Fehler gefunden?
Jetzt meldenVor 50 Jahren stand Esther Gemsch zum ersten Mal vor der Kamera. Die Schauspielerin spricht über den Beginn ihrer Karriere, das Auf und Ab in ihrem Leben und über einen sexuellen Übergriff.
Esther Gemsch, ich möchte mich zuerst in aller Form bei dir für meine halbstündige Verspätung entschuldigen.
Bruno, du musst dich nicht entschuldigen. Dank deiner Verspätung konnte ich vorhin grad noch einige Sachen erledigen. Wäre ich heute Morgen daheim geblieben, hätte ich diesen Kleinkram sonst nur wieder hin- und hergeschoben.
Ich stelle dir in den nächsten 45 Minuten möglichst viele Fragen. Und du antwortest bitte möglichst kurz und schnell. Wenn dir eine Frage nicht passt, kannst du auch einmal «weiter» sagen.
Okay, ich versuche, mich kurz zu halten.
Bern oder Zürich?
Das ist eine gemeine Frage. Sagen wir es so: In der Realität ist es Zürich, im Herzen nach wie vor Bern, wo ich gross geworden bin.
Hagebutte oder Kamille?
Hagebutte. Kamille lässt mich ans Kranksein denken.

Bild: blue News
blue News-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Er stellt ihnen ganz viele Fragen – immer direkt, oft lustig und manchmal auch tiefsinnig. Dabei bleibt bis zur allerletzten Frage immer offen, wo das rasante Pingpong hinführt.
Bahn oder Schiff?
Schiff – aber unter keinen Umständen ein Kreuzfahrtschiff.
Zu welcher Tageszeit hast du die besten Ideen?
Mitten in der Nacht.
Heisst das, du hast die besten Ideen im Schlaf?
Nein, ich bin ein Mensch, der spät ins Bett geht. Eine richtige Eule eben.
Wann hast du zum letzten Mal auf offener Strasse gesungen?
Heute Morgen trällerte ich ein Lied von Frédéric Chopin – bis ich bemerkte, dass alle um mich herum mich anstarrten (lacht). Hin und wieder finden es Menschen aber auch schön, wenn ich auf der Strasse laut singe. Das ist auf jeden Fall besser, als wenn ich ständig eine Schnute ziehen würde.
Über welche Nachricht in der Zeitung hast du dich zuletzt gefreut?
(Überlegt einen Moment) Pardon, im Moment fällt mir keine Schlagzeile ein, die mir Freude bereitet hat.
Jetzt bitte noch einen Satz zum neuen Jahr.
Ich wünsche uns allen, dass wir 2026 wieder mehr zu Sinnen kommen und den Weltfrieden nicht weiter aufs Spiel setzen.

«Ich wünsche uns allen, dass wir 2026 wieder mehr zu Sinnen kommen und den Weltfrieden nicht weiter aufs Spiel setzen»: Esther Gemsch.
Bild: Dan Cermak
2026 kannst du ein Jubiläum feiern …
… ich werde im Sommer 70 Jahre alt.
Stimmt – nur habe ich gerade nicht an deinen runden Geburtstag gedacht.
Sondern?
Vor 50 Jahren, also im Jahr 1976, betratst du zum ersten Mal die Kinoleinwand – mit dem belgischen Film «Rue haute».
Jesses, das habe ich komplett vergessen! Super, dass du mich daran erinnerst.
Dieser Inhalt stammt von externen Anbietern wie YouTube, TikTok oder Facebook. Aktiviere bitte "Swisscom Werbung bei Dritten", um diesen Inhalt anzuzeigen.
Wirklich wahr, dass du für deine erste Filmrolle am Strand in Tunesien entdeckt wurdest?
Das stimmt. Mit 19 sah ich in den Ferien in Tunesien zum ersten Mal das Meer. Beim Sonnenbaden hatte ich mir die Haut so stark verbrannt – ich hatte mich mit Melkfett eingeschmiert, um möglichst braun zu werden – dass ich danach nicht mehr in die Sonne durfte. Im Hotel liefen mir derweil ständig zwei Typen nach, was mir ziemlich unangenehm war. Irgendwann sagten sie, sie würden mich gerne für einen Film engagieren. Ich dachte zuerst nur: Die sind nicht ganz bei Trost.
Lag es am Sonnenbrand, dass dich die Männer engagieren wollen?
Nein, nein (lacht). Der Regisseur und der Produzent wurden auf mich aufmerksam, weil ich Französisch sprach und der belgischen Schauspielerin Annie Cordy ähnlich sah (Anmerkung der Redaktion: Cordy spielt im Film die Hauptrolle, Gemsch spielt sie in der Retrospektive).
Welchen Rat würdest du deinem jüngeren Ich geben, das am Anfang seiner Karriere stand?
Ich würde meinem jüngeren Ich raten, so zu handeln, wie ich es getan habe – zwischendurch einfach besser hinzuschauen, bevor es etwas unüberlegt angeht. Aber eigentlich möchte ich meinem jüngeren Ich keinen Rat erteilen. Denn ich wäre immer noch ich – und in jungen Jahren hörte ich kaum auf die Ratschläge anderer Menschen. Ich wollte alles selbst erleben. Die Chance ist gross, dass mein jüngeres Ich nicht auf meinen Rat hören würde.
Aktuell bist du im Schweizer Fernsehen SRF in der Kunstraub-Serie «La linea della palma – Das Caravaggio-Komplott» zu sehen. Was ging dir durch den Kopf, als dieses Rollenangebot kam?
Ich habe mich an meine Zeit in Venedig erinnert und daran, dass ich vor 45 Jahren fast besser Italienisch und Französisch sprach als Deutsch.
Wieso das?
In den 1970er- und 1980er-Jahren arbeitete ich auch als Schauspielerin in Italien in einer Theatergruppe der Commedia dell’Arte. In meinen jungen Jahren habe ich einfach gemacht. Ich war dort zuhause, wo mein Koffer stand – eine Reisende, neugierig und immer unterwegs.
Aber zurück zu deiner Frage: Als die Anfrage kam, die Rolle der Duchessa in der Serie «La linea della palma – Das Caravaggio-Komplott» zu spielen, wurde mir sofort klar, dass das eine Herausforderung werden würde – nicht zuletzt wegen der Sprache, weil ich heute nicht mehr ganz so perfekt Italienisch spreche.
Du hast die Challenge angenommen – und durchaus erfolgreich. Für die Darstellung der Duchessa wurdest du kürzlich im Rahmen der 61. Solothurner Filmtage mit dem Jurypreis ausgezeichnet. Die Verantwortlichen begründen ihren Entscheid damit, dass es dir gelungen sei «eine tiefgründige und komplexe Figur» zu zeichnen. Was macht so ein Lob mit dir?
(Überlegt lange) Dieses Lob tut gut. Ich hatte das Gefühl, dass meine Arbeit als Schauspielerin wahrgenommen wurde und die Jury sehr genau hingeschaut hat. Das freut mich sehr. Bei der Duchessa handelt es sich um eine Nebenrolle. Da hat man nicht sehr viel Zeit und viele Möglichkeiten, die verschiedenen Facetten einer Figur zu zeigen.

«Als Sprecherin konnte ich gutes Geld verdienen, zu einem hohen Preis allerdings: Schauspielerinnen, die in den 1980er-Jahren Werbung eingesprochen hatten, wurden als ‹Nutte› abgetan»: Esther Gemsch.
Bild: Dan Cermak
Wie wichtig ist es im Leben, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein?
Das ist die halbe Miete. Wäre ich 1976 nicht in Tunesien gewesen, wäre ich heute mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht Schauspielerin.
Im März 2025 antwortest du im Magazin «Tele» auf die Frage «Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Typ wieder mehr gefragt ist?»: «Im Moment fühlt es sich danach an. All die vergangenen Jahre waren ein einziges Auf und Ab.» Wie hast du es geschafft, dich von diesem Auf und Ab nicht verrückt machen zu lassen?
Eine grosse Rolle spielte die Verantwortung für meine drei Kinder. Als Mutter durfte ich mir nicht erlauben, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Da war immer die Frage: Wie schaffen wir das alles? Ich konnte mir nicht leisten, mich in der Vorstellung zu verlieren, die grösste Schauspielerin sein zu wollen. In negative Gedanken abdriften war ebenfalls keine Option. Und Jammern darüber, dass mich niemand engagieren wolle, galt schon gar nicht.
Wenn dich das Auf und Ab doch einmal fast verrückt werden liess: Wer stand mit guten Ratschlägen an deiner Seite?
Ach Bruno, um diese Frage richtig beantworten zu können, müsste ich dir meine ganze Lebensgeschichte erzählen – und dir erklären weshalb ich lange Zeit nicht mehr als Schauspielerin tätig sein wollte, nein, nicht mehr sein konnte.
Ich habe Zeit.
Mit 24 traf mich eine schreckliche Zäsur – plötzlich stand mein Leben still, und nichts war mehr so, wie ich es kannte. Während den Dreharbeiten für die TV-Serie «Die Bretter, die die Welt bedeuten» versuchte Regisseur Dieter Wedel mich zu vergewaltigen. Er misshandelte mich brutal und verletzte mich schwer. Nach diesem Horrorerlebnis stürzte ich in ein tiefes Loch. Ich konnte danach mehr als zehn Jahre nicht mehr als Schauspielerin arbeiten, zog mich stattdessen hinter die Kamera zurück.
Wie hast du Geld verdient?
Ich synchronisierte Filme, sprach Werbung ein – und brauchte diese dicke Glasscheibe im Aufnahmestudio zwischen mir und anderen Menschen wie ein Schutzschild. Die Scheibe gab mir Sicherheit und Macht. Als Sprecherin konnte ich gutes Geld verdienen, zu einem hohen Preis allerdings: Schauspielerinnen, die in den 1980er-Jahren Werbung eingesprochen hatten, wurden als «Nutte» abgetan. Viele meiner Schauspielkolleginnen und -kollegen wollten nichts mit mir zu tun haben.
Wie hast du es geschafft, diese schmerzhaften Jahre zu überstehen?
Sagen wir es so: Mir waren die Meinungen anderer Menschen grösstenteils egal. Ich wusste, was ich tat und warum – und habe die Verantwortung dafür übernommen. Ich lebte möglichst zurückgezogen. Vom jeweiligen Tonstudio ging es nach getaner Arbeit gleich nach Hause zurück. Ich ging nicht in Restaurants essen, besuchte keine Partys. Menschen, die mir zu nahe kamen, habe ich wahrscheinlich verletzt.
Den zweiten Teil des Interviews mit Schauspielerin Esther Gemsch kannst du bereits jetzt unter diesem Link lesen – oder am Sonntag, 8. Februar 2026, auf blue News.
Die TV-Serie «La linea della palma – Das Caravaggio-Komplott» ist auf Play Suisse unter diesem Link verfügbar.