Katzenjammer in Schweden nach historischem WM-Debakel

Von Marcel Allemann

1.6.2021

Wie weiter mit Johan Garpenlöv? Der schwedische Headcoach hat ein historisches Fiasko zu verantworten.
Bild: Keystone

Aus nach der Gruppenphase. Eishockey-Nation Schweden muss die grösste Schmach seit 84 Jahren verarbeiten. Für «blue»-Experte Morgan Samuelsson ist das Hauptproblem, dass aus einem Bauarbeiter ein Bankdirektor gemacht wurde.

Von Marcel Allemann

1.6.2021

«Das Fiasko ist Tatsache», titelte die schwedische Zeitung «Aftonbladet» in grossen Lettern. Und im «Expressen» war zu lesen: «Das ist nicht bloss ein Versagen, sondern ein richtiges Fiasko.» Der langjährige Nationalteam-Experte Niklas Wikegard kritisiert derweil in seiner Analyse im «Aftonbladet», die Mannschaft habe sich an dieser WM mental auf dem Level von Junioren bewegt. Er fordert, dass das schwedische Eishockey seine Herangehensweise an das physische Spiel ändern müsse, «oder sich sonst damit abfinden, ein Team aus dem Mittelfeld oder sogar der unteren Hälfte im WM-Tableau zu sein.»

Die schwedische Nationalmannschaft bekommt den Katzenjammer in der Heimat in aller Härte zu spüren. Und all jene, die dabei waren, wie etwa die beiden National-League-Spieler Henrik Tömmernes (Servette) und Magnus Nygren (Davos) müssen für den Rest ihrer Karriere damit umgehen, dass sie ein Teil dieses Fiasko-Teams waren, das für eine schwedische Schande gesorgt hat. 

«Ich denke nicht darüber nach, ob ich gefeuert werde»

Allerdings will Johan Garpenlöv, der als Cheftrainer dieses Desaster letztlich zu verantworten hat und nun massiv in der Kritik steht, nichts davon wissen, persönliche Konsequenzen zu ziehen. «Ich will weitermachen», sagte er nach der 2:3-Niederlage nach Penaltyschiessen gegen Russland, die das definitive WM-Aus bedeutete, gegenüber den schwedischen Medien trotzig. 

«Natürlich fühle ich mich nicht gut, ich bin enttäuscht. Das ist ein grosser Misserfolg für mich als Trainer und für uns als Eishockeynation. Wir sind hierhergekommen, um für Medaillen und um Gold zu kämpfen», so Garpenlöv weiter.  «Ich denke nicht darüber nach, ob ich gefeuert werden sollte oder nicht. Das Einzige, was ich jetzt im Kopf habe, ist, nach Hause zu gehen und das auszuwerten. Ich möchte weitermachen, aber ich bin nicht derjenige, der das entscheidet.»

«Das Abschneiden an dieser WM ist inakzeptabel»

Ob Garpenlöv das darf? Nach der grössten Fehlleistung seit 1937? Das muss stark angezweifelt werden. Immerhin lassen die Obrigkeiten des Verbandes ihren Trainer in ihrer ersten Reaktion nicht wie eine heisse Kartoffel fallen, sondern stärken ihm, so gut es eben geht, sogar noch den Rücken. 

«Natürlich ist die Enttäuschung riesengross und das Abschneiden an dieser WM ist inakzeptabel. Aber wir müssen den gesamten Teil überprüfen, bevor wir zu irgendwelchen Schlussfolgerungen kommen. Es ist nicht fair, den ganzen Druck auf Johan Garpenlöv zu legen. Die schwedische Eishockey-Nationalmannschaft ist ein grosser Apparat», hält Generalsekretär Johan Stark fest.

Auch Verbandspräsident Anders Larsson will vorderhand, zumindest öffentlich, nichts von einem Trainerwechsel wissen: «Es liegt keine Vertrauensfrage auf dem Tisch. Wir haben unser Bild von Johan Garpenlöv und dieses ist sehr gut. Bei der bevorstehenden Analyse geht es mehr darum, was wir mitnehmen, was wir lernen und anders machen können.»

«Schweden ist keine Bananenrepublik»

Doch wie wertet all dies ein aussenstehender Schwede? «blue News» fragte bei Eishockey-Experte Morgan Samuelsson nach. Für ihn ist das Scheitern so etwas wie eine logische Folge nach der Wahl von Garpenlöv: «Man kann schliesslich einen Bauarbeiter auch nicht direkt zum Bankdirektor befördern. Garpenlöv ist ein cooler Typ, aber er war zuvor noch nie Headcoach und hat nun das wichtigste Traineramt im Land inne.»



Dass der angeschlagene Garpenlöv nicht aufgeben will, ist für ihn logisch: «Es stehen im nächsten Jahr Olympische Spiele an, da will man den Posten bei der beliebtesten Nationalmannschaft im Land sicher nicht freiwillig räumen.» Dass der Verband dem angeschlagenen Garpenlöv nun den Rücken stärkt, überrascht Samuelsson ebenfalls nicht: «Schweden ist keine Bananenrepublik, da gibt es keine Schnellschüsse. Der Verband wird nun dieses WM-Desaster auswerten und dann in rund einem Monat entscheiden.» 

Samuelsson, der am Montag übrigens von Nati-Stürmer Gregory Hofmann gelobt wurde, weil er unter dessen Fittichen beim Schusstraining enorme Fortschritte habe erzielen können, schliesst auch nicht gänzlich aus, dass es eine Zukunftslösung mit Garpenlöv geben könnte: «Aber dann müssen sie ihm zwei erfahrene Coaches als Assistenten zur Seite stellen und nicht zwei Unbekannte wie bis anhin.»