«Die Schweizer sind ziemlich spiessig», soll Pia Sundhage kürzlich in einem Interview gesagt haben. Zudem sei sie nach dem Nati-Aus «verdammt sauer» gewesen. blue Sport wollte es genauer wissen und hat mit der Ex-Nati-Trainerin gesprochen.
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
- Pia Sundhage schoss in einem Interview vermeintlich scharf gegen die Schweiz.
- Jetzt spricht sie mit blue News über ihren Abgang und sie erklärt, was sie wirklich über die Schweiz denkt.
- Die Schwedin hat positive Erinnerungen an ihre Zeit als Trainerin der Nati und das Leben in der Schweiz.
Es ist ein Hammer: Im Januar 2024 stellt der SFV Pia Sundhage als Nati-Trainerin vor. Die damals 63-Jährige, 2012 als beste Trainerin der Welt ausgezeichnet, hat zuvor Top-Nationen wie Schweden, die USA oder Brasilien gecoacht und einige Titel eingeheimst. Fortan soll sie die Nati aufs nächste Level hieven. Tatsächlich führt Sundhage die Nati anderthalb Jahre später an der Heim-EM bis in den Viertelfinal.
Trotz des historischen Erfolgs lässt sie der SFV nach der EM zappeln. Denn Sundhage würde gerne bleiben, doch beim Verband will man erst mal noch alles analysieren. Und dann, rund drei Monate und zwei Testspielsiege später, ist klar: Sundhages auslaufender Vertrag wird nicht verlängert.
Nun soll Pia Sundhage in einem Interview mit der schwedischen Zeitung «Expressen» Kritik am Schweizer Verband und an den Schweizern generell geäussert haben, ist in einigen Schweizer Medien zu lesen. Doch was ist wirklich dran? blue Sport hat mit der Ex-Nati-Trainerin gesprochen.
Pia Sundhage, wenn ich an Sie denke, verbinde ich das automatisch mit «two more steps». Habe ich die wichtigste Fussball-Lektion gelernt?
(lacht herzhaft) «Two more steps» funktioniert tatsächlich immer noch. In Haiti sind die Spielerinnen sehr schnell, aber in bestimmten Situationen müssen sie zwei Schritte mehr machen.
Stimmt es, dass Sie nach dem Nati-Aus «verdammt sauer» waren? Und dies, obwohl Sie uns Schweizer kürzlich in einem Interview als ziemlich spiessig und langweilig beschrieben haben? Wie passt das zusammen?
Also, erstens wurde ich nicht gefeuert. Zweitens haben sie meinen Vertrag nicht verlängert. Und drittens habe ich das nicht gesagt. Aber wenn ich zurückblicke, dann bereue ich es, dass ich nicht die Initiative ergriffen habe, um über mein nächstes Jahr zu sprechen. Ich habe einfach abgewartet. Und das war mein Fehler.
Warum haben Sie das Gespräch nicht gesucht, wenn Sie ja weitermachen wollten?
Ich habe es ein wenig für zu selbstverständlich angesehen, dass man mit mir weitermachen will. Und das hätte ich nicht tun sollen. Ich hatte einfach das Gefühl, dass wir zwei fantastische Jahre hatten. Und ich finde, wir haben es bei der EM mehr als okay gemacht. Es war in jeder Hinsicht ein fantastisches Ereignis. Ich habe also darauf gewartet, dass sie vom Verband die Initiative ergreifen. Aber sie hatten andere Pläne. Und wenn man auf höchstem Niveau coacht, dann ist das die Realität.
Ihr Nachfolger, Rafel Navarro, war zuvor nie Chefcoach. Aber sein Verständnis für moderne Spielentwicklung und Innovation hat den Verband überzeugt. Das Ziel sei auch, ihn auch stärker in die Nachwuchsarbeit zu integrieren. Sie haben dafür sehr viel Erfahrung als Nationaltrainerin und haben ebenfalls auf viele junge Spielerinnen gesetzt …
Sie haben nie mit mir darüber gesprochen, was sie sich für die Zukunft vorstellen. Gleichzeitig wusste ich durch Gespräche mit der U19-Trainerin und den Leuten, mit denen ich zusammenarbeite, ziemlich viel über die jüngeren Spielerinnen. Und ich war entschlossen, ihnen eine Chance zu geben. Und wie Sie erwähnt haben, hatten wir einige junge Spielerinnen im Team, die dann auch an der EM eine wichtige Rolle spielten. Ich weiss also nicht, was sie damit meinen, das müssten Sie die Leute vom Verband fragen.
Gibt es etwas aus der Schweiz, das Sie vermissen? Vielleicht die Aare?
(lacht) Absolut. Ich habe meine Zeit in der Schweiz sehr genossen. Und Bern ist eine sehr schöne Stadt mit netten Leuten. Und die Schweiz ist ein wunderschönes Land. Wenn ich die Klubs besucht habe, dann habe ich auch viele Orte besucht und die Natur genossen. Aber nicht nur das. Wenn man Gastgeber einer Europameisterschaft ist, dann passiert auch etwas mit dem Land. Das habe ich 2013 mit Schweden erlebt. Und hier habe ich eine zweite Chance erhalten, das zu erleben. Ich vermisse die Reise, die wir gemeinsam bestritten haben. Und die Spielerinnen und Persönlichkeiten, die ich zwei Jahre lang coachen durfte.
Haben oder hatten Sie noch Kontakt zu Spielerinnen, seit Sie nicht mehr Nati-Trainerin sind?
Ich habe Nadine Riesen und Geri (Géraldine Reuteler) bei einem Event in der Schweiz getroffen. Und natürlich habe ich mit meinem Staff ein bisschen gesprochen. Aber mir ist es wichtig, dass ich denen, die nach mir kommen, Respekt zolle. Das ist ein Grund, weshalb ich nicht gross in Kontakt bleibe mit den Spielerinnen. Also gehe ich den nächsten Schritt und versuche nun, eine Beziehung zu den Spielerinnen aus Haiti aufzubauen und sie auf ihr bestes Niveau zu bringen.
Wenn Sie eine Top-11 aus allen Spielerinnen aufstellen könnten, die Sie je trainiert haben, wäre da eine Schweizerin dabei?
Das hängt davon ab, wie man sie bewertet, denn jede von ihnen hat eine andere Persönlichkeit, andere Qualitäten und Fähigkeiten und so weiter. Die Brasilianerin Marta wäre natürlich dabei, sie ist eine der besten Spielerinnen aller Zeiten. Aber ich war Trainerin der USA, Brasilien, Schweden, da gibt es so viele gute Spielerinnen. Auch jetzt bei Haiti habe ich mit Dumornay eine Spielerin, die bei Lyon Stammspielerin ist. Deshalb nein: Eine Schweizerin wäre nicht in meiner Top-11. Das heisst aber nicht, dass es keine Top-Spielerinnen gibt. Geri hat es zum Beispiel sehr gut gemacht. Aber da gibt es vor allem eine Spielerin, die mich als Trainerin richtig gechallenged hat.
Und wer war das?
Das war Lia Wälti. Sie ist eine sehr gute Spielerin. Das zeigte sie bei Arsenal und jetzt bei Juventus. Und in der Nati, da hat sie ihre Teamkolleginnen gut aussehen lassen, absolut! Sie hat mich herausgefordert, das Beste aus ihr herauszuholen. Sie ist eine so gute Spielerin und Leaderin, vor der alle im Team Respekt haben. Das war cool. Sie war zwar aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht immer dabei, aber an der EM hat sie das Maximum rausgeholt. Ich bin stolz auf diese zwei Jahre. Und ich glaube, wenn ich das so sagen darf, ich habe einen guten Job mit Lia und dem Team gemacht.
Gibt es noch etwas, das Sie der Schweizer Bevölkerung sagen möchten?
Auf jeden Fall! Ich hoffe, dass die Leute verstehen, dass ich für diese zwei Jahre sehr dankbar bin. Ich erinnere mich noch genau, dass mich ganz am Anfang ein Journalist fragte, ob ich in Zürich oder Bern wohnen würde. Und die Tatsache, dass ich mich für Bern entschieden habe, hat mich sehr glücklich gemacht. Ich mag die Stadt. Zweitens erinnere ich mich auch daran, dass wir ganz am Anfang noch nicht so viele Zuschauer hatten und die Leute wenig über den Frauenfussball wussten. Ich habe diesen Wandel von «nicht so wichtig» bis zum ersten EM-Spiel in Basel gegen Norwegen miterlebt.
An der EM war die Stimmung tatsächlich fantastisch …
Die grosse rote Zuschauermenge hat den Unterschied gemacht. Ich mag es, wenn man gemeinsam etwas erreicht. Wenn etwas ein grosses Ereignis werden soll, muss man es gemeinsam angehen. Für die EM brauchte es eine Fussballmannschaft, es braucht ein Trainerteam, aber es braucht auch ein unterstützendes Publikum und die Medien. Ich erinnere mich auch daran, wie Beatrice Egli die Schweizer Hymne gesungen hat vor dem Norwegen-Spiel. Ich war 10 Meter von dieser Frau entfernt und das war ein Gänsehautmoment. Das ist auch ein Bild, das ich in meinem Herzen trage.
Dann sind sie also gar nicht mal so sauer auf uns?
Natürlich nicht. Ich bin die Glückliche. Ich war in vielen Ländern unterwegs und habe gelernt, jede Erfahrung zu geniessen – ob in der disziplinierten Schweiz, im lebensfrohen Brasilien oder im gefährlichen Haiti. Aus allem kann man etwas mitnehmen. Die Schweiz ist eines der Länder, an die ich mich immer erinnern werde. Dafür bin ich sehr dankbar.