Bis die Farbe gefror: Bergbilder von Barbara Gwerder in Luzern

SDA

10.1.2020 - 13:04

Von der Alp in die Stadt: Künstlerin Barbara Gwerder zeigt ihre vielschichtige Malerei, die im Berggebiet ob Muotathal entstand, in der Luzerner Kunsthalle.
Source: KEYSTONE/URF

Eingeschneit auf der Ruosalp, als Exotin mit Pinsel zwischen Berglern und ausgestattet mit einem 100'000-Franken-Stipendium, hat die Künstlerin Barbara Gwerder starke Bilder geschaffen, die nun in der Kunsthalle in Luzern zu sehen sind.

In Luzern, sagt Barbara Gwerder, da dürfe man ruhig etwas mutiger sein. Sie habe daher von den über 100 Bildern, die während ihres Projekts «AlpStreich» in der Bergwelt entstanden, besonders abstrakte und herausfordernde Werke gewählt.

Und so hängen und stehen in der Kunsthalle, wo die Vernissage mit dem Titel «Mitten im Motiv» am Freitag Vernissage feiert, über 20 grossformatige Bilder, auf denen die imposante Berglandschaft zwischen Uri und Schwyz mal mehr und mal weniger detailliert nachempfunden ist. Es ist jenes Panorama, das durch den tödlichen Felssturz 2017 plötzlich in den Fokus der Öffentlichkeit geriet, als zwei Arbeiter auf dem Felsweg oberhalb der Ruosalp im Geröll starben.

Damals weilte Gwerder zwar bereits nicht mehr auf dem Berg. Aber den «Schlitz», wie sie den Felsenweg nennt, den kennt sie, den malte sie, der hat sich in ihr bildliches Gedächtnis eingebrannt wie überhaupt die Felsen rund um die Ruosalp. Und abenteuerlich war ihr malerisches Unterfangen ebenfalls.

«Grösstes Atelier der Welt»

Die schroffe Landschaft diente als Motiv und Arbeitsort zugleich. Ab Herbst 2015 quartierte sie sich während rund einem Jahr auf der Alp ein, im «grössten Atelier der Welt», wie sie sagt. Sie habe sehen wollen, was mit ihr und ihrer Kunst passiere, wenn sie an einen extremen Ort gehe, an einen Ort, der sie herausfordere.

«AlpStreich» nannte sie das Vorhaben, für das die 52-jährige gebürtige Schwyzerin vor fünf Jahren den Prix FEMS der Fondation Edouard et Maurice Sandoz gewann. Ausgewählt aus 98 Bewerbern, als erste Zentralschweizerin überhaupt. 100'000 Franken erhielt sie.

«Am Anfang dachte ich, ich bin steinreich», sagt Gwerder. Doch man müsse einen Beitrag in dieser Höhe auch aushalten können. So gelte es, andere Arbeiten, die bislang Geld gebracht hätten, zurückzulassen. Anderseits habe sie die Narrenfreiheit genossen, Geld und Anerkennung bereits vor dem Malen zu haben und konnte «voll loslassen».

Schaufeln und schmelzen

Rund ein Jahr blieb sie auf 1800 Metern über Meer, liess sich im Winter einschneien, heizte den Melkgaden, den ihr Älpler Max Herger überliess, dürftig auf. Klo? Keines. Schnee schmolz sie zu Trinkwasser, las mit Stirnlampe Bücher, war viel alleine und ging alle paar Wochen mal mit Ski und Schneeschuhen ins Tal.

Sie sei psychisch und physisch an ihre Grenzen gekommen. Alltägliche Sachen hätte zwar viel Zeit gebraucht, gleichzeitig habe sie in der Einsamkeit viel Zeit erhalten um sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Am Feuer schnitzte Gwerder aus dem Tannenholz, das sie zuvor fürs Heizen zu Berge gekarrt hatte, 3000 Edelweisse, die in der Kunsthalle zu sehen sind. Diese seien ihr «Rettungsanker» gewesen in den dunklen Stunden am Feuer im Rauch.

Zurück zu den Wurzeln

Hauptbeschäftigung aber war das Malen. Die MDF-Holzplatten, auf denen sie mit Tusche, Acryl, Öl und Kreide den Berg einfing, schleppte sie von einem Ort zum andern. Alle Bilder entstanden im Freien. Das Wetter malte mit. Es gab Tage, da liess der Regen die Linien verlaufen und andere, da gefror die Farbe ein. «Den Nebel hatte ich sehr gerne», sagt Gwerder. Nebel decke ab, spiele mit dem Motiv.

Sie habe mit ihrem «BergStreich» der Gegend einen Streich spielen wollen, ausharren wollen, wenn alle anderen die Alpen verlassen. Ihr Vorteil sei gewesen, dass sie Gwerder heisse, ein gängiger Name in Muotathal, dennoch hätten die Älpler wohl auch den Kopf geschüttelt ob ihrer Arbeit. Gleichzeitig sei sie mit dem Aufenthalt zu ihren Wurzeln zurückgekehrt, ihr Grossvater genoss das Alpleben in Hilträteren, ein Tal weiter.

Sie habe aber, sagt die Künstlerin, die im Kanton Luzern lebt und arbeitet, auch der gängigen Bergmalerei einen Streich spielen wollen. Die in Luzern gezeigten Bilder sind keine detailgetreuen Bergbilder.

Sie sind eher grossflächig und ans Abstrakte grenzend gehalten. Die Farben – von Wasserblau über Abendrotpink bis Bergweidehellgrün. Auch wenn die Bilder auf den ersten Blick stark reduziert wirken, so bleibt der Berg doch stets fassbar. «Mich interessieren Linien», sagt Gwerder.

Die Ausstellung ist bis zum 15. März in der Kunsthalle in Luzern zu sehen. Parallel dazu zeigt das Stadtkino an drei Tagen den Dokumentarfilm «Über den Tannen» von Esther Heeb, die das künstlerische Schaffen Gwerders in der Bergwelt begleitete.

Zurück zur Startseite