Warum in Zürich der Kampf um die Schulbildung so hart ist

tafi

7.7.2020 - 18:11

Im Kanton Zürich haben es Kinder aus unteren Schichten besonders schwer, ans Gymnasium zu kommen. Um die Plätze kämpfen vor allem besser verdienende Akademikerfamilien. (Symbolbild)
KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Kinder aus tieferen Schichten haben es nirgends schwerer, ans Gymnasium zu kommen: Weil es in Zürich besonders viele Akademiker gibt, tobt ein Kampf um die Gymiplätze. Der wird mit Geld und sozialen Druck geführt.

In Zürich ist es für unterprivilegierte Familien besonders schwer, Kinder ans Gymnasium zu schicken. Zwar behauptet Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP), dass sich die Chancengleichheit im Zürcher Schulsystem gebessert habe, die Realität sieht jedoch anders aus. Zu diesem Schluss kommt eine Studie der Sozialwissenschaftlerin Benita Combet, über die der «Tages-Anzeiger» berichtet.

Combet hat in ihrer Studie erstmals den Zusammenhang zwischen Bevölkerungsstruktur und Bildungschancen der Kinder untersucht. Ausserdem hat die Aargauerin einen Vergleich der unterschiedlichen Schulsysteme der Kantone angestellt. Das Ergebnis: «Kinder aus höheren Schichten haben tendenziell eine bessere Chance, in die höchste Schulstufe einzutreten.» Es spiele keine Rolle, wie ein Schulsystem aufgebaut ist.



In Zürich sei das Problem am gravierendsten. Dort müssten Kinder aus tieferen Schichten besonders hohe Hürden überwinden, um es ans Langgymnasium zu schaffen. Im Umkehrschluss «haben sozial privilegierte Kinder noch grössere Chancen als anderswo», wie die Soziologin im «Tages-Anzeiger» zitiert wird.

Reiche Eltern intervenieren häufiger

Das läge vor allem an der im Vergleich zu anderen Kantonen hohen Akademikerquote in Zürich, so Combet. Der sozioökonomischen Zusammensetzung der Bevölkerung komme demnach eine entscheidende Rolle zu: «Weil in Zürich die Gymnasialplätze begrenzt sind und es vergleichsweise einen hohen Anteil an Akademikereltern hat, die einen Gymnasialbesuch ihres Kindes anstreben, sind sie gezwungen, mehr Einfluss zu nehmen.»



Im Kampf um die Gymiplätze würden besser verdienende Eltern nicht nur bei Lehrpersonen in der Primarschule intervenieren und Druck machen, sondern auch viel in Nachhilfe und Vorbereitungskurse investieren. Vor allem die dafür notwendigen finanziellen Ressourcen fehlen aber den weniger privilegierten Familien. Für sie sei es praktisch unmöglich, ihre Kinder ans Gymnasium zu schicken.

Den Einfluss der Elternhäuser auf die schulischen Chancen der Kinder hat Combet mit Vergleichszahlen aus den Jahren 2000 bis 2012 nachgewiesen, als in den Kantonen Zürich und Solothurn dieselben Regeln für den Übertritt in das sechsjährige Langgymi galten. Die Übertrittwahrscheinlichkeit von Akademikerkindern lag dabei in Zürich deutlich höher als in Solothurn.

Mehr Gymiplätze lösen das Problem nicht

Dass der Kanton einfach mehr Gymiplätze anbietet, um den Nachteil sozial schwächerer Kinder auszugleichen, ist für Combet übrigens keine Lösung: «Eine starke Erhöhung der Gymnasialplätze wird das Problem nicht entschärfen, sondern den Wettbewerb um die Plätze einfach verschieben.» Das würde nur dazu führen, dass der Besuch des Gymnasiums für Akademikerkinder zur Selbstverständlichkeit werde. Die anderen müssten sich immer noch um die wenigen verbliebenen Plätze streiten.



Gerechter wäre eine Änderung der Auswahlkriterien, erklärte Lernforscherin Elsbeth Stern im «Tages-Anzeiger». Kinder müssten gezielt über die Intelligenz zugelassen werden, fordert die Wissenschaftlerin von der ETH Zürich, die Combets Studie für schlüssig hält. Das herkömmliche Zulassungsverfahren – eine Mischung aus Prüfungs- und Vornoten – sei dafür nur bedingt geeignet. «Dafür braucht es in manchen Fällen zusätzliche IQ-Tests.»

Auch müssten Primarlehrpersonen besser geschult werden, um zu erkennen, ob ein Kind intelligent sei oder sich nur gezielt auf die Übertrittprüfung vorbereitet. Für intelligente Kinder aus sozial schwachen Familien sollte es dann entsprechende Unterstützungsangebote geben.

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