Der FC Bayern und das liebe Geld – eine Chronologie dreckiger Geschäfte

Von Tobias Benz

3.12.2021

MUNICH, GERMANY - MAY 18: President Uli Hoeness of FC Bayern Muenchen and Chairman Karl-Heinz Rummenigge of FC Bayern Muenchen look on prior to the Bundesliga match between FC Bayern Muenchen and Eintracht Frankfurt at Allianz Arena on May 18, 2019 in Munich, Germany. (Photo by TF-Images/Getty Images)
Uli Hoeness und Karl-Heinz Rummenigge haben die Bayern zu grossem Erfolg geführt. Aber ging auch immer alles mit rechten Dingen zu?
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Wer neunmal hintereinander deutscher Meister wird, kann eigentlich nicht so vieles falsch machen. Trotzdem sind die Fans in München entrüstet. Zu Recht? Ein Kommentar.

Von Tobias Benz

3.12.2021

«Hainer raus! Hainer raus!», hallt es lautstark durch den Audi Dome am Grasweg 74 in München. Die Jahreshauptversammlung des FC Bayern am 25. November verkommt zur Farce. Gerade rechtzeitig auf den Klassiker gegen Dortmund macht der «FC Hollywood» seinem Namen alle Ehre.

In Wahrheit spielt es ja längst keine Rolle mehr, ob die Münchner das Duell am Samstag gewinnen, deutscher Meister wird am Schluss sowieso der FC Bayern. Kannste halt nichts machen.

Aber wie kam es überhaupt zu dieser Vormachtstellung des 31-fachen deutschen Meisters? Eine der jüngsten Massnahmen, um die sportliche Dominanz des Klubs sicherzustellen, ist der umstrittene Katar-Deal. Aber obwohl der Führungsriege in vielerlei Hinsicht ein Kranz gebunden werden darf, gab es in München auch schon das eine oder andere dreckige Geschäft.

Der FC Bayern München und das liebe Geld

Unter der Führung von Uli Hoeness und Karl-Heinz Rummenigge setzt der FC Bayern München in den letzten Jahrzehnten neue Massstäbe. Der Verein, der Anfang der 80er-Jahre finanziell so angeschlagen ist, dass Hoeness als Hauptpreis einer Tombola einst ein Abendessen bei sich zu Hause verlost, lebt 2021 auf einem anderen Planeten. Oder in den Worten von Ex-Bremen-Manager und langjährigem Hoeness-Erzfeind Willi Lemke: «Das ist so, so, so weit weg von den anderen Vereinen, dass du keine Chance hast.»

MUNICH, GERMANY - MAY 22: Joshua Kimmich of Bayern Muenchen lifts the Bundesliga Meisterschale Trophy in celebration with  players following the Bundesliga match between FC Bayern Muenchen and FC Augsburg at Allianz Arena on May 22, 2021 in Munich, Germany. After the Bavarian cabinet decided on first relaxations for outdoor events, the current Corona situation allows FC Bayern to have its last match of the season in front of 250 spectators in the Allianz Arena. Of these, 100 tickets are given to people from the health sector selected by the Ministry of Health. (Photo by Stefan Matzke - sampics/Corbis via Getty Images)
Seit neun Jahren das gleiche Bild: Zum Ende der Saison landet die Meisterschale bei den Bayern.
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Die Dominanz ist so atemberaubend, es grenzt an Wettbewerbsverzerrung. Insgesamt gewinnt der FCB, seit Hoeness und Rummenigge den Klub gemeinsam führen, 19-mal die deutsche Meisterschaft, zwölfmal den DFB-Pokal und dreimal die Champions League. Massgeblich verantwortlich für die fussballerischen Erfolge ist die stabile wirtschaftliche Situation des Klubs. Doch die lukrativen Verträge, die das Management abschliesst, haben oft einen faden Beigeschmack. Das ist nicht erst seit dem Katar-Deal der Fall.

Kapitel 1: Die Kirch-Affäre

Zur Jahrtausendwende wird in der Bundesliga das Geld neu verteilt. Der Kirch-Konzern hinter dem TV-Rechtehalter Sat.1 zahlt das Geld an die Liga als Ganzes. Zentralvermarktung nennt sich das. Die Erlösumverteilung der Fernsehrechte soll zur Ausgeglichenheit der Liga beitragen. Konkret heisst das: Jeder Verein erhält in etwa gleich viel Geld.

Die Bayern sind damit nicht einverstanden. Ihrer Ansicht nach haben sie als grösster deutscher Verein auch den grössten Anteil am Kuchen verdient. Sie fordern die Einzelvermarktung durch die Klubs, weil sie dort mehr Geld wittern. Aus diesem Grund schliesst Uli Hoeness am 9. Dezember 1999 mit den Kirch-Managern Dieter Hahn und Stefan Ziffzer einen Geheimvertrag. In dem 18-seitigen Vertragswerk vereinbaren die beiden Parteien eine exklusive Zusammenarbeit.

Die Bayern sollen bis 2003 jährlich eine Ausgleichszahlung von rund 30 Millionen Mark und ab 2003/04 bis zu 50 Millionen Mark erhalten. Zusätzlich zu den Fernsehgeldern. Im Gegenzug soll sich der Klub von nun an für die Zentralvermarktung einsetzen.

Als die Liga im Frühjahr 2000 über die Zentralvermarktung debattiert, spricht sich Hoeness ganz klar dafür aus und macht sich im Liga-Ausschuss für die Rechtevergabe an die Kirch-Gruppe stark. Der Konzern überweist bis zu seiner Insolvenz im Dezember 2002 insgesamt 40 Millionen Mark an die Bayern. Mit dem Geld kauft der FCB unter anderem Ciriaco Sforza und gewinnt 2001 die Champions League. Dank des Triumphs in der Königsklasse baut der Klub seine finanzielle Vormachtstellung nachhaltig aus.

Als der Deal 2003 durch den Journalisten Jörg Schmitt vom «Manager-Magazin» aufgedeckt wird, steht die Liga kopf. Die DFL und die Ligakonkurrenten toben. Der FC Bayern gibt sich scheinheilig. «Wir haben uns nicht kaufen lassen», lässt Uli Hoeness verlauten. «Der FC Bayern ist nicht käuflich, sondern wir sind dafür verantwortlich, dass der FC Bayern in der Zukunft optimale Bedingungen hat.»

Die DFL spricht zunächst von harten Strafen. Sogar ein Zwangsabstieg ist Thema. Daraufhin drohen die Bayern in der Person Beckenbauers, in die italienische Liga abzuwandern. Hoeness selbst gibt sich gelassen und glänzt mit Aussagen wie: «Das ist jetzt von vielen Vereinen wieder der Neid. Aber das sind wir uns ja gewohnt.»

Schon bald müssen Liga und Konkurrenten einsehen, dass sie am kürzeren Hebel sitzen. Die Macht der Bayern ist schlicht zu gross. Kannste halt nichts machen.

«Eure Scheiss-Stimmung, da seid ihr doch dafür verantwortlich und nicht wir», schoss der berüchtigte Uli Honess 2007 in Richtung der eigenen Fans.
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Kapitel 2: Ein dubioser Kick auf Malta

Am 12. Januar 2001 läuft Bayern München bei einem Freundschaftsspiel in Malta mit Bestbesetzung auf. Der 3:1-Sieg im Ta’Qali-Stadion von Valletta sorgt aus sportlichen Aspekten nicht für Schlagzeilen. Aus anderen Gründen schon.

«Dieses Spiel war offenkundig Teil jenes umfangreichen Programms, mit dem die Deutschen mit fragwürdigen Mitteln um die Ausrichtung der Weltmeisterschaft 2006 kämpften», wird die «Süddeutsche Zeitung» 14 Jahre später schreiben. Der Vertrag für die Partie wird am 1. Juni 2000 – fünf Wochen vor der WM-Vergabe – unterzeichnet. Erneut ist der Kirch-Konzern involviert. Die Rechtevermarktungsfirma CWL, die den FC Bayern repräsentiert, ist bereit, für die Fernsehrechte des Freundschaftsspiels 250’000 Dollar an den maltesischen Fussballverband zu überweisen. Eine stolze Summe für einen unausgeglichenen Kick, der ausser den Zuschauern im Stadion kaum jemanden interessiert.

WM-Bewerbungschef Beckenbauer, der am Tag der Vertragsunterzeichnung auch vor Ort und Stelle gewesen sein soll, äussert sich nicht. Fünf Wochen später geht die Stimme des maltesischen FIFA-Abgeordneten Joseph Mifsud an Deutschland.

Insgesamt werden drei Freundschaftsspiele der Bayern verdächtigt, die WM-Vergabe durch illegale Zahlungen beeinflusst zu haben. Bis heute fehlen aber die Beweise. Kannste halt nichts machen.

Kapitel 3: Von Steuerdelikten und Zollvergehen

Fans anderer Vereine bezeichnen die Bayern gerne als «Klub der Verbrecher». 2021 liegen der Kirch-Deal und die WM-Vergabe aber schon so weit zurück, dass damit oft etwas ganz anderes gemeint ist. Tatsächlich sind bei ihrem Bayern-Abgang im vergangenen Jahr sowohl Uli Hoeness als auch Karl-Heinz Rummenigge offiziell vorbestraft.

Hoeness, weil er bis zu seiner Selbstanzeige im Januar 2013 Steuern hinterzieht. 18,5 Millionen Euro sollen es laut eigener Aussage sein. Das Landgericht München kommt zum Schluss, dass es sich um mindestens 28,5 Millionen Euro handeln muss, und verurteilt den Bayern-Chef zu dreieinhalb Jahren Haft. 2016 wird er vorzeitig entlassen und mit 97 Prozent der Stimmen sofort wieder zum Präsidenten des FC Bayern gewählt.

Rummenigge muss zwar nie ins Gefängnis, wird aber 2013 zu 140 Tagessätzen à 1785 Euro verurteilt. Offenbar kann er sich nicht vorstellen, weshalb Luxusuhren, die er sich in Katar schenken lässt, in Deutschland zu versteuern sind. Genauso wenig, wie er versteht, warum sich Klub-Mitglieder gegen die Deals mit dem Wüstenstaat wehren. Womit sich der Kreis schliesst.

Kapitel 4: Der Katar-Deal

«Das ist die schlimmste Veranstaltung, die ich beim FC Bayern je erlebt habe», tobt Ehrenpräsident Uli Hoeness nach dem Debakel am 25. November 2021. Die Führungsetage kann nicht begreifen, wieso sich die Mitglieder beim Thema Katar gegen den eigenen Verein stellen.

«Jeder, der die letzten Jahre auch schon dabei war, der weiss, wie schön wir es hier haben», sagte einst Philipp Lahm über die seit 2011 stattfindenden Wintertrainingslager in Doha. Auch Beckenbauer war stets begeistert. «Ich habe noch nicht einen einzigen Sklaven in Katar gesehen», lautet der berühmte Satz des Kaisers. Und der hat nur schon aus Prinzip recht. Auch wenn er nicht recht hat.

Franz Beckenbauer will von Sklaven in Katar nichts wissen.
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Die über 6500 Gastarbeiter, die während der WM-Bauarbeiten im Wüstenstaat verstorben sind, würden dem 76-Jährigen mit Sicherheit widersprechen. Wenn sie es noch könnten. Aber auch hier hätten die Bayern die perfekte Antwort parat. Schliesslich kann der Fussball «nicht die ganze Welt retten», wie Rummenigge gerne betont.

Mit diesen Worten unterstreicht der 66-Jährige das Lieblingswort jedes Bayern-Kritikers: die Doppelmoral. Mit Blick auf die Rolle des Moral-Apostels, die sich der «Vorzeigeverein» gerne zuschreibt, eine schlicht lachhafte Aussage Rummenigges. Vor allem, wenn bedacht wird, dass die Bayern für den Sponsoring-Deal mit Qatar-Airways eine kolportierte zweistellige Millionensumme einstreichen.

Was die Mitglieder an der Jahresversammlung im Audi Dome aber so richtig auf die Palme bringt, ist, dass der FC Bayern die fiesen Machenschaften, mit denen er sich Anfang der 2000er die sportliche und wirtschaftliche Dominanz sicherte, nun auch gegen die eigenen Leute anwendet. «Nur im Dialog können wir Dinge verbessern», beteuert Rummenigge.

Dialog, welcher Dialog?

Genau das führen auch die Bayern-Fans im Schilde. Im Januar 2020 organisiert ein Fanklub eine Podiumsdiskussion zu Katar, lädt einen Menschenrechtler und den FC Bayern ein, lässt sogar Gastarbeiter einfliegen – und wer erscheint als Einziger nicht? Der FC Bayern.

Immer wieder spricht die Führungsetage davon, in den Dialog gehen zu wollen. Tut sie aber nicht. Ein Mitglied, das 2019 einen Satzungsänderungsantrag einreicht, wonach sich die Münchner bei Geschäftsbeziehungen an die UN-Menschenrechtsbestimmungen halten müssen, erhält willkürlich Stadionverbot, nachdem es bei einem Spiel der Bayern-Amateure ein völlig harmloses Banner gegen Montagsspiele hochhält. Der Antrag selbst wird an der Jahreshauptversammlung vor zwei Jahren nicht einmal zur Abstimmung zugelassen.

2021 dasselbe Bild. Einen Antrag des Mitglieds Michael Ott, der verlangt, dass der Katar-Deal nach Vertragsende nicht verlängert wird, lässt Präsident Hainer gar nicht erst zu. «Die Mitgliederversammlung ist nicht zuständig», erklärt Vizepräsident Dr. Dieter Meyer. Der Saal tobt.

Für den neutralen Betrachter entsteht der Anschein, als ob die Beziehung zwischen dem deutschen Rekordmeister und der diktatorischen Monarchie Katar doch über reine Geldzahlungen hinausgeht. Hat sich der FC Bayern etwa ausgerechnet in puncto Führungsstrategie auf einen Dialog eingelassen?

Klar ist: Der Katar-Deal bleibt bestehen. Und so ist es für die Bayern gegen die eigenen Mitglieder im Audi Dome wie gegen Borussia Dortmund in der Bundesliga. Sie gewinnen.

Kannste halt nichts machen.