Wird die Schweiz zum Vorbild im Umgang mit Genesenen?

Von Sven Hauberg

22.10.2021

Aerzte und Pflegende kuemmern sich um Covid-Patienten auf der Covid-19-Intensivabteilung im Stadtspital Triemli am 10. Dezember 2020 in Zuerich. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Behandlung eines Covid-Patienten auf der Intensivabteilung im Zürcher Stadtspital Triemli. (Archivbild)
Bild: Keystone

In der Corona-Politik geht die Schweiz mal wieder einen Sonderweg: Das Covid-Zertifikat für Genesene soll doppelt so lange gültig sein wie in der EU. Auch in Deutschland zweifelt man die geltende EU-Regelung an.

Von Sven Hauberg

22.10.2021

Ohne Covid-Zertifikat geht in den meisten EU-Ländern nichts: Nur wer geimpft, negativ getestet oder genesen ist, kann etwa in Deutschland Kinos oder die Restaurant-Innenräume besuchen; in manchen Bundesländern dürften Gastronom*innen sogar Getestete abweisen und nur Geimpfte oder Genesene einlassen. Als genesen gilt dabei, wer vor maximal sechs Monaten eine Covid-Infektion durchgemacht hat.

«Die sechs Monate, auf der die EU-Regelung beruht, waren eine Schätzung, weil es noch nicht genügend Untersuchungen zur anhaltenden Immunität gab», erklärt Jasmin Fertey vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie auf Anfrage von blue News. Tatsächlich ergaben Studien zu jenem Zeitpunkt, als die Regelung beschlossen wurde, einen Schutz von etwa acht Monaten. Aus Sicherheitsgründen, so die deutsche Ständige Impfkommission, habe man die Frist auf sechs Monate reduziert.



Auch in der Schweiz galt bislang die 6-Monate-Regel für Genesene. Nun aber will der Bundesrat aber eine entscheidende Änderung vornehmen: Ein Covid-Zertifikat sollen Genesene neu auch für 365 Tage erhalten. Nachgewiesen werden muss die Genesung mittels eines PCR-Tests. Der Haken: Das Zertifikat wird im Ausland nicht anerkannt, gilt also nur innerhalb der Schweiz.

Gefährlicher Sonderweg?

In der EU soll die Regelung, nach der man nur innerhalb von sechs Monaten als genesen gilt, fortbestehen. Bewegt sich die Schweiz also einmal mehr auf einem riskanten Sonderweg, oder sind die Nachbarländer zu vorsichtig?

«Gemäss dem aktuellen Wissensstand halte ich persönlich es durchaus für sinnvoll, die Gültigkeit des Zertifikats für immungesunde Genesene zu verlängern», sagt die Expertin Jasmin Fertey. «Das wäre auch medizinisch vertretbar, da die meisten Studien zeigen, dass die Immunantwort nach einer überstandenen Infektion länger als sechs Monate andauert, vermutlich auch breiter aufgestellt ist und somit auch effektiv gegen die aktuellen Virusvarianten schützt.»



Eine Ansicht, die auch der deutsche Virologe Christian Drosten teilt. «Ein Jahr lang kann man wahrscheinlich schon sagen, da wird ein Schutz gegen die Infektion bestehen, gegen einen schweren Verlauf allemal», sagte der Mediziner von der Berliner Charité-Klinik in der jüngsten Ausgabe seines Podcasts «Coronavirus-Update».

Genesen ist nicht gleich genesen

Die Datenlage, so Jasmin Fertey weiter, sei für Genesene sogar noch besser als für Geimpfte. Schliesslich würde das Covid-Vakzin erst seit knapp einem Jahr verimpft. Vergleichbare Datenerhebungen, wie man sie zu Genesenen habe, stünden für Geimpfte noch aus.

Dennoch sei weitere Forschung über die Genesung notwendig. «Das Problem ist, dass bisher hauptsächlich die Antikörperspiegel untersucht wurden.» Nach einer überstandenen Corona-Infektion fallen diese allerdings relativ schnell ab, so wie das bei anderen Infektionen der Fall sei. 



«Somit kommt es vor, dass Genesene nach einiger Zeit deutlich weniger nachweisbare Antikörper haben», sagt Fertey. «Allerdings ist die Immunantwort um einiges komplexer und somit könnten Genesene durch das Immungedächtnis trotzdem vor einer schwer verlaufenden Corona-Infektion geschützt sein.» In diese Richtung deuten zumindest neue Studien. Unklar ist allerdings, wie lange dieser Schutz anhält.

Virologe Christian Drosten weist in seinem Podcast darauf hin, dass es durchaus einen Unterschied machen könnte, ob ein Genesener Symptome hatte oder nicht. «Wer das Ganze mal symptomatisch hatte, der wird danach auch gut geschützt sein, fast so wie bei einer Impfung», sagt er. Bei Menschen, die eine vollkommen asymptomatische Infektion durchgemacht haben, «da wäre ich mir jetzt nicht so sicher, ob da wirklich so ein guter Schutz auf Dauer besteht».

«Man wird alle in etwa gleich behandeln müssen»

Denn, so Drosten: Wer keinerlei Symptome hatte, der habe wahrscheinlich auch einen schwächeren Immunstimulus erfahren, «der wahrscheinlich auch einen schwächeren Schutz vermittelt». Am besten sei es jedenfalls, wenn sich auch Genesene nach einem gewissen Zeitraum impfen liessen.

Neben den medizinischen Aspekten ist es auch eine politische Frage, wie lange man Genesenen ein Zertifikat zugesteht und ob man sie anders behandle als Geimpfte. «Es macht keinen Sinn, einen Riesenunterschied zwischen Genesenen und Geimpften zu machen. Beide haben einen Schutz aufgebaut», findet Daniel Koch, der ehemalige «Mister Corona» des Bundesamts für Gesundheit, im Interview mit blue News.

Sein Fazit: «Daher wird man früher oder später alle in etwa gleich behandeln müssen.» Ob sich die EU der Schweiz anschliesst, bleibt abzuwarten.

Daniel Koch: «Ein Riesenunterschied zwischen Geimpften und Genesenen macht keinen Sinn»

Daniel Koch: «Ein Riesenunterschied zwischen Geimpften und Genesenen macht keinen Sinn»

Genesene sollen künftig – genau wie Geimpfte – ein Covid-Zertifikat für ein ganzes Jahr erhalten. Für Daniel Koch, ehemaliger «Mister Corona» des Bundesamts für Gesundheit, spricht nichts dagegen.

21.10.2021