«Sexarbeitende werden durch solche Massnahmen kriminalisiert»

Anna Kappeler

25.9.2020 - 18:00

Eine leuchtende Frauenreklame des Roland-Kinos an der Zürcher Langstrasse.
Bild: Keystone

Sexarbeiterinnen, die von Freiern den Ausweis verlangen müssen – ist das der richtige Weg, um das Coronavirus einzudämmen? Der Kanton Zürich ist davon überzeugt und erhält Schützenhilfe aus der Politik. Doch es hagelt auch Kritik.

Die Meldung lässt aufhorchen: Im Kanton Zürich müssen Prostituierte neu Name und Telefonnummer ihrer Freier erheben, ja dazu einen amtlichen Ausweis kontrollieren. So soll sich das Coronavirus im Milieu möglichst nicht weiterverbreiten, wie der Zürcher Regierungsrat gestern an einer Medienkonferenz erklärte.

Doch ergibt es Sinn, die Kontaktdaten von Freiern zu erheben? Wollen diese nicht gerade anonym bleiben? Kommt dazu: Frauen, die illegal als Prostituierte arbeiten, werden sich wegen drohender Sanktionen ohnehin nicht registrieren können. Erfassen die Frauen aber keine Daten, werden sie gebüsst, wie Sicherheitsdirektor Mario Fehr gestern vor den Medien sagte. 

Die Kritik an der neuen Regelung kommt umgehend: «Sexarbeitende werden durch solche Massnahmen kriminalisiert und allenfalls in die Illegalität gedrängt», sagt Nina Lanzi von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ). Nachhaltige und schützende Massnahmen sähen anders aus.



Die richtige Strategie wäre es laut FIZ, den Zugang zu Beratungsstellen, Unterstützungsangeboten und Gesundheitsversorgung für alle Sexarbeitenden zu gewährleisten und zu verbessern. «Dies würde ihrer Arbeit und ihrer Gesundheit nachhaltig dienen.»

Dass Sexarbeitende nun eine Kontrollfunktion übernehmen müssten, sei nicht zielführend. «Die Umsetzbarkeit der neuen Regelung wurde offensichtlich nicht mit den Sexarbeitenden oder Basisorganisationen abgesprochen», sagt Lanzi. Sexarbeitende müssten nun damit rechnen, mit noch weniger Einnahmen auszukommen, als sie in den letzten Monaten ohnehin schon mussten. Die Branche musste zu Beginn der Coronapandemie ab Mitte März eine lange Zwangspause hinnehmen.

«Warum soll Sexbranche anders behandelt werden?»

Den letzten Punkt lässt die Zürcher Nationalrätin und ehemalige FDP-Frauen-Präsidentin Doris Fiala nicht gelten: «Wenn ich sehe, wie meine Branche – Gastronomie, Hotellerie und Tourismus – von Corona betroffen ist, mögen Sie verstehen, dass sich meine Empathie für den Wirtschaftszweig Prostitution in Grenzen hält», sagt sie. Zumal man auch im Restaurant seine Personalien angeben müsse.

«Warum also soll die Sexbranche anders behandelt werden?», fragt Fiala. «Gleiche Spiesse für alle, bitte.» Es sei weder jemand dazu gezwungen, in einem Restaurant essen zu gehen, noch sich sexuelle Dienstleistungen zu kaufen. «Wer seine Daten nicht angeben will, sollte allenfalls besser zu Hause bleiben», sagt Fiala.

Überhaupt, so Fiala: «Sicherheit ist die erste Staatsaufgabe, dazu gehört auch die Volksgesundheit. Beim Sex besteht die Gefahr einer Ansteckung mit dem Coronavirus nun einmal.» Wolle sich eine Sexarbeiterin beim Geschlechtsverkehr mit einer Maske schützen, wisse sie nicht, wie ein Freier darauf reagieren würde, und ob der gesundheitliche Schutz überhaupt gegeben wäre. «Insofern sehe ich den Ansatz des Kantons Zürich, hier mit Personalien eine Rückverfolgbarkeit anzustreben.» Deshalb sei es ein richtiger Versuch.

Kantonsrat befasst sich mit Thema

Doch gibt es überhaupt Zahlen dazu, wie viele Sexarbeiterinnen in Zürich am Coronavirus erkrankt sind? Nein, heisst es bei der FIZ. «Der Beschluss bezieht sich auf zwei Einzelfälle in der Lugano Bar», sagt Lanzi. Aufgrund eines Vorfalls in einer Liegenschaft, in der Frauen unter prekären Verhältnissen wohnen und arbeiten würden, werde das ganze Sexgewerbe mit Auflagen traktiert.

Bei der Zürcher Staatskanzlei bleibt die Anfrage nach Zahlen unbeantwortet. Ein Regierungssprecher teilt allgemein mit, dass am Montag weitere Fragen infolge eines parlamentarischen Vorstosses im Kantonsrat beantwortet würden. 

GLP, EVP und Grüne hatten bereits Anfang Monat eine dringliche Interpellation eingereicht, in der sie fragen, ob Contact-Tracing im Milieu überhaupt funktioniert.



Auch beim Zürcher Sozialdepartement, wo die Frauenberatung Flora Dora angesiedelt ist, kann man die detaillierten Auswirkungen auf die Sexarbeit noch nicht abschätzen. Dafür sei die Verordnung zu neu. «Wir werden aber im Rahmen unserer Möglichkeiten die Aufklärungsarbeit weiter verstärken und die Sexarbeitenden auf diese neue Regelung hinweisen und die Betroffenen bestmöglich unterstützen», sagt Heike Isselhorst, die dortige Leiterin Kommunikation.

Genau hier sieht die FIZ den Kanton Zürich in der Verantwortung: Es sei wichtig, dass die Sexarbeitenden im Kanton Zürich genau und zeitnah über die Massnahmen informiert würden. Dies sei eine Herausforderung, die vom Kanton bewältigt werden müsse. Ansonsten bestehe die Gefahr, dass Sexarbeitende für etwas gebüsst würden, über das sie nicht informiert wurden, so die FIZ.

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