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«Ich kenne die Herausforderungen und Belastungen, die sich einer Familie stellen, aus persönlicher Erfahrung»: Susanne Kunz, Schauspielerin und Mutter von zwei Kindern.
Bild: zVg
Susanne Kunz spielt im Musical «Fascht normal» eine Mutter, die eine bipolare Störung hat. Ein Gespräch mit der Schauspielerin über die Zunahme von psychischen Krankheiten – und ihren Abgang beim SRF.
Susanne Kunz, in diesen Wochen kommt man in Zürich kaum an dir vorbei. Dein Gesicht hängt an vielen Plakatsäulen. Was macht das mit dir?
Hin und wieder fühlt es sich etwas crazy an – vor allem an den Bahnhöfen.
Wieso gerade dort?
Kürzlich lief in der Bahnhofsunterführung Hardbrücke an einer animierten Plakatwand vorbei. Als die Frau darauf, also ich, anfing sich zu bewegen, bin ich total erklüpft.
Die grossflächige Plakatierung hat einen Grund: Ab dem 11. April stehst du im Theater im Seefeld im Musical «Fascht normal» auf der Bühne.
Ich finde es natürlich cool, dass die Produktionsfirma derart viel Geld in die Vermarktung dieses Musicals investiert. Es ist mir ein Anliegen, dass möglichst viele Menschen sich das Stück ansehen werden.
Aktuell seid ihr am Proben. Wie läuft’s?
Es ist eine intensive Zeit, aber es läuft sehr gut. Das hat viel mit unserem Team, aber auch mit der Thematik des Stücks zu tun. Trotz des knappen Zeit- und Probeplans darf ich sagen: Ich bin total gefordert und fühle mich beseelt.
«Fascht normal» ist die Mundart-Adaption des Musicals «Next to Normal». Im Stück spielst du Diana Gutmann, eine Mutter mit einer bipolaren Störung. Wie würdest du einem Menschen, der nicht weiss, was das ist, kurz und knapp erklären, was das für eine Krankheit ist?
Aufgrund meiner Recherchen würde ich sagen: Eine bipolare Störung ist vergleichbar mit einem Dauer-Abonnement auf den beiden Achterbahnen Blue Fire und Silverstar im Europa-Park in Rust, Deutschland. Das Problem dabei: Du weisst nie, in welcher Bahn du gerade mitfährst. Zudem ist die Intensität einer bipolaren Störung wohl um das X-fache stärker als auf einer Achterbahn.
Der deutsche Schriftsteller Thomas Melle, der selber eine bipolare Störung hat, sagt in einem «Spiegel»-Interview, für ihn sei die Bezeichnung dieser Krankheit zu lasch: «Bipolar verstehen die Leute nicht, und fast kommt es mir so vor, als seien sie froh darüber. Manisch-depressiv ist ehrlicher. Erst bin ich manisch, dann depressiv.»
Vorab sei erwähnt: Ich bin keine Fachfrau beim Thema «bipolare Störung». Eine Ärztin hat mir einmal erklärt, manisch-depressiv sei die Hardcore-Variante einer bipolaren Störung. Deshalb denke ich, die Aussage von Thomas Meller trifft zu.
Der Ausdruck «manisch-depressiv» erklärt vielleicht deutlicher, worum es bei der Krankheit geht. Während in einer manischen Phase Betroffene zum Beispiel ganz viel Geld ausgeben und sich möglicherweise sogar verschulden, sind sie in depressiven Phasen oft eher suizidal eingestellt.
Im Trailer zum Musical «Fascht normal» sagst du, dass Diana Gutmann gleichzeitig stark und schwach sei. Wie bringst du diese beide Gegensätze auf der Bühne zusammen?
Ich glaube, wir alle haben diese Polaritäten in uns drin. Auf der Bühne helfen mir die Texte der Lieder und die Musik, um mich abwechslungsweise in die extremen Stimmungsschwankungen meiner Figur einfühlen zu können. Musik berührt und bewegt uns einerseits positiv – sie kann aber auch rasch negative Erlebnisse oder Gefühle in uns an die Oberfläche kommen lassen.
Singst du gerne auf der Bühne?
I love it – auch wenn die Arbeit mit der Singstimme für mich als Schauspielerin eine grosse Herausforderung ist. Ich schätze es, wenn mich die Arbeit fordert.

«Auf der Bühne helfen mir die Texte der Lieder und die Musik, um mich abwechslungsweise in diese extremen Stimmungsschwankungen meiner Figur einfühlen zu können»: Susanne Kunz über das Musical «Fascht normal».
Bild: Luca Zanier
Psychische Krankheiten sind immer noch tabu in unserer Gesellschaft. Was müsste passieren, dass dem nicht mehr so ist?
Seit dem kollektiven Trauma der Corona-Pandemie ist in diesem Bereich viel passiert. Das hat wahrscheinlich damit zu tun hat, dass viele von uns heute ehrlicher mit sich unterwegs sind und immer mehr Menschen fühlen, dass es ihnen nicht gut geht – nicht umsonst sind viele psychiatrischen Kliniken überfüllt.
Psychische Krankheiten sind heute viel öfter ein Thema. Und das ist gut so. Wichtig wäre zudem, verstärkt darüber nachzudenken, was präventiv getan werden muss, um zu verhindern, dass diese Krankheiten überhaupt in diesem Ausmass entstehen können.
Es wäre schön, nein, wichtig, dass wir Menschen künftig wieder einen menschlicheren Umgang miteinander haben und gleichzeitig zu einem ressourcenfreundlicheren Lebensstil zurückfinden könnten. Viele sind zu stark im Hamsterrad der Leistungsgesellschaft gefangen. Ich denke, so ist die Gefahr noch ein Stück grösser, dass es einem verschnätzeln kann.
Hast du einen konkreten Tipp, der helfen könnte?
Mit sich selber regelmässig ausmachen, welche Menschen und welche Aktivitäten einem gut tun. In der Natur unterwegs sein und öfters tanzen und singen gehen.
Glaubst du, dass euer Musical helfen kann, das Tabu psychische Krankheiten zu brechen?
Davon bin ich fest überzeugt – auch deshalb, weil Musical zu oft als leichte Unterhaltung abgetan werden. Dass ein Musical in der heutigen Zeit ein schwereres Gesellschaftsthemen angeht, ist deshalb genau der richtige Weg.
Was entgegnest du einem Menschen, der psychische Erkrankungen als Modeerscheinung abtut?
Ach … sagen wir es so: Geht es darum, andere Menschen in diesem Thema zu belehren, bin ich zurückhaltend. Ich schaue lieber zuerst bei mir genau hin, statt andere vorschnell zu verurteilen. Und sowieso: Ich konzentriere mich lieber auf das Positive im Leben und in den Menschen.
Als Schauspielerin prägst du die Rollen, die du spielst. Welche deiner Rollen haben auch dich als Darstellerin besonders geprägt?
Ich bin ein Mensch, der gerne im Moment lebt. Das heisst die Rolle der Diana Gutmann prägt mich aktuell sehr, weil sie mich stark berührt. Als Mutter von zwei Kindern und Familienfrau kann ich mich gut in die Situation von Diana einfühlen.
Ich kenne die Herausforderungen und Belastungen, die sich einer Familie stellen, aus persönlicher Erfahrung. Wenn zu allem dem noch eine Krankheit obendrauf kommt, wird die Bewältigung des Alltags noch viel, viel schwerer.

«Nach meinem Abgang beim Schweizer Fernsehen SRF gingen plötzlich viele Türen auf. Heute weiss ich deshalb noch mehr: Es war die richtige Entscheidung»: Susanne Kunz.
Bild: SRF
Bist du gerne prominent?
Es geht so … gleichzeitig habe ich in den letzten Jahren je länger desto mehr Frieden geschlossen mit dem Promi-Status.
Wieso das?
Nicht zuletzt deshalb, weil ich realisiert habe, dass ich die Menschen so einfacher auf mir wichtige Themen aufmerksam machen kann.
Wann hast du es zuletzt bereut, dass du deinen gut bezahlten Job als Quizmoderatorin beim Schweizer Fernsehen SRF an den Nagel gehängt hast?
Ich habe diesen Entscheid noch nie bereut – und darüber bin ich gottenfroh. Nach meinem Abgang beim Fernsehen gingen plötzlich viele Türen auf. Heute weiss ich deshalb noch mehr: Es war die richtige Entscheidung.
Bestätigt wurde mir zudem nochmals, dass wenn mein Herz sagt «Do it now!», ich diesem Gefühl vertrauen kann. Übrigens auch dann, wenn viele Menschen um mich herum sagen: Hey, du spinnst. Das geht doch nicht. Du bist bereits 40 Jahre alt und du wirst keine Jobs als Schauspielerin finden.
Wenn du ein Musical über dein Leben schreiben könntest, wovon würde es handeln – und wie würde der Titel lauten?
In meinem Musical über mein Leben ging es um Liebe und der Suche nach der Urform davon – und wie damit Friede auf der Erde entstehen könnte.
Und wie würde der Titel des Stückes lauten?
Love is the answer.
Das Musical «Fascht normal» wird im Theater im Seefeld in Zürich vom 11. bis 30. Mai gespielt. Tickets kannst du hier kaufen.