die meisten Italoamerikaner haben ein grosses Herz», sagt sie. «Aber Kolumbus kann uns als Italoamerikaner nicht mehr vertreten.»

Es gab Vorschläge für andere historische italoamerikanische Figuren, die an Kolumbus' Stelle treten könnten. Dazu gehören die italienischen Einwanderer und erklärten Anarchisten Nicola Sacco und Bartolomeo Vanzetti, die im 20. Jahrhundert inmitten eines einwandererfeindlichen Klimas in Boston hingerichtet wurden.

Popp äussert Verständnis für ältere Italoamerikaner, die sich nur schwer von ihrem Bild von Kolumbus trennen können. Die verletzten Gefühle Einzelner könnten aber nicht über die historische Verantwortung gestellt werden, das Schicksal indigener Völker anzuerkennen. «Es geht um eine grössere Frage als nur um das North End», sagt sie.

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