Fehler gefunden?
Jetzt melden
So richtig scheint sie es selbst kaum glauben zu können: Audrey Werro nach ihrem Fabellauf in Stockholm.
Imago
Audrey Werro hat am Sonntag eines der grössten Rennen der jüngeren Leichtathletik-Geschichte geliefert. Wer ist die Frau, die gerade den Schweizer Laufsport neu definiert?
Es gibt Momente im Sport, die alles verändern. Für Audrey Werro kam dieser Moment am Sonntagabend in Stockholm. Die 22-jährige Freiburgerin gewann das Diamond-League-Rennen über 800 Meter in unglaublichen 1:53,98 Minuten – eine Zeit, die sie auf Platz drei der ewigen Weltbestenliste katapultiert.
Seit mehr als 40 Jahren war keine Frau mehr schneller unterwegs. Nur die Tschechoslowakin Jarmila Kratochvílová (1:53,28) und die Sowjetläuferin Nadeschda Olisarenko (1:53,43) waren jemals schneller. Werro ist zudem die erste Frau seit 1983, die die Marke von 1:54 Minuten unterbietet.
Wer Audrey Werro heute sieht, könnte meinen, dieser Aufstieg sei logisch gewesen. Tatsächlich deutete schon früh vieles darauf hin, dass hier ein Ausnahmetalent heranwächst.
Geboren am 27. März 2004 wuchs Werro in Courtepin FR auf. Schon als Jugendliche fiel sie durch ihre aussergewöhnliche Kombination aus Schnelligkeit, Ausdauer und Renngespür auf. Während viele Nachwuchsläuferinnen sich auf längere Distanzen spezialisieren, verfügte Werro über die Explosivität einer Sprinterin. Diese Fähigkeit prägt ihren Laufstil bis heute.
Ihre athletischen Anlagen dürften bei Werro, die mit drei Geschwistern aufwuchs, auch familiäre Wurzeln haben. Gegenüber SRF scherzte ihr Vater Claude Werro einmal: «Ich musste schliesslich nie 4 Kilometer in die Schule rennen.» Ganz anders ihre Mutter Philomène, die aus der Elfenbeinküste stammt. «Ich schon. Das ist in Afrika üblich. Vor allem, wenn man auf dem Land wohnt», erklärte sie. Die «schnellen Gene», wie sie in der Familie genannt werden, scheint Audrey Werro zumindest teilweise von ihrer Mutter geerbt zu haben.
International machte sie erstmals 2021 auf sich aufmerksam, als sie bei den U20-Europameisterschaften Gold über 800 Meter gewann. Ein Jahr später folgte Silber an den U20-Weltmeisterschaften.
Doch der Übergang vom Nachwuchs- in den Aktivbereich verläuft selten geradlinig. Auch Werro musste lernen, mit den Erwartungen umzugehen. Verletzungen blieben zwar weitgehend aus, doch die Konkurrenz wurde härter.
Die Saison 2024 brachte nicht den erhofften Durchbruch. An den Europameisterschaften fehlte sie verletzt, bei den Olympischen Spielen in Paris schied sie bereits im Halbfinal aus. Doch statt sich entmutigen zu lassen, nutzte sie die Erfahrungen als Antrieb.
2025 gelang ihr der grosse Schritt in die Weltspitze. Sie gewann mehrere internationale Rennen und setzte beim Diamond-League-Final in Zürich ein Ausrufezeichen: In 1:55,91 Minuten verbesserte sie den Schweizer Rekord und sicherte sich die prestigeträchtige Diamond Trophy.
Damals schien bereits vieles möglich. Dass sie jedoch nur wenige Monate später in Regionen vorstossen würde, die seit Jahrzehnten als nahezu unerreichbar galten, überrascht hingegen selbst Experten.
Das Rennen in Stockholm war nicht einfach ein Sieg. Es war eine Machtdemonstration. Werro bezwang die britische Olympiasiegerin Keely Hodgkinson, die ihrerseits britischen Rekord lief. Beide Athletinnen lieferten sich eines der schnellsten 800-Meter-Rennen der Geschichte. Hodgkinson erreichte 1:54,33 Minuten eine persönliche Bestzeit – und verlor trotzdem.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Endzeit. Noch im vergangenen Sommer lag Werros persönliche Bestmarke fast zwei Sekunden höher. In der Welt der Mittelstrecke sind Leistungssteigerungen dieser Grössenordnung auf bereits höchstem Niveau äusserst selten.
Werro verkörpert den modernen Typ der 800-Meter-Läuferin: kraftvoll, mutig und taktisch flexibel. Sie kann Rennen von vorne kontrollieren, verfügt aber gleichzeitig über einen explosiven Endspurt. Während viele Konkurrentinnen auf perfekte Rennverläufe angewiesen sind, scheint Werro unterschiedliche Rennsituationen meistern zu können.
Nach ihrem Exploit von Stockholm wird bereits darüber spekuliert, ob die Schweizerin eines Tages sogar den Weltrekord angreifen könnte. Die Marke von Kratochvílová gilt seit Jahrzehnten als unantastbar. Nach Stockholm wackelt sie plötzlich.
Werro selbst bleibt auffallend bodenständig. Als sie am Sonntagabend die Ziellinie überquerte, verzichtete sie auf Jubelgesten. Sie schüttelte nur den Kopf. «Diese Zeit ist crazy», sagte sie später ins SRF-Mikrofon. Es werde dauern, bis sie das verarbeitet habe.
Für die Schweiz bedeutet ihr Aufstieg weit mehr als eine weitere Medaillenhoffnung. Jahrzehntelang wurde die Schweizer Leichtathletik vor allem durch Sprinterinnen, Mehrkämpfer oder Hindernisläufer geprägt. Mit Audrey Werro besitzt das Land nun eine Athletin, die auf einer klassischen Laufdistanz zur absoluten Weltelite gehört.
Die Karriere der Freiburgerin steht vermutlich erst am Anfang. Mit 22 Jahren befindet sie sich im Mittelstreckenlauf noch längst nicht im Leistungsmaximum. Sollte ihre Entwicklung in diesem Tempo weitergehen, könnte Stockholm eines Tages nicht als Höhepunkt ihrer Karriere gelten – sondern lediglich als der Moment, in dem die Welt endgültig erkannte, wie aussergewöhnlich Audrey Werro ist.