Geimpft, geboostert, genesen

Wie gut ist man noch geschützt, wenn alle Massnahmen fallen?

uri

30.3.2022

Hunderte von Tagestouristen zieht es bei herrlichem Fruehlingswetter an die Seepromenade von Luzern, am Karfreitag, 2. April 2021. Ein generelles Maskenobligatorium gibt es zurzeit keines. (KEYSTONE/Urs Flueeler)
Menschen spazieren im April 2021 während der Corona-Pandemie an der Seepromenade von Luzern. (Archiv)
Bild: Keystone

Heute könnte der Bundesrat das Ende der letzten Corona-Massnahmen beschliessen – trotz weiterhin hoher Fallzahlen. Wie gut ist man nun geschützt, wenn man geimpft ist oder eine Covid-Infektion durchgemacht hat? 

uri

30.3.2022

Angesichts eines Rückgangs bei den Fallzahlen und der stabilen Lage in den Spitälern dürfte der Bundesrat am Mittwoch entscheiden, wieder zur «normalen Lage» zurückzukehren: Maskenpflicht, Isolation und Corona-App wären dann ebenso Geschichte wie die Taskforce des Bundes, die ihre Auflösung auf Ende März bereits bekannt gegeben hat.

Gerade die Taskforce-Präsidentin Tanja Stadler warnte allerdings auf ihrer letzten offiziellen Medienkonferenz in Sachen Corona davor, dass auch die Omikron-Variante des Coronavirus gefährlich bleibe. Wie sieht die Situation im Land aus – und welche Risiken hat der Einzelne?

Wie gefährlich ist Omikron?

Gemeinhin gelten die Omikron-Varianten des Coronavirus als bedeutend ansteckender als vorherige Mutanten. Dafür sorgen sie laut Studien aber für weniger gefährliche Krankheitsverläufe. Das Sterberisiko ist nach einer Omikron-Infektion im Vergleich zur ehemals dominanten Delta-Variante sogar um 67 Prozent geringer, wie die nationale Statistikbehörde Grossbritanniens ermittelte.

Besonders deutlich ging die Sterberate demnach in der Altersgruppe zwischen 18 und 59 Jahren zurück. Hier wurden 87 Prozent weniger Todesfälle verzeichnet. In der Altersgruppe zwischen 60 und 69 Jahren war das Risiko um 86 Prozent reduziert, bei Personen über 70 Jahren immerhin noch 55 Prozent niedriger.

Inzwischen ist die ursprünglich dominante Omikron-Variante BA.1 – auf die sich die meisten Studien bislang stützen – auch in der Schweiz von ihrer Schwester-Variante BA.2 verdrängt worden. Diese hat laut der Taskforce aufgrund ihrer höheren Infektiosität den R-Wert nochmals um 35 bis 50 Prozent erhöht.

Laut Untersuchungen, über die das Fachjournal «Nature» berichtete, gibt es zudem Hinweise, dass BA.2 den durch Impfungen oder durchgemachte Erkrankungen erlangten Immunschutz noch besser umgehen kann als BA.1. In Versuchen mit Hamstern zeigte sich BA.2 zudem auch als aggressiver hinsichtlich der Krankheitsverläufe – ein Befund, der sich allerdings nicht auf den Menschen übertragen liess.

Wie ist die aktuelle Lage in der Schweiz? 

Zuletzt gingen die Fallzahlen in der Schweiz deutlich zurück. Die Todeszahlen infolge von Covid-Erkrankungen blieben insgesamt aber recht konstant und auch die Zahl der Spitaleinweisungen ging im Verhältnis längst nicht so stark zurück wie die der Fälle. Wie Tanja Stadler am 22. März 2022 auf der Website der Taskforce mitteilte, hatten sich zuletzt zudem 9 Prozent der Menschen in der Schweiz pro Woche mit dem Coronavirus angesteckt. Man rechne hier mit einer viermal höheren Dunkelziffer, teilte sie mit. 

Mit Omikron verlor das Coronavirus aber trotzdem viel von seinem Schrecken: Waren in der zweiten Corona-Welle noch 20 von 1'000 Menschen in der Schweiz mit einer bestätigten Infektion gestorben, sank die Fallsterblichkeit in der Omikron-Welle gemäss Stadler um das 40-Fache. Das bedeute: «Jetzt stirbt weniger als eine Person von 1'000 Fällen». 

Taskforce-Chefin Tanja Stadler: «Bis zum Herbst sollten wir uns wappnen»

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Als Präsidentin der Covid-Taskforce des Bundes wurde Tanja Stadler zu einer der bekanntesten Personen der Schweiz. Nun, da die Wissenschafts-Gruppe Ende April aufgelöst wird, blickt die ETH-Professorin im Gespräch mit blue News zurück.

21.03.2022

Erreicht worden ist dieser Fortschritt laut der Taskforce-Chefin vor allem auch durch die Impfungen. In einem Interview mit den Tamedia-Zeitungen sagte die Biostatistikerin von der ETH Zürich dazu, dass sich mit den jüngsten Öffnungsschritten wieder vermehrt ältere Menschen infiziert hätten. Da dabei die Zahl der Spitaleintritte konstant geblieben sei, habe die Immunität gegen schwere Verläufe in dieser Gruppe aber nicht markant abgenommen. Stadler warnte jedoch: «Aber wir müssen sehr wachsam bleiben. Wenn sich das ändert, ist es im Interesse aller, dass diese Personen rasch eine Auffrischungsimpfung bekommen.»

Wie gut sind Genesene geschützt? 

Unter der Voraussetzung der derzeit dominanten Omikron-Varianten ist die Schutzwirkung einer bereits durchgemachten Covid-Infektion vor einer Neuansteckung bedeutend geringer als gegen vorherige Varianten von Sars-CoV-2. Das geht aus einer Studie von Wissenschaftlern um Laith Abu-Raddad vom Weill Cornell Medicine – Qatar in Doha, Katar, hervor, die im Februar 2022 im «New England Journal of Medicine» erschienen ist.

Demnach fiel der Schutz vor einer Reinfektion mit Omikron durch eine durchgemachte Erkrankung mit durchschnittlich 55,9 Prozent recht mager aus, wie das Ärzteblatt aus der Studie berichtet. Zwischen der früheren Erkrankung und der Omikron-Infektion waren dabei im Schnitt 314 Tage vergangen. Deutlich besser waren die Werte mit 91,9 Prozent bei einer Wiederansteckung nach durchschnittlich 254 Tagen noch im Fall der Delta-Variante gewesen. Und ebenfalls bei einer erneuten Ansteckung mit der Alpha-Variante, wo die Schutzwirkung im Schnitt bei 90,3 Prozent nach 279 Tagen lag.

Zudem hatten Personen, die lediglich eine Omikron-Infektion durchgemacht hatten, nur neutralisierende Antikörper gegen Omikron gebildet, wie eine österreichische Preprint-Studie darlegte. Personen, die indes sowohl geimpft als auch genesen waren, verfügten demnach aber über neutralisierende Antikörper gegen alle Corona-Varianten.

Wie steht es um den Schutz doppelt Geimpfter?

Experten wie der deutsche Virologe Christian Drosten betonen, dass durch die Omikron-Varianten derzeit vor allem komplett Ungeimpfte gefährdet sind, ernsthaft zu erkranken. Seit der Dominanz von Omikron gilt aber auch, dass die Grundimmunisierung mit zwei Impfdosen – die zwar noch gut gegen Alpha und Delta gewirkt hat – nun ebenfalls keinen zuverlässigen Schutz mehr bietet. 

Wie Forscher um Nick Andrews von der UK Health Security Agency (UKHSA) Anfang März im «The New England Journal of Medicine» berichteten, zeigte ihre Studie, dass zwei Dosen der Vakzine von Biontech (Experten gehen von ähnlichen Werten beim mRNA-Impfstoff von Moderna aus) und AstraZeneca rasch den Schutz vor einer Ansteckung mit Omikron verloren: Bei Biontech lag er laut den Wissenschaftlern nach einem guten halben Jahr nur noch bei 8,8 Prozent, im Fall von AstraZeneca war er bereits nach fünf Monaten komplett verschwunden. Nach zwei bis vier Wochen hatte der Schutz noch bei 65,5 Prozent beziehungsweise 62,4 Prozent gelegen.

Gemäss den Wissenschaftlern können aufgrund ihrer Studie noch keine belastbaren Zahlen hinsichtlich des Impfschutzes vor schweren Erkrankungen durch die Omikron-Variante genannt werden. Laut einem Report der britischen Gesundheitsbehörde UKHSA von Ende Dezember des letzten Jahres lag der Schutz vor einer Spitaleinweisung durch eine doppelte Impfung im Fall von Omikron bis zu sechs Monate nach der zweiten Impfung aber bei rund 72 Prozent.

Was bringt der Booster?

Mit einer Booster- oder Auffrischimpfung kann man den Impfschutz wieder deutlich erhöhen und auch das Risiko für schwere Covid-19-Erkrankungen stark reduzieren, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf seiner Website mitteilt. Einige Experten behaupteten zudem, dass eigentlich erst mit einer dritten Dosis eine Grundimmunisierung gegen das Coronavirus erreicht ist. 

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Laut der bereits erwähnten Studie aus Grossbritannien zur Wirksamkeit von Impfstoffen gegen Omikron sorgte eine dritte Dosis Biontech-Impfstoff nach zwei bis vier Wochen wieder für einen durchschnittlichen Infektionsschutz von 67,2 Prozent. Dieser ging nach zehn Wochen auf 45,7 Prozent zurück. 

Obendrein sorgt offenbar nur eine dritte Impfdosis überhaupt für einen ausreichenden Schutz durch Antikörper, mit dem die Rezeptorbindungen gegen Omikron teilweise blockiert werden können, wie Wissenschaftler der MedUni Wien herausgefunden haben. In diesem Fall gelte, dass die Drittimpfung zwar für eine ausreichende Menge an Antikörpern sorge, um vor einer Omikron-Infektion zu schützen, wie Studienleiter Rudolf Valenta sagte. Allerdings gebe es «auch hier einen mit 20 Prozent deutlichen Anteil, wo kein Schutz aufgebaut wurde».

Was ist der beste Schutz?

Am besten geschützt vor Corona-Infektionen ist man durch eine sogenannte hybride Immunität. Diese besteht dann, wenn man sowohl geimpft als auch genesen ist, oder wie es Virologe Drosten Anfang des Jahres in seinem Podcast sagte: «Die ideale Immunisierung ist, dass man eine vollständige Impfimmunisierung hat – mit drei Dosen – und auf dem Boden dieser Immunisierung sich dann erstmalig und auch zweit- und drittmalig infiziert mit dem wirklichen Virus.»

In diesem Fall wird der Antikörperspiegel durch Impfung besonders hoch und hält zudem länger an, was eine besonders starke Immunantwort im Fall einer Corona-Ansteckung bietet. Auch sorgt eine durchgemachte Infektion dann für eine weitere Schutzkomponente, nämlich durch sogenannte Gedächtniszellen. Diese werden bei einem erneuten Kontakt mit dem Coronavirus sofort aktiv und bilden neue Antikörper. 

Die Gedächtniszellen können dabei zwar nicht vor einer erneuten Ansteckung schützen, sie verhindern aber in den allermeisten Fällen einen schweren Covid-Verlauf. Experten vermuten, dass die Zellen mitunter lebenslang im menschlichen Körper aktiv sein können – nachweislich sind sie im Fall von Corona aber mindestens sechs Monate lang auf einem hohen Niveau nachweisbar.