Handball oder Fussball? Angerers Weltkarriere begann mit einem Los-Entscheid

Michael Wegmann

7.4.2025

Angerer: «Das Los hat sich für Fussball statt Handball entschieden»

Angerer: «Das Los hat sich für Fussball statt Handball entschieden»

01.04.2025

Sie trägt Hut und ist eine coole Socke! Die Goalie-Trainerin der Frauen-Nati war Weltfussballerin, fünffache Europa- und zweifache Weltmeisterin. Weil sie bis 16 auch in der Handball-Auswahl war, habe sie damals Zettelchen gezogen, wie sie blue Sport beim Bar-Gespräch erzählt. 

,
,

Michael Wegmann, Michael Schifferle, Ronja Zeller

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Nadine Angerer ist zweifache Weltmeisterin, fünffache Europameisterin und seit März 2024 Goalie-Trainerin der Schweizer Frauen-Nationalmannschaft.
  • Ihre Karriere wurde durch ein Los entschieden, als sie sich als Jugendliche zwischen Handball und Fussball entscheiden musste.
  • Ihren Durchbruch im DFB-Team schaffte sie 2007 nach einem Kreuzbandriss der Stammtorhüterin – und blieb bei der WM ohne Gegentor, inklusive gehaltenem Penalty im Final.

Nadine Angerer – das ist fraglos die Antwort des Frauenfussballs auf Oliver Kahn oder Manuel Neuer. Eine Klassetorhüterin, charismatisch, ehrgeizig, und in Sachen Titel ist die inzwischen 46-jährige Angererer ihrer männlichen Konkurrenz weit enteilt. Ihr Palmarès? Zweifache Weltmeisterin, fünffache Europameisterin, Welttorhüterin des Jahres. Und seit März 2024 trimmt Angerer die Goalies der Schweizer Frauen-Nati.

Handball oder Fussball? Das Los hat entschieden

Wer nun denkt, diese beispiellose Karriere, habe sich früh abgezeichnet, der irrt. Der reine Zufall hat eine grosse Rolle gespielt, wie Angerer gegenüber blue Sport zugibt – genauer gesagt: das Los hat entschieden. Das Los? Angerer klärt auf: «Ich komme aus einer sehr sportbegeisterten Familie. Meine Mutter war Triathletin, mein Vater hat früher Handball gespielt und ich war immer mehr dem Ball zugeneigt. Also ich habe viel Tennis gespielt, Handball, Fussball.» Und irgendwann, als sie im Handball und im Fussball in der U16-Nationalmannschaft war, musste sie sich für eine Sportart entscheiden, alleine der Zeit wegen – obwohl sie beides liebte. «Und dann habe ich je auf einem Zettel Handball und Fussball geschrieben, beide zugeklappt – und das Los entscheiden lassen.»  

Das Los hiess Fussball. Angerer sagt: «Es war Schicksal, wenn es denn Schicksal überhaupt gibt. Es hat wohl so sein sollen.»

Angerer: «Ich wollte beweisen, dass ich meinen Mund zurecht aufgerissen habe»

Angerer: «Ich wollte beweisen, dass ich meinen Mund zurecht aufgerissen habe»

01.04.2025

Bereut hat Angerer ihren Weg nie. Auch wenn sie sich zunächst zumindest der Nationalelf hinter Silke Rottenberg anstellen musste und beim WM-Titel 2003 lediglich Ersatz war. Im Rückblick sagt sie: «Klar wollte ich auch spielen und klar habe ich auch alles gegeben. Natürlich wäre es auch gelogen, würde ich behaupten, dass ich da nicht unzufrieden gewesen wäre. Aber mein Glück war, dass ich damals bei Turbine Potsdam gespielt habe, und wir waren eine der erfolgreichsten Mannschaften in Europa, haben die Meisterschaft und die Champions League gewonnen, damit konnte ich das irgendwie kompensieren.»

Ihre Chance im DFB-Tor kam erst nach zehn Jahren als Ersatzhüterin, als sich Rottenberg zu Beginn des WM-Jahres 2007 einen Kreuzbandriss zuzog. Mitleid mit der Konkurrentin – hatte sie das? Angerer sagt: «Also ich habe mich nicht gefreut. Aber ich habe schon gedacht, oh, das ist vielleicht noch mal eine Chance. Und dann habe ich mich voll und ganz auf die WM konzentriert und lief dann auch ganz gut.»

«Wenn man die Klappe aufreisst, muss man auch liefern»

Ganz gut? Das ist beileibe untertrieben. Angerer blieb in sechs Spielen ohne Gegentor und hielt im Final einen Penalty von Marta, der damals wohl besten Fussballerin weltweit. Angerer: «Wenn man vorher die Klappe so weit aufreisst, wie ich es getan hatte, Jahre zuvor und immer sagte: Ich will jetzt spielen!, dann muss man jetzt auch liefern. Das setzt natürlich auch extrem Druck frei.»

Angerer: «Nach dem WM-Titel war ich komplett leer»

Angerer: «Nach dem WM-Titel war ich komplett leer»

01.04.2025

Sie ging bekanntlich gut mit ihm um, auch wie sie im Rückblick sagt, dass sie die Spiele teils als «puren Horror» empfunden habe, weil sie so viel Druck spürte, keinen Fehler zu machen, der den Teamerfolg gefährdet hätte. «Ich kann mich noch an den Final erinnern, als drei Minuten gespielt waren und ich dachte: Oh shit, immer noch 87 Minuten! Das war ein krasses Erlebnis.» Darum sagt Angerer noch heute: «Ich war fix und fertig nach dieser WM. Ich war froh, als wir zu Hause waren. Ich war komplett leer.»  

Angerer: «... aber feiern kann ich schon»

Gleichwohl galt Angerer bei allem Ehrgeiz im Kampf um die Nummer eins als tolle Mitspielerin, die wusste, wie sie die Stimmung heben konnte. Mal wurde sie etwas gar salopp als «Partysau» betitelt. «Also für mich ist wichtig, auch einfach mal alle fünf gerade sein zu lassen. Das heisst jetzt nicht, dass ich jeden Abend in eine Bar gehe, sondern dass ich Dinge komplett abseits vom Fussball mache, verrückte Dinge auch mache, nicht über Fussall nachdenke. Aber feiern kann ich schon», sagt sie und lacht.

Ihrer Karriere, die sie auch zu Bayern München, nach Schweden und Australien führte, hat es auf keinen Fall geschadet.