19.05.2017 - 14:10

«Für mich sind die Nati-Cracks echte Vorbilder»

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Ein Kommentar von Patrick Lämmle
 

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Die Enttäuschung bei den Schweizern ist nach dem verlorenen Viertelfinalspiel gegen Schweden riesig. Aber nicht ein Spieler hadert mit dem Schiedsrichter, der kurz vor Schluss einen Treffer fälschlicherweise nicht gegeben hat. Man sucht die Fehler nur bei sich. Mit dieser Einstellung werden die Schweizer noch viel erreichen! Ein Kommentar.



Ich ärgerte mich vor dem TV grün und blau als der Schiedsrichter vier Minuten vor Schluss den Schweizern einen Treffer «klaute» (wir berichteten). Gut möglich, dass es beim 2:3 geblieben wäre, aber zumindest hätten die Eisgenossen die Chance gehabt, das Spiel noch auszugleichen. Ich war wirklich gespannt, was die Experten und die Direktbetroffenen dazu sagen. Im Teleclub-Studio meint der Schwede (!) Morgan Samuelsson: «Das Tor hätte 100 Prozent zählen sollen. Das hat der Schiedsrichter sehr schlecht gemacht.»

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Und dann treten die ausgepumpten und enttäuschten Spieler vor die Kamera. Sie müssen innerlich kochen, doch zu meinem Erstaunen zeigt das keiner. Die Enttäuschung ist spürbar, doch nicht einer spricht von sich aus die umstrittene, möglicherweise spielentscheidende Szene an. Dann müssen die Reporter halt ein bisschen nachhelfen und die Spieler darauf ansprechen. Doch auch so haben die Nati-Cracks die Emotionen im Griff, keiner lässt sich zu einer Aussage hinreissen, die später von den Medien in grossen Lettern abgedruckt werden könnte. Das zeugt von ganz grosser Klasse und sagt viel über die von Head-Coach Patrick Fischer zusammengestellte Mannschaft aus (hier lesen Sie, was Fischer nach dem Spiel sagte).

Das inflationär nach fast jedem Sieg verwendete «die Mannschaft hat Charakter gezeigt» passt hier für einmal wirklich. Für mich bedeutet das im Sport stets positiv konnotierte «Charakter zeigen», dass Spieler die Fehler bei sich selbst suchen und nicht beim Nebenmann oder dem Schiedsrichter. Das Motto muss lauten: «Verwende deine ganze Energie dafür, dein Bestes zu geben. Deine eigene Leistung ist das Einzige, was du beeinflussen kannst. Alles andere liegt nicht in deiner Macht und ist deshalb nicht dein Problem.» Was bringt es, sich über einen Schiedsrichterentscheid zu ärgern? Haben sie in ihrem Leben schon einmal einen Schiedsrichter gesehen, der einen Entscheid aufgrund der Reklamationen zurückgenommen hat? Ich nicht.

Die besten Bilder der Eishockey-WM

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Und genau dieses Motto haben die Schweizer während des ganzen Turniers gelebt. Wäre ich Trainer, egal ob im Eishockey, Fussball oder in einer anderen Sportart, so würde ich meinen Spielern die Szene vom nichtgegebenen Tor und dann die Interviews der Spieler zeigen. Für mich sind unsere Nati-Cracks echte Vorbilder an denen man sich orientieren sollte. Denn eins ist auch klar: Ist diese Mentalität, die sich auch antrainieren lässt, in den Köpfen tief verankert, so werden sich die Erfolge wie durch Zauberhand von alleine einstellen. Man gewinnt deswegen nicht gleich jedes Turnier, aber die Chance, es tatsächlich einmal zu schaffen, steigt um ein Vielfaches. Denn das spielerische Talent ist das eine, aber die meiner Ansicht nach noch wichtigere Komponente ist die mentale Stärke. Denn damit kann man kleinere spielerische Defizite wettmachen. Man kann die Grenzen zu seinen Gunsten verschieben. Wenn die Schweizer Nati-Cracks diesen Weg kontinuierlich weiter gehen, so bin ich überzeugt, dass sie irgendwann in den nächsten Jahren an einem grossen Turnier wieder einmal eine Medaille gewinnen – vielleicht sogar die goldige.

Das haben die Spieler in den SRF-Interviews gesagt

Ambühl: «Es nützt nichts, wenn man jammert. Du musst einfach versuchen weiterzumachen und das haben wir gemacht. Und das hat schlussendlich nicht gereicht. Man muss jetzt im Nachhinein nicht lamentieren, es ist jetzt einfach so. Wir haben verloren.»

Praplan: «Es tut weh, die Saison ist jetzt zu Ende.» Kann man sagen, dass die Schweden die richtigen Sieger sind in diesem Spiel, will der Reporter wissen: «Ja, ich glaube, wenn man das ganze Spiel anschaut wahrscheinlich schon.» In seiner kurzen Analyse erwähnt Praplan zwar den nicht gegebenen Treffer, aber er tut es sachlich und ohne irgendeinen Seitenhieb gegen den Schiedsrichter.

Schlumpf auf das nicht gegebene Tor angesprochen: «Ich bekomme einen super Pass von Schäppi und dann schiesse ich und der Puck rollt irgendwie rein. Aber offenbar hat der Schiri vorher abgepfiffen. Ja, es ist schade, dass sie den Treffer nachher nicht geben.» Genau so war es ja auch. Reporter: «Das hat mental sicher einen Knick gegeben? Wie sind sie damit umgegangen?» Schlumpf: «Ja, es wäre natürlich super gewesen, wenn der Treffer gezählt hätte. Aber nachher haben wir einfach versucht, noch mehr Druck zu erzeugen. Schlussendlich war es schade, dass das nicht gereicht hat.»

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