Gemeindepräsident von Clavaleyres amtet auch als «Wahlpostillon»

SDA

20.10.2019 - 13:29

Es ist kurz nach zehn, der Gemeindepräsident der kleinen bernischen Exklave Clavaleyres sammelt die letzten im Briefkasten der Gemeinde deponierten Wahlcouverts ein und macht sich als «Wahlpostillon» auf dem Weg.

Sein Ziel ist die nächstgelegene Berner Gemeinde Münchenwiler, wo die Stimmen aus Clavaleyres ausgezählt werden. «Wir haben Glück, wir müssen nicht mitzählen» sagt Truog augenzwinkernd.

Die Kleinstgemeinde Clavaleyres mit ihren 50 Einwohnern hat kein Wahl- und Abstimmungslokal. Wer von den Stimmberechtigten bei eidgenössischen oder kantonalen Vorlagen und Wahlen seine Stimme abgeben will, muss entweder nach Münchenwiler an die Urne oder brieflich wählen und abstimmen.

«Letzteres tun eigentlich alle hier», sagt Gemeindepräsident Jürg Truog. Und so steht der 75-Jährige an Wahl- und Abstimmungssonntagen vor dem Gemeindehaus und nimmt letzte Couverts in Empfang, bevor er über Freiburger Kantonsgebiet ins bernische Münchenwiler fährt, wo die Stimmen ausgezählt werden.

Clavaleyres teilt das Schicksal vieler Kleinstgemeinden: sie haben es schwer, Gemeindeämter zu besetzen. Auch Truog rutschte gleich in den Gemeinderat, kaum war er in den malerischen Weiler mit seinen fünf Bauernhöfen gezogen. Wenig später war er auch bereits Gemeindepräsident.

Friedliche Idylle

Im Ort gibt es weder Läden noch ein Restaurant , eine Schule oder Anschluss an den öffentlichen Verkehr. Dafür aber viel Ruhe, ländliche Idylle und einen guten Zusammenhalt, wie Truog schwärmt.

Tatsächlich: der beschauliche Weiler liegt in einer kleinen Talsenke, umgeben von sanften Hügeln und Wäldern. Stattliche Bauernhäuser prägend die Landschaft. Aus dem einen oder anderen Bauerngarten leuchten noch Dahlien. Zum Dorf gehören schützens- und erhaltenswerte Objekte wie ein Ofen- und Waschhaus, ein Speicher und der kleine, ummauerte Friedhof.

Sicht auf den nahen Murtensee hat man von Clavaleyres aus allerdings nicht. So sei Clavaleyres aber auch nicht zugebaut worden wie andere Gemeinden, sagt Truog.

Überhaupt: dem Gemeindepräsidenten ist es wichtig, dass Clavaleyres seinen Charakter behält. «Wir haben nur wenige Baulandreserven, kleine Parzellen.» Die Gemeinde sei nicht hinterwäldlerisch, nur vorsichtig, wenns ums Bauen gehe. Truog setzt auf den Grundsatz der inneren Verdichtung.

Ein Beispiel dafür gibt es bereits: Im Gemeindehaus ist eine Wohnung entstanden, «die einem Einheimischen die Rückkehr erlaubte», ist Truog stolz. Und tatsächlich. Neben dem Sitzungszimmer des Gemeinderats befindet sich das Kinderzimmer der Familienwohnung.

Als Kleinstgemeinde ausgedient

Doch Clavaleyres ist nicht einfach nur Idyll, das weiss auch Truog. Denn die Anforderungen an eine Gemeinde sind zunehmend vielfältiger und komplexer. «Bereits heute werden wichtige Aufgaben von der Stadt Murten für Clavaleyres geleistet. So ist dort etwa die Oberstufe, die Feuerwehr oder der Sozialdienst angesiedelt», erläutert Truog. Und der Gemeindeschreiber kommt von Kallnach herüber.

Besserung ist nicht in Sicht. Aktuell wohnen drei Kinder in Clavaleyres. Acht Einwohner sind pensioniert, acht arbeiten irgendwo auswärts. Und die Bauersleute haben das ganze Jahr alle Hände voll zu tun, weiss Truog.

Und so hat die Gemeinde Clavaleyres begonnen, sich nach Fusionspartnern umzusehen. Vom naheliegendsten Bräutigam, Münchenwiler, setzte es allerdings gleich zweimal einen Korb ab.

Und so kam es, dass Clavaleyres über die Kantonsgrenze schielte, ins freiburgische Städtchen Murten. Von dort kamen positive Signale und so wird Clavaleyres aller Voraussicht nach 2022 ein Teil von Murten. Eine aussergewöhnliche Gemeindefusion, die eine Abtretung des Gemeindegebiets von Clavaleyres vom Kanton Bern an den Kanton Freiburg beinhaltet.

Murten habe zugesichert, dass Clavaleyres weiterhin seine Autonomie haben werde und sich selber bleiben könne. «Das war mir sehr wichtig», betont Truog. Ihm schwebt vor, dass künftig ein Dorfverein sich um die Anliegen von Clavaleyres kümmert .

Die Bevölkerung hat der Fusion bereits zugestimmt, ebenso die beiden Kantonsparlamente. Der Segen des Bundes und ein Ja bei den kantonalen Abstimmungen sind so gut wie sicher. Es deutet also alles darauf hin, dass Truog letztmals bei Eidgenössischen Wahlen als «Wahlpostillon» unterwegs ist.

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